Vor etwas mehr als zehn Jahren haben die Pfälzer Kirche und das Bistum Speyer einen Ökumenischen Leitfaden veröffentlicht und einen ersten Ökumenischen Kirchentag gefeiert. Wie wird heute das Miteinander gelebt?
Dorothee Wüst: Der Ökumenische Leitfaden war ein Startschuss dafür, dass wir deutlich ökumenisch unterwegs sein wollen. Ziel war es, eine ökumenische Haltung nicht nur auf der Leitungsebene an den Tag zu legen, sondern diese in die kirchliche Breite zu bringen. In den Kirchengemeinden gibt es viele ökumenische Kontakte, Gastfreundschaft wird praktiziert. Vieles ist mittlerweile Normalität, die gar nicht mehr infrage gestellt wird. Ich glaube, dass wir nach zehn Jahren schon viel weitergekommen sind.
Karl-Heinz Wiesemann: Durch den Leitfaden wurde ja nicht die Ökumene in der Region erfunden. Aber wir haben deutlich gemacht, dass Ökumene das Selbstverständliche sein sollte und das Nicht-Ökumenische erklärungsbedürftig ist. Wir haben gemeinsame missionarische Initiativen ergriffen, haben gemeinsame Ausbildungsgänge in der Notfall- und Krankenhausseelsorge gestartet oder kooperieren auch in der Kirchenmusik. Uns war schon damals klar, dass wir uns als Kirchen in einem massiv veränderