Nachkriegskirchen: "Banalität des Neuen"

Die evangelisch-lutherische Kreuzkirche
Nur Luis/CC/Wikimedia Commons
Die evangelisch-lutherische Kreuzkirche ist ein Kirchengebäude im Stadtteil St. St. Jürgen in Lübeck.
Störenfriede auf dem Immobilienmarkt
Nachkriegskirchen: "Banalität des Neuen"
Nachkriegskirchen droht oft der Abriss für lukrative Neubauten. Experte Hans-Achim Körber fordert im Interview ein Umdenken der Stadtgesellschaft: Können wir diese Räume des Zusammenhalts retten? Sina Worm hat ihn für evangelisch.de interviewt.

Die Sonne strahlt durch die beiden Türme des Lübecker Doms und leuchtet den Innenhof grell aus. Sein roter Backstein ist prägend für die alte Hansestadt. Doch im Schatten der weltberühmten Altstadtkirchen gibt es in Lübeck etliche Nachkriegsbauten, die in der öffentlichen Diskussion kaum vorkommen, obwohl sie in ihren Gemeinden nicht weniger stark verankert sind.

Der 68-jährige Hans-Achim Körber ist Architekt sowie Denkmalpfleger im Ruhestand und stellv. Vorsitzender des ArchitekturForums Lübeck. Er beschäftigt sich intensiv mit der Zukunft von Kirchen. In der Nachmittagssonne entspinnt sich ein Gespräch über Kirchen als Immobilien zwischen Religion und Rendite.

evangelisch.de: Sie vertreten das ArchitekturForum Lübeck und sehen sich als Stimme für Architektur, Städtebau und Umwelt. Was hat Sie bewogen, sich mit der Zukunft von Kirchengebäuden zu beschäftigen?

Hans-Achim Körber: Das verbindende Thema, für das wir uns einsetzen, ist die Baukultur als Teil einer kulturellen Identität, die wir für das Zusammenleben wichtig halten. Die Kirche und ihre Gebäude gehören zu unserer Geschichte. Insofern sind Kirchengebäude mehr als Immobilienhüllen. Es geht um ein Nachdenken darüber, was Kirchen bedeuten, gerade in dem Moment ihres Bedeutungsverlustes. Diese Szenarien sind hochaktuell.

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Die berühmten fünf Großkirchen von Lübeck gehören zum Weltkulturerbe. Sie haben aber ausschließlich die Nachkriegskirchen im Blick. Warum?

Körber: Die fünf Altstadtkirchen stellen gewaltige Herausforderungen dar, weil es fortlaufende Sanierungsobjekte sind, die sehr viel Geld fordern. Aber sie sind dennoch aktuell nicht gefährdet. Ihre Bedeutung ist breit anerkannt. Für die kleineren Kirchen der Nachkriegszeit sieht das ganz anders aus.

Inga Mueller-Haagen, Vorsitzende des ArchitekturForums Lübeck und Hans-Achim Körber

"Brutalismus" heißt der Architekturstil, der im Nachkriegsdeutschland Kirchenneubauten geprägt hat. Damit sind Gotteshäuser aus sichtbarem Beton gemeint, in denen heute viele eher Bunker als Kirchen sehen.

Körber: Das Wort "Brutalismus" ist irreführend. Der französische Begriff "Béton brut" bedeutet wörtlich übersetzt "roher Beton", bei dem die unbearbeitete Betonoberfläche und die Spuren der Schalung sichtbar bleiben. Das ist keine Wertung oder sogar Abwertung, die in dem Wort Brutalismus mitzuschwingen scheint, und es ist keine Generalformel für die Nachkriegskirchen.

Ich bleibe dabei: Richtig schön sind viele nicht.

Körber: Die Kategorien "schön" oder "hübsch" sind nur bedingt geeignet. Letztlich sind die Kategorien temporär und gewissen Moden unterworfen. Uns geht es in der Baukultur darum, solche Phasen zu überdauern und Gebäude darüber hinwegzuretten. Temporäre Urteile wie "gefällt mir" oder "gefällt mir nicht" sind keine guten Ratgeber.

Was sind denn gute Ratgeber?

Körber: Schauen wir auf die Türme des Lübecker Doms: Das sind entwaffnend nüchterne Fassaden mit vermauerten Fenstern und nichts, was die Attribute "schön" oder "hübsch" rechtfertigen würde. Und trotzdem kenne ich keine Stimme, die dieses Bauwerk im Konzert der anderen Großkirchen infrage stellt. Irgendwo steckt ein Geheimnis darin, das mit der Oberfläche der Ästhetik nicht beschrieben ist.

"Wenn man sieht, was danach gekommen ist, dann ist das die Abwesenheit von Baukultur. Es sind sprachlos machende Banalitäten"

Wie kommt man diesem Geheimnis auf die Spur?

Körber: Na ja, ein Punkt ist sicherlich der, dass die Gebäude nicht zu trennen sind von den Nutzungen. Es geht darum, im Leben der Menschen Räume und Erfahrungen anzubieten, die sich vom Alltag unterscheiden.

Und wie ist das bei den Nachkriegskirchen? Wie erschließt man sich diese Gebäude?

Körber: Auch diese Kirchen in den Quartieren und Vorstädten heben sich vom Alltag ab. Wir haben dort Wohnsiedlungen mit gleichförmiger Bebauung, in deren Kontext die Kirchen besondere Ereignisse sind. Ich bin bei der Vorbereitung unseres Treffens nochmal auf die Kirchen gestoßen, die in Lübeck bereits abgerissen worden sind. Wenn man sieht, was danach gekommen ist, dann ist das die Abwesenheit von Baukultur. Es sind sprachlos machende Banalitäten.

Blick in die Dreifaltigkeitskirche Lübeck. Der Grundstein wurde 1963 gelegt. Zu sehen sind eine schlichte Bauweise und wenig typisch kirchliches Interior.

Sie fällen ein hartes Urteil.

Körber: Die Frage, die wir adressieren, ist, ob Kirchen eine gesellschaftliche Funktion haben über die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft hinaus. Genau diese Rolle erfüllen die Neubauten nicht. Man merkt, dass gemeinwohlorientierte Fragen bei diesen nicht von Interesse sind. Aber wenn man sich der Aufgabe stellt, eine Kirche umzunutzen, dann sieht das sofort anders aus, denn der Reibungspunkt ist noch da. Es ist keine einfache Aufgabe, eine Nutzung zu finden, die sich von der Religionsgemeinschaft und dem sonntäglichen Gottesdienst lossagt, aber trotzdem mit der Besonderheit des Raumes umgeht. Das ist die Kunst. Diese Kunst wird verfehlt, wenn Kirchen zugunsten eines austauschbaren Wohnbaus abgerissen werden.

Haben Sie das Gefühl, dass die Gemeinden diese Prozesse gut hinbekommen?

Körber: Auch da gibt es keine einheitliche Antwort. Viele Entscheidungen sind für die Gemeinden Zerreißproben. Wenn Kirchengemeinden zusammengelegt werden, ist sofort die Frage da: Warum muss meine Kirche weichen, warum nicht die andere?

"Aber das ist genau der Punkt: Wir sprechen die gesamte Gesellschaft an, aus der Finanzierungsmodelle erwachsen müssen. Man darf die Kirchengemeinden damit nicht alleine lassen"

Sie beobachten Konkurrenz?

Körber: Ja. Das berührt auch immer emotionale Themen. Es gibt aber trotzdem eine Strömung in der Kirche, die nur auf das Finanzielle fokussiert. Die fühlen sich durch unsere Initiative eher gestört.

Warum?

Körber: Weil der Abriss und der Neubau lukrativer sind, als sich mit der baulichen Substanz auseinanderzusetzen. Baukultur macht Mühe und entzieht sich dem schnellen Tagesgeschäft.

Wenn die Kirche eine Immobilie ist, ersetzen wir dann Predigt durch Profit?

Körber: Das kann man nicht, eine gute Predigt ist nicht durch Profit zu ersetzen, aber genau diese eindimensionale Debatte beobachten wir. Wir sehen, dass die Diskussion, die wir anstoßen, auch als Einmischung verstanden werden kann und man unterstellt, dass von uns eine Bremswirkung ausgeht. Das ist nachvollziehbar, wenn man den Blick nur auf die finanzielle Not reduziert. Aber das ist genau der Punkt: Wir sprechen die gesamte Gesellschaft an, aus der Finanzierungsmodelle erwachsen müssen. Man darf die Kirchengemeinden damit nicht alleine lassen.

Welche Finanzierungsmodelle schlagen Sie vor?

Körber: Das ist nicht die Profession des Forums. Wir haben bewusst gesagt, dass wir nicht die Finanzprobleme lösen. Man könnte Stiftungen gründen. Wir kennen das Projekt der "7Türme+" in Lübeck. Aber lassen Sie mich noch etwas anderes sagen. Die Erfolgsgeschichte der Kirchen ist vorbei. Das hört sich erstmal nach einem Endzeitszenario an. Wenn man das Thema aber annimmt, dann steckt eine Aufbruchstimmung darin. Es geht uns nicht um Kirchen als Orte individueller, persönlicher Erfahrung. Unser Thema ist, dass Kirchen zentrale Elemente des Zusammenhalts waren und sind. Wenn das aufgekündigt und den Fliehkräften freies Feld überlassen wird, dann müssen wir etwas Neues dagegen setzen. Diese Suche nach einer gemeinsamen Verantwortung, das kann uns begeistern und Freude machen.

Die ehemalige Kirche St. Birgitta wurde von 1961 bis 1962 gebaut, ist inzwischen profaniert und wird jetzt als Proberaum für das städtische Orchester genutzt. Die Kirchengemeinde gibt es nicht mehr.

Sie haben 2024 einen Architektursommer unter dem Thema "Kirchendämmerung" abgehalten. Dämmert uns allen, was gerade passiert?

Körber: Unsere These ist, dass es nicht um private Immobiliengeschäfte geht, sondern um ein stadtgesellschaftliches Thema. Wir hatten beispielsweise das städtische Baudezernat eingeladen. Die Antwort kam prompt: "Das ist nicht unser Thema." Im planungsrechtlichen Sinne sind Kirchen Gemeinbedarfseinrichtungen und in dem Moment, wo sie aufgegeben werden, müsste die Stadtplanung darüber nachdenken, welche Nutzungen auf diesen Grundstücken planungsrechtlich zulässig sein sollen. Die Gemeinde hat die Planungshoheit und kann über die Bauleitplanung Instrumente schaffen, um sich dort einzubringen. Das sind Instrumente, die auch bei der Preisgestaltung von Bauland mitspielen. Bisher haben wir den Eindruck, dass das Signal, dass die Stadtplanung hier gefordert ist, nicht gehört wird. Ich sagte ja, dass wir als Störenfriede empfunden werden, die sich in die finanzielle Verwertung der Grundstücke einmischen.

"Das Vakuum, das Kirchen hinterlassen, ist nicht so evident. Die Preisentwicklung an den Tanksäulen ist sofort ein Thema"

Was ist das Problem? Sie kommen doch mit guten Absichten.

Körber: Wir adressieren an alle und zwar nicht feindselig. Wir strecken die Hand aus, nicht die geballte Faust. Die Kritik, die wir am lokalen Geschehen äußern, hat eine konstruktive Form. Die Adressaten aus Politik und Verwaltung sind dennoch selten zu sehen. Ich frage mich, warum das so ist und wo genau die Berührungsängste sind.

Haben Sie eine Antwort?

Körber: Es gibt genug Ablenkungsmanöver. Das Vakuum, das Kirchen hinterlassen, ist nicht so evident. Die Preisentwicklung an den Tanksäulen ist sofort ein Thema. Aus meiner Sicht ist der aktuelle Benzinpreis jedoch trivial verglichen mit dem Verlust, der durch den Rückbau von Kirchen droht.

