TV-Tipp: "Der Salzburg-Krimi: Am seidenen Faden"

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5. März, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Der Salzburg-Krimi: Am seidenen Faden"
Clever kontrastiert Regisseur Franzen das Treiben des Täters, dessen Identität der Film etwa zur Hälfte preisgibt, mit der angespannten Beziehung des Kriminalpsychologen Meiberger zu seinem Sohn.

Bevor er mit "Fanny und Alexander" (1982) sein Lebenswerk krönte, hat Ingmar Bergman einige Jahre in Deutschland gelebt und hier unter anderem das nicht zu Unrecht in Vergessenheit geratene TV-Drama "Aus dem Leben der Marionetten" (1980) gedreht. Hauptfigur ist ein scheinbar harmloser Ehemann, der gewalttätige Fantasien entwickelt und tatsächlich zum Mörder wird. Der Filmtitel würde auch zum zweiten neuen Film mit Fritz Karl als Salzburger Kriminalpsychologe Thomas Meiberger passen.

Ein auf den ersten Blick gleichfalls gänzlich unbescholtener Zeitgenosse entpuppt sich als Serientäter. Er entführt nacheinander drei Männer und eine Frau, sperrt sie in ein unterirdisches Verlies und dreht die Lüftung ab, sodass sie über kurz oder lang qualvoll ersticken werden. Die zuständige Kommissarin (Lisa Schützenberger) bittet Meiberger um Hilfe. Die Öffentlichkeit weiß noch nichts von den Entführungen, sonst hätten die Boulevardmedien den Kidnapper vermutlich längst als "Marionetten-Killer" tituliert.

Am Ort der jeweiligen Entführung finden sich Puppen, die jeweils eine bestimmte Körperhaltung einnehmen. Ihre Gesichter sind jenen der Opfer nachempfunden, die eine Gemeinsamkeit aufweisen: Sie gehen der gleichen Profession nach wie Meiberger, was wiederum nahelegt, dass es sich beim Täter um einen Patienten handelt. Die Schlussfolgerung ist nicht völlig verkehrt, enthält jedoch einen fatalen Denkfehler, der am Ende auch Meibergers Sohn in Lebensgefahr bringt.

Den letzten Film, "Tod am Wolfgangsee", hat Karl selbst gemeinsam mit Regisseur Till Franzen verfasst, Autor von "Am seidenen Faden" ist Peter Koller; der Österreicher hat gerade für den "Amsterdam-Krimi" einige formidable Drehbücher geschrieben. Meibergers zweiter neuer Fall – der Kriminalpsychologe war ursprünglich eine Serienfigur bei Servus TV – ist wegen der persönlichen Betroffenheit sogar noch fesselnder. Franzens Umsetzung ist erneut sehr dicht, das Ensemble ist ausnahmslos sehenswert, die Bildgestaltung bestes Handwerk. Das gilt auch für die von einem Marionettenschnitzer liebevoll und detailgetreu angefertigten Puppen.

Künstlerischer Höhepunkt in dieser Hinsicht ist der Besuch bei einem Puppenbauer, der wegen einer Vorstrafe vorübergehend ins LKA-Visier gerät. Der Mann macht Meiberger klar, dass die Marionetten des Täters gar nicht für ein Theaterstück geeignet wären. Zu Demonstrationszwecken lässt er den Gast mit einer Puppe interagieren. Der Effekt ist gerade auch wegen der Nahaufnahmen ungemein verblüffend; für diese Demonstration wurde eigens ein Ensemblemitglied des Marionettentheaters im Schloss Schönbrunn engagiert.

Die kurze Szene ist sinnbildlich für die auch inhaltlich besondere Qualität des Krimis. Tatsächlich ist die Handlung von einer Komplexität, die an Romanverfilmungen erinnert. Clever kontrastieren Koller und Franzen das Treiben des Täters, dessen Identität der Film etwa zur Hälfte preisgibt, mit der angespannten Beziehung Meibergers zu seinem Sohn.

Psychologiestudent Patrick (Lino Gaier) findet es peinlich, dass der Vater, der sich in der letzten Episode an der Universität beworben hatte, nun auch sein Dozent ist. Die Produktion durfte das Amphitheater der Uni als Drehort nutzen.

Hier konfrontiert der Film nicht nur kurz vor Schluss zum ersten Mal die beiden Hauptfiguren miteinander, hier hält der in seinen Lehrmethoden recht unorthodoxe Meiberger zu Beginn auch eine Vorlesung, die das Thema der Geschichte vorwegnimmt: Um zu erkennen, was im Kopf eines Täters vorgeht, müsse man ihm die "Maske der Vernunft" abnehmen und die Welt aus seiner Perspektive wahrnehmen.

Eine sehr sympathische Dreingabe ist Meibergers Marotte, immer wieder kleine Tricks einzustreuen. Patrick findet es allerdings gar nicht lustig, wenn der Vater hinter seinem Ohr eine Mozartkugel hervorholt. Ein Uni-Kollege, der den Psychologen bei der Dekanin (Anna Loos) verpetzt, verunglimpft diese Methoden als "Kinderzaubereien". Meiberger betrachtet die Kunststückchen dagegen als Mittel, "um unsere oft sehr eingeschränkten Wahrnehmungen zu veranschaulichen."

Witzig sind sie ohnehin, zumal Karl eine respektable Fingerfertigkeit beweist. Abgesehen von diesen kleinen Auflockerungen ist "Am seidenen Faden" jedoch nicht zuletzt dank der sehr präsenten sinistren Musik (Manfred Plessl) ein düsterer Krimi mit kräftigen Thriller-Elementen, zumal der Film immer wieder in den Katakomben vorbeischaut, wo eins der Opfer mühsam versucht, die stabile Plastikfessel mit einem Schlüssel zu durchtrennen.