Neben dem Talar stehen die Bergstiefel

Pfarrer Michael Jäger umgeben von Jugendlichen in alpinem Umfeld mit Bergen im Hintergrund
epd-bild/privat
Pfarrer Michael Jäger hat seine Traumstelle gefunden - in den Alpen, zwischen Deutschland und Österreich.
Grenzüberschreitender Pfarrer
Neben dem Talar stehen die Bergstiefel
Füssen-Reutte kennen viele aus den Verkehrsnachrichten, wenn in Ferienzeiten am bayerisch-österreichischen Grenzübergang wieder kilometerlange Staus vermeldet werden. Michael Jäger (61) ist dort Pfarrer - und zwar auf beiden Seiten der Grenze. Was er an den Bergen so liebt und wie es ist, für zwei Kirchen in unterschiedlichen Ländern zu arbeiten, erzählt Jäger im Interview.

epd: Herr Jäger, Sie sind bayerischer Pfarrer. Ihre Kirchengemeinde Reutte liegt aber in Österreich. Wie geht das zusammen?

Michael Jäger: Es ist schon ein ganz besonderer Stellenzuschnitt. Angestellt bin ich bei der bayerischen Landeskirche. Die Evangelische Kirche in Österreich zahlt den Bayern aber Geld, damit ich die Pfarrgemeinde Reutte in Tirol gleich hinter der Grenze zu Deutschland betreue. Das hat praktische Gründe, weil Reutte in einem Talkessel liegt, der am einfachsten über Deutschland erreichbar ist. Eingebunden bin ich daher auch in die österreichischen Strukturen. Die Dienstaufsicht über mich hat der Superintendent in Innsbruck, vergleichbar mit einem Dekan in Bayern.

Und mit Bayern haben Sie dann offiziell gar nichts mehr zu tun?

Jäger: Doch, natürlich. Die Grenzen sind ja fließend. Ich lebe als Gemeindepfarrer zwar in Reutte, bin aber im Königswinkel im Allgäu für die Tourismusseelsorge zuständig. Die Angebote, die wir für Touristen machen, richten sich sinnvollerweise an Urlauber auf beiden Seiten der Grenze - also im Königswinkel und Außerfern. Die Entfernungen sind ja nicht groß. Ein Beispiel: Ich kenne durch die Pfarrgemeinde Reutte eine Eselhalterin in Ehrwald in Österreich. Die Eselwanderungen bieten wir aber natürlich auch für die Touristen auf der deutschen Seite an. Oder der Wildnispädagoge, mit dem ich die "Wilde Kirche" mache: Natürlich bewerben wir das für Tiroler wie Allgäuer und Urlauber sowieso. Die bayerisch-österreichische Grenze stellt für meine Arbeit kein Hindernis dar.

Zuvor waren Sie Pfarrer in Bozen in Südtirol. Berge sind wohl Ihre Leidenschaft, oder?

Jäger: Absolut. Mein Arbeitsgebiet in Südtirol hat ins Pustertal gereicht bis hoch Richtung Lienz zur österreichischen Grenze. Einmal habe ich ein Paar auf dem Grödner Joch getraut. Da fahre ich natürlich nicht den langen Weg sofort zurück nach Bozen, sondern habe die Gelegenheit genutzt, den Sellastock hochzulaufen. Im Kofferraum liegen neben dem Talar immer meine Bergstiefel griffbereit. Ich schaue immer, dass Zeit ist für eine kurze Wanderung in den Bergen. In den Alpen Pfarrer zu sein, wie jetzt hier in Reutte, ist für mich ein absoluter Traum.

"Man kommt zur Ruhe, erlebt die Schönheit der Natur, man kommt ins Nachdenken." 

Was ist für Sie das Besondere an den Bergen?

Jäger: Es ist ein irres Privileg, einfach mal am Feierabend wandern zu gehen. Zweimal in der Woche bin ich bestimmt in den Bergen. Jemand in München kann das nicht so einfach machen. Man kommt zur Ruhe, erlebt die Schönheit der Natur, man kommt ins Nachdenken. Je nach Wetter und Sonnenlicht sehen die Berge anders aus und vermitteln eine andere Stimmung. Schön sind sie aber immer! Man lernt demütig zu werden: Jeder Berg und jedes Wetter hat seine eigenen Anforderungen. Man muss lernen, wann ein Weitergehen gefährlich werden kann und wann man besser umkehrt, auch wenn es kurz vorm Gipfel ist. Ich empfinde das als ein großes Geschenk. Ich verdanke den Bergen so Vieles.

