Es war eine Herkulesaufgabe, die sich der evangelische Kirchenkreis Nordfriesland vor der Corona-Krise auf die Fahne geschrieben hatte. Auf der Nordsee-Halbinsel Eiderstedt gibt es mit 18 Kirchen so viele historische Dorfkirchen auf engem Raum wie sonst nirgends in Deutschland. 16 von ihnen waren dringend sanierungsbedürftig. Neben feuchten Wänden waren auch kaputte Dächer ein dringendes Problem. Nach fünf Jahren Bauzeit sind die Sanierungen nun abgeschlossen. Mit einem Festgottesdienst um 11 Uhr am Himmelfahrtstag (14. Mai) wird in der Tatinger St. Magnus-Kirche gefeiert.
Pastor Michael Goltz, der die Fundraising-Aktion "Eiderstedter Schutzengel" koordinierte, freut sich, dass das Projekt ein Jahr früher endet als veranschlagt. "Wir hatten eine gute Planung und gute Handwerker. Wegen gestiegener Kosten konnten wir zwar nicht jede geplante Maßnahme umsetzen. Aber die Kirchen sind jetzt dicht und heil."
Der Weg bis zum Baubeginn in 2020 war allerdings steinig. Mehrere Jahre lang hatte der Kirchenkreis um Fördermittel gekämpft. 19,5 Millionen Euro flossen in die Maßnahmen, an denen sich der Bund mit 9,35 Millionen Euro beteiligte. Die Kirchengemeinden, der Kirchenkreis und die Nordkirche stemmten noch einmal die gleiche Summe. Weitere 500.000 Euro kamen vom Land. Der Rest, etwa eine Million Euro, wurde durch Spenden eingeworben.
"Es ist schön zu sehen, dass die Menschen ihre Kirchen nun neu entdecken", sagt Goltz. Als Beispiel nennt er St. Pankratius in Oldenswort, deren Sanierung mit 2,8 Millionen Euro besonders teuer war. Das Chorgewölbe war einsturzgefährdet und deshalb über mehrere Jahre durch eine Wand vom Kirchenschiff getrennt. Der Gemeinde blieb der Blick auf den prächtigen Flügelaltar von 1592 verwehrt. Das Gewölbe, der Turm und die Mauern wurden jetzt ertüchtigt, das Dach neu gedeckt. Nun ist die Sicht in den hellen Chorraum wieder frei.
Die Kirchen in Tating, Osterhever, Garding, Poppenbüll, Tönning und Welt, Kating, Witzwort, Uelvesbüll, Westerhever, Katharinenherd und Tetenbüll, Koldenbüttel und St. Peter-Dorf in St. Peter-Ording wurden ebenfalls saniert. Die meisten Kirchen stammen aus dem 11. bis 13. Jahrhundert und wurden auf Warften gebaut. Deshalb waren die Probleme bei allen ähnlich.
Bei allen Kirchen ähnliche Probleme
Im späten Mittelalter bestand Eiderstedt noch aus zwei Inseln und einer Halbinsel, der Boden war nass. Später wurden die Inseln zusammengelegt und dem Boden die Feuchtigkeit entzogen, die Kirchen verloren an Halt. Durch Temperaturunterschiede während der Jahreszeiten bewegten sich Fundament und Mauern.
Ein zusätzliches Problem: Die Außenwände vieler Kirchen wurden nachträglich mit Zement verfugt. Wasser drang in die Backsteine ein, Feuchtigkeit drang durch die Mauern ins Kircheninnere und bedrohte das Inventar.
Bei starkem Wind lösten sich zudem immer wieder Schieferplatten von den Dächern und flogen über die Kirchhöfe. 14 Kirchen mussten neu eingedeckt werden. Mit 100.000 neuen Schieferplatten entsprach das der Größe eines Fußballfeldes.
Propst: Kirchen mit Leben füllen
Nordrieslands Propst Mathias Lenz mahnt, die sanierten "Schätze" nun mit Leben zu füllen. Von den knapp 12.000 Einwohnern auf Eiderstedt seien 8.500 Mitglieder in der evangelischen Kirche. Hinzu kämen jeden Sommer zahlreiche Touristen, die die Angebote der Kirchen nutzten. Das reiche aber nicht. "Wir wollen die Kirchen öffnen für die ganze Gesellschaft, für Vereine und Gruppen."
So gibt es Pläne, aus der St.-Marien-Kirche in Witzwort ein Gemeinschaftshaus zu machen. In der St. Magnus Kirche in Tating fanden in den vergangenen Sommern bereits Ausstellungen statt, die 16.000 Gäste pro Saison anzogen. "Wir brauchen weitere Impulse und Ideen, sonst können wir die Kirchen nicht halten", sagte Lenz.
Ein Sorgenkind bleibt
Die Frage "Wofür sind Gottes Häuser gut?" besprechen an Himmelfahrt auch der Braunschweiger Alt-Bischof Christoph Meyns und die Bischöfin der Nordkirche, Nora Steen, bei einer Podiumsdiskussion. Steens Haltung in dieser Sache ist klar: "Kirchen im ländlichen Raum haben für die Menschen vor Ort eine besondere Bedeutung und sind oft Ausdruck einer gewachsenen Geschichte."
Sie seien prägende Wahrzeichen und zugleich lebendige Räume, die Menschen zusammenbringen, erklärte sie auf Nachfrage. "Sinkende Mitgliederzahlen fordern uns heraus, neue Formen der Nutzung und Zusammenarbeit zu entwickeln. Die sanierten Kirchen bieten dafür beste Voraussetzungen."
Sorgenkind bleibt in dieser Hinsicht aber die Nikolaikirche in Kotzenbüll. Sie gehört mit zum Kirchen-Ensemble auf Eiderstedt. Durch Baumaßnahmen wurde sie vor dem Einsturz bewahrt. Die komplette Sanierung stellte sich mit 3,7 Millionen Euro aber als zu teuer heraus. Eine Arbeitsgemeinschaft soll klären, wie die Kirche künftig genutzt werden soll. Und wie eine Sanierung noch gelingen kann. Bis dahin bleibt die Kirche geschlossen.




