Es ist lange her, dass Renate und Axel Malter ihre heutige Stelle als Pfarrer antraten. Seit 1999 teilt sich das Ehepaar eine Pfarrstelle in dem rund 1.500-Seelen-Dorf Allmannsweier, einem Ortsteil des südbadischen Schwanau (Ortenaukreis). Das Besondere ihrer Anstellung ist: die Stelle wird vom ortsansässigen Unternehmer, Martin Herrenknecht, mittlerweile zu 100 Prozent gesponsert.
Das Pfarrerspaar erinnert sich: "Damals war Theologenschwemme bei Finanzmangel. Man konnte die vielen Theologen nicht bezahlen", erzählt Axel Malter dem Evangelischen Pressedienst. Nach Stellenkürzungen um die Jahrtausendwende verblieb nur eine halbe Pfarrstelle in Allmannsweier. Die andere halbe blieb vakant.
Die Situation sei bei einer Betriebsbesichtigung des damaligen Landesbischofs Ulrich Fischer (1949-2020) bei der Firma Herrenknecht zur Sprache gekommen, berichtet Renate Malter. Nach dem Motto "Es gibt doch auch nur einen ganzen Bischof" habe Herrenknecht irritiert auf die halbe Pfarrstelle reagiert. "Worauf Fischer sagte: dann spenden Sie doch die andere halbe Stelle", zitiert sie.
Eine halbe Stelle sponsored by
Gesagt, getan - per Handschlag wurde aus der halben eine ganze Pfarrstelle, das Unternehmer-Sponsoring vereinbart per Handschlag. "Wir haben das positiv gefunden", blickt Renate Malter auf ihren Weg ins Vikariat nach Südbaden zurück. "Herrenknecht legte Wert auf Jugendarbeit. Er ist sehr mit seiner Heimat und dem Dorf verbunden," charakterisiert die Theologin den Unternehmer.
Mit der Verleihung des Gemeinsinnpreises 2025 an Martin Herrenknecht bedankte sich die Evangelische Landeskirche in Baden öffentlich für die nunmehr jahrzehntelange Finanzierung des mittlerweile auf eineinhalb Stellen aufgestockten Pfarrerdeputats. "Wir freuen uns über die großzügige Spende - ohne Wenn und Aber", betont Jörg Augenstein, der im Evangelischen Oberkirchenrat Karlsruhe die Personal- und Strukturplanung leitet.
Kirche setzt auf Teams
Die heutige Zeit erfordere jedoch eine Neukonzeption der gemeindlichen Arbeit eines Pfarrers, sagt der promovierte Theologe. Der Wandel hat, verglichen mit den 1990er Jahren, auch die Kirche erfasst: weniger Kirchenmitglieder, hohe Investitions- und Erhaltungskosten für Gebäude, ein verändertes Berufsbild und nicht zuletzt weniger Theologen. "Wir haben nicht mehr die Personen, um einen Pfarrer pro Dorf einzusetzen", sagt Augenstein mit Blick auf die Zukunft.
Stattdessen setze die Kirche "auf Präsenz in der Fläche", was bedeutet: ein Team aus Pfarrerinnen und Pfarrern, Diakoninnen und Kirchenmusikern versorgt gemeinsam mehrere Kirchengemeinden. Auch Konfirmandengruppen sollen nicht mehr wöchentlich einmal im Ort in kleiner Runde betreut, sondern am Wochenende zu großen Tagesevents zusammengelegt werden. "Wir streben eine niederschwellige Form der Seelsorge an", so Augenstein, "in Städten wollen junge Leute sich in Cafés oder Co-Working Spaces treffen."
Aufstocker:innen aus Spenden finanziert
Allein - auf dem Dorf dominiert das Vereinsleben. Doch zum Sparkurs der Landeskirche passt das Modell von Allmannsweier nicht. Landesweit sind frei finanzierte Pfarrstellen eine Ausnahme. In Heidelberg und in Betberg-Seefelden (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald) gebe es jeweils eine halbe gesponserte Pfarrstelle, sagt Augenstein. Eine Stelle in Baden-Baden sei eine Zeitlang von einer Stiftung finanziert worden, wegen finanzieller Engpässe der Stiftung in der Null-Zins-Phase jedoch in eine Stelle für einen Diakon umgewandelt worden. Bei der Telefonseelsorge und in Krankenhäusern beteiligten sich die Träger in acht und sieben Fällen an der Finanzierung der Pfarrerinnen und Pfarrer, so der Kirchenrat.
Ähnlich stellt sich die Situation in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg dar. "Es gibt nur wenige spendenfinanzierte Aufstockungen im Pfarrdienst", teilte Sprecher Dan Peter auf Nachfrage mit. Die Landeskirche forciere das auch nicht, sagt er. In der Tropenklinik in Tübingen gebe es eine 25-prozentige Aufstockung, die von der Klinik finanziert werde und in der Hochschulseelsorge Reutlingen eine spendenfinanzierte Aufstockung von 20 Prozent. Während frei finanzierte Pfarrstellen kein Modell für die Zukunft seien, suchten Kirchengemeinden, Vereine und freie Werke für Jugendreferentinnen und Diakone durchaus nach Aufstockungsmöglichkeiten und anderen Finanzierungsmodellen, so Peter.
"Frei finanzierte Pfarrstellen sind ein gutes Add-on, aber kein Modell, um flächendeckende Begleitung zu sichern", betont auch Augenstein. Renate und Axel Malter bedauern das. "Wir wollen das 'antiquierte' Modell so", sagen sie. "Wir sind ins Gemeindeleben integriert, manches Taufgespräch wurde beim Einkauf angeregt", beschreiben sie die Vorteile eines Dorfpfarrers.