Berge sind ja nicht nur ein Hobby. Sie sind Urlaubsseelsorger in den Alpen, da spielen die Berge ja eine große Rolle...

Jäger: Als Urlaubsseelsorger in den Alpen sollte man schon eine gewisse Leidenschaft für die Berge haben. Die Menschen sollen ja spüren, dass da jemand von etwas spricht, für das auch sein Herz schlägt. In den Sommermonaten bieten wir Berggottesdienste auf dem Tegelberg an, auf der Alpspitze und dem Breitenberg. Beliebt sind auch unsere Sonnenuntergangsandachten am Hopfensee. Wenn das Wetter gut ist, kommen mehr als 100 Menschen.

Sie haben die evangelische Kirche in Südtirol/Italien erlebt, jetzt die österreichische. Worin unterscheiden die sich von der bayerischen Landeskirche?

Jäger: Erst einmal, dass ein Pfarrer viel größere Gebiete abdecken muss und dass es vergleichsweise wenige Evangelische gibt. Keine 300.000 in ganz Österreich, in Südtirol und dem Trentino sind es gerade mal 1.000. Zum Vergleich: In Bayern sind es rund 2,1 Millionen. In Österreich soll ein Pfarrer allein acht Stunden Religionsunterricht an mehreren Schulen geben. Mit Vorbereitung, Nachbereitung, Lehrerkonferenzen und Anfahrtswegen ist man schon fast auf einer halben Stelle. Und die Seelsorge- und Gemeindearbeit ist noch gar nicht eingerechnet. Da kommen Anforderungen zusammen, die schon beachtlich sind.

Auch die Kirchenstrukturen sind anders: Es gibt zum Beispiel keine Kirchensteuer und keine große zentrale Unterstützung, zum Beispiel bei Gebäuderenovierungen. Da sind die Gemeinden in Österreich vor allem auf sich selbst gestellt. In Bayern fragt man - grob gesagt - beim Landeskirchenamt in München an, schreibt einen Antrag und bekommt dann einen Zuschuss. Eine solche Mentalität gibt es in Österreich nicht. Das hat dann zur Folge, dass die Kirche hier in Reutte immer noch im gleichen Zustand ist wie vor 70 Jahren - innen wie außen. Die Gemeinde hatte einfach nie Geld für eine Renovierung.



Und wenn das Dach undicht ist oder das Gebäude einsturzgefährdet? Dann wird einfach nichts gemacht?

Jäger: Wir sind dabei, Einnahmequellen zu erschließen. Wir überlegen, einen Teil des Pfarrgartens zu verkaufen oder das Pfarrhaus zu vermieten. Es wird auch viel ehrenamtlich gemacht. Ein Dach, wenn es denn undicht wäre, kriegt man so schon repariert. Aber der Innenraum sieht dann immer noch aus wie vor 70 Jahren. Ihn schöner zu machen, ist ja keine bauliche Notwendigkeit. So hangelt man sich halt hier durch. Aber irgendwann kommt man auch an seine Grenzen. In Reutte haben wir gerade noch rund 490 Evangelische.

"Ich habe daher sogar eine Art Dankbarkeit für das Kirchensteuermodell in Deutschland entwickelt."

Sie haben gesagt, es gebe keine Kirchensteuer in Österreich. Wie funktioniert dann die Finanzierung?

Jäger: Über den Kirchenbeitrag. Den müssen die einzelnen Gemeinden einmal im Jahr erheben. Dazu schreiben sie ihre Kirchenmitglieder an und bitten sie, ihr Einkommen offenzulegen, damit die Höhe des Kirchenbeitrags ermittelt werden kann. Weigern sich die Kirchenmitglieder, dann muss die Gemeinde die Höhe des Kirchenbeitrags schätzen und ihn zur Not auch mit Inkasso-Unternehmen einfordern. Da wird mir ganz schummrig, das widerstrebt mir einfach als Pfarrer.

Ich kann nachvollziehen, dass das Kirchenmitglieder abschreckt und sie gleich ganz aus der Kirche austreten. Ich habe daher sogar eine Art Dankbarkeit für das Kirchensteuermodell in Deutschland entwickelt.