Prinzipien sind nützlich. Auf der Straße des Lebens bilden sie die Leitplanken, die dafür sorgen, dass man nicht vom rechten Weg abkommt. Aber Prinzipien machen auch unflexibel. Manchmal, sagt der Volksmund, muss man Fünfe gerade sein lassen. Eine Tierärztin weigert sich standhaft, mit ihren Schutzbefohlenen zu reden, obwohl dies die einzige Möglichkeit wäre, um einem Hund die Angst vor der Spritze zu nehmen: Das ist weder logisch noch vernünftig, sondern bloß stur; und ein typischer Drehbucheinfall.
Ein ähnliches Phänomen zeigt sich bei einer komplett eindimensionalen Nebenfigur, die ausschließlich ans Geld denkt, wo andere ihr Herz sprechen lassen würden. Beide Handlungselemente folgen einzig und allein dramaturgischen Aspekten. Das unterscheidet, unter anderem natürlich, Alltagsfernsehen von guten Filmen. Dort mögen solche Kunstgriffe ebenfalls vorkommen, aber dann sind sie besser kaschiert.
Die Freitagszielgruppe des "Ersten" wird das alles nicht stören, ebenso wenig wie die klare Verteilung der Titelrollen von "Zwei Frauen für alle Felle". Tatsächlich machen die grundlegenden charakterlichen Unterschiede zwischen Praxisbesitzerin Maja Freydank (Bettina Zimmermann) und ihrer angestellten Kollegin Julia Kramer (Meriel Hinsching) den besonderen Reiz der Geschichten aus, auch wenn die von Antonia Rothe-Liermann und Reihenschöpferin Anja Flade-Kruse gemeinsam entwickelte Story der insgesamt dritten Episode die Gegensätze – hier das Bauchgefühl, dort die strikte Faktenorientierung – nicht mehr so konsequent zuspitzt wie zum Auftakt.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Diesmal äußern sich die Differenzen in anderer Hinsicht: Die von Maja übernommene Praxis in Naumburg (Sachsen-Anhalt) ist heruntergewirtschaftet und veraltet. Es müssten dringend neue Geräte her, aber die Rücklagen sind aufgebraucht, weil die Stammkundschaft im Zweifelsfall auch mal gratis bedient wird; deshalb kann sich die Ärztin Julias Gehalt nicht mehr leisten. Auch menschlich gibt es offenkundige Divergenzen: Maja, wie alle Freitagsheldinnen eine Einmischerin aus Überzeugung, ist ein offenes Buch, Julia hält sich bedeckt, was ihr Privatleben angeht.
Einigkeit herrscht immerhin bei der Überzeugung, niemanden zu einer unnötigen Operation zu überreden. Verletzungen sollen nach Möglichkeit konservativ behandelt werden, und genau darum geht es beim zentralen Konflikt des Films: Eines Morgens steht ein herrenloses Pferd. Das Tier hat eine Verletzung am Bein, seine Heimat ist ein Gestüt in der Nähe. Icarus ist, wie sich schließlich rausstellt, ein erfolgreiches Turnierpferd. Die junge Springreiterin Selma (Hannah Gharib) hat beste Aussichten, eine demnächst anstehende Meisterschaft zu gewinnen.
Die Behandlungsmethode der beiden Ärztinnen würde jedoch einen monatelangen Ausfall bedeuten. Damit Icarus und Selma möglichst bald wieder trainieren können, soll das Tier von Majas Gegenspieler, Klinikchef Sebastian Pfeifer (Max von Pufendorf), operiert werden. Die Botschaft ist klar: Ein Pferd ist kein Sportgerät. Das Drehbuch ergänzt den zentralen Handlungsstrang um einige Nebenebenen, die die Geschichte um emotionale Momente bereichern.
Pferdepflegerin Mia (Emma Forchel) erzählt Julia, die auf dem Hof Reitstunden nimmt, die extrem ehrgeizige Selma reite ihr Pferd, "bis sie kotzen muss"; das erfahrene Freitagspublikum weiß natürlich, dass Übelkeit in Filmen dieser Art meist einen ganz anderen Grund hat. Selmas Freund Finn (Michael Schweisser) ist der Sohn des Hofbesitzers, den Leopold Hornung, wie Finn ganz richtig feststellt, konsequent und unnötig zugespitzt als "Vollarsch" verkörpern muss.
Für weitere Konflikte sorgt Majas Familienleben, bei dem das Drehbuch ebenfalls gewisse Stereotype bedient: Sie und ihr Mann Steffen (Kai Schumann) haben sich getrennt, aber die Teenagerkinder würden lieber beim Vater leben, weil der viel lässiger ist als die strenge Mutter. Julia wiederum kümmert sich weiterhin um ihren Bruder Leo (Matti Schmidt-Schaller), der seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt, nun aus der Reha entlassen wird und in seinen Beruf als Koch zurückkehren will.
Stefan Bühling hat "Pferdeliebe" wie schon die beiden Auftaktepisoden gefällig und nach den üblichen Standards des Sendeplatzes inszeniert. Einzige Besonderheit der Bildgestaltung (Kamera: Nathalie Wiedemann) ist ein kurzer Wechsel in die Pferdeperspektive mit Fisheye-Effekt. Das Ensemble ist dagegen ausnahmslos sehenswert, auch wenn die Fans von Wolfgang Stumph bedauern werden, dass Majas Vater in Kur ist. Immerhin hat der Film in der letzten Szene einen Überraschungsgast zu bieten, der ein würdiger Ersatz ist.