So spiegelt sich genau darin der Bedeutungsverlust der Kirchen wider?
Es gibt eine Menge von Ersatzbereichen wie die sozialen Medien, die auf gespenstische Weise Stimmungen lenken. Das kann so nicht passieren, wenn man analoge Wege der Begegnung wählt. Diese "Möglichkeitsorte" dürfen nicht verloren gehen.

Glauben Sie, dass die Leute denken, zu dem Thema ist nun wirklich alles gesagt? Mitgliederschwund bei den Kirchen, klamme Kassen…

Körber: Ja, das sind Reizworte. Wenn man dann noch sagt, vielleicht ist die gesamte Gesellschaft gefordert, dann könnten Politiker schon Unheil wittern und sagen: Lasst uns in Ruhe, das soll der freie Markt regeln. Unsere These lautet dagegen, dass das der freie Markt eben nicht regelt. Das ist unbequem.

Aber kommt nicht die Kirche an genau dieser Stelle in der Gegenwart an? Die Diskussion als "Realitätscheck"?

Körber: Ja, da haben Sie Recht.

Wie bleiben die Kirchen – trotz allem - in der Gesellschaft verankert?

Körber: Ich rate dazu, den intellektuellen Hunger nicht zu unterschätzen, Themen anspruchsvoll zuzuspitzen und sich fordernder, experimentierfreudiger zu Wort zu melden.

Weitere Infos:
Rundfunk-Sendung über neue Nutzung von Kirchengebäuden,
Dlf Kultur, "Feiertag" von Uwe Birnstein. 
Die Sendung lief Ostersonntag, 5. April. 

https://rundfunk.evangelisch.de/feiertag/15696/feiern-klettern-arbeiten
 

Forum
Das ArchitekturForum Lübeck ist ein unabhängiger Zusammenschluss von Stadtplanern, Architekten und Bürgern. Ziel des Forums ist es, sich mit fachlicher Stimme zu baulichen Fragen von öffentlichem Interesse zu Wort zu melden und den Dialog mit der Öffentlichkeit zu führen. Der eingetragene Verein hat mehr als 150 Mitglieder. Das Forum hat mit dem Titel "Kirchendämmerung" ein umfangreiches Heft aufgelegt, das sich mit der Zukunft von Kirchen beschäftigt. Interessenten können das Heft über das Lübecker ArchitekturForum bestellen. Der Preis beträgt fünf Euro.

Zahlen
In Lübeck gibt es nach Angaben des ArchitekturForums etwa 15 bis 20 Kirchenbauten der Nachkriegszeit. Genaue Zahlen variieren, da etliche dieser Bauten mittlerweile profaniert, umgenutzt oder abgebrochen wurden.

In Deutschland gibt es nach Angaben der Bundeszentrale für Politische Bildung schätzungsweise etwa 45.000 Kirchenbauten. Bei Zahlen zu Kirchen, die nach 1945 erbaut wurden, geht man von 5.000 bis 6.000 aus. Viele dieser Kirchen gaben Flüchtlingen nach dem zweiten Weltkrieg ein religiöses Zuhause. Laut einer Untersuchung der Süddeutschen Zeitung wurden seit 1990 bundesweit 603 römisch-katholische Kirchen und 444 Gotteshäuser der Evangelischen Kirche in Deutschland "profaniert", das heißt, entwidmet.

Stiftung 7Türme+ in Lübeck
Im Herzen Lübecks erzählen die fünf Altstadtkirchen mit ihren sieben Türmen als weithin sichtbare Zeugen die Geschichte der Stadt. Sie gehören zum Weltkulturerbe. Die Stiftung will sich nach eigener Aussagen für den Erhalt dieser "globalen Wahrzeichen" einsetzen und nicht weniger als ein Vermächtnis für die Ewigkeit schaffen. Schirmherr der Stiftung ist der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck.