Es gibt sie als mächtige Kathedralen und unscheinbare Wegkapellen, als barocke Schmuckstücke und Betonklötze mit Lagerhallen-Charme: Rund 44.000 Kirchen prägen im Jahr 2026 in Deutschland das Bild von Städten und Dörfern. Seit 2015 sind allerdings bereits rund 1.000 Gotteshäuser umgenutzt, verkauft oder abgerissen worden, wie eine Umfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) bei den 20 evangelischen Landeskirchen und 27 katholischen Bistümern ergeben hat.
Dieser Trend wird sich aufgrund des Mitgliederschwunds und der rückläufigen Finanzmittel der Kirchen in den nächsten Jahren fortsetzen. Bei den Protestanten liegt die Evangelische Kirche im Rheinland (EKiR) mit 180 entwidmeten Kirchen und Gottesdiensträumen seit 2015 an der Spitze, gefolgt von der Landeskirche von Westfalen mit 120 Kirchen und Gemeindezentren.
Wie in vielen anderen Bistümern und Landeskirchen auch läuft in der EKiR - die insgesamt noch 1.350 Kirchen auflistet - ein Prozess zur Gebäudebedarfsplanung. Man erwarte, dass dabei "zwischen 30 und 50 Prozent der kirchlichen Gebäude aus der kirchlichen Nutzung genommen werden", teilte ein Sprecher mit. Ähnliche Einschätzungen kommen von den anderen 42 Umfrage-Teilnehmern.
Ziel: Gute Nachnutzung und Erhalt der Gebäude
Spitzenreiter auf katholischer Seite ist das Bistum Essen, in dem - allerdings schon seit dem Jahr 2000 - 131 Kirchen aufgegeben wurden. Die Zahl fällt umso mehr ins Gewicht, als es den Angaben zufolge im Jahr 2000 nur rund 360 Kirchen und Kapellen im Bistumsgebiet gab. Mit größerem Abstand folgt dann das Bistum Trier, wo seit 2015 etwa 60 Gotteshäuser profaniert, also "weltlich gemacht" wurden. Eine solche Entwidmung bedeutet aber nicht gleich Verkauf oder Abriss: Generell werde in diesen Fällen "eine gute Nachnutzung und der Erhalt des Gebäudes angestrebt", teilte eine Sprecherin mit. Häufig handle es sich um soziale Konzepte wie Wohnungen oder Kitas.
Unkonventionelle Umnutzungen gibt es in den Bistümern Aachen und Hildesheim: Während in Aachen 13 Kirchen als Columbarien, also Begräbniskirchen für Urnenbestattungen, dienen, soll in Hildesheim künftig eine Kirche zur Sternwarte umgerüstet werden. Die Protestanten in Berlin-Brandenburg haben derweil eine Flüchtlings- und eine Hörspielkirche im Angebot, sowie die ehemalige Schlosskirche Cottbus, die heute eine Synagoge ist. Im vorigen Jahr sorgte die "Boulderchurch" in Bad Orb für Aufsehen, wo aus einer katholischen Kirche ein Ort für Kletterer geworden ist. Auch Archive und Depots haben in Kirchen schon ihren Platz gefunden. Eine gern gesehene Kooperation ist die mit anderen christlichen Gemeinschaften: Allein die Landeskirche von Württemberg hat laut Sprecher vier Gotteshäuser an die armenische, koptische, mazedonisch- und griechisch-orthodoxe Kirche übergeben.
Eigenverantwortung mit oder ohne Quote
Bei ihren Immobilienkonzepten arbeiten vier Landeskirchen und fünf Bistümer mit konkreten Vorgaben, die einen Finanzierungsstopp für 30 bis 40 Prozent des Gebäudebestands anstreben. Nur die Protestanten in Kurhessen-Waldeck gehen darüber hinaus: Hier sollen nach Abschluss der Planungen nur noch 30 Prozent der Immobilien für Zuschüsse antragsberechtigt bleiben. Das schließe aber nicht aus, dass Kirchengemeinden die restlichen 70 Prozent "durch eigene Finanzierung eigenständig bewirtschaften" könnten, erklärte eine Sprecherin.
32 Kirchenverwaltungen gaben in ihren Antworten an, beim Thema Immobilienabbau auf eine Quote zu verzichten.
Besonders zurückhaltend ist die Evangelische Kirche von Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz: Kirchen gehörten grundsätzlich den Gemeinden und Kirchenkreisen und würden "nicht von der Landeskirche verwaltet oder betreut", sagte eine Sprecherin. Das kirchliche Bauamt habe 2007 lediglich ein 2018 aktualisiertes Handout veröffentlicht, das den Gemeinden "eine Orientierungshilfe" im Umgang mit ihren Gebäuden geben solle.



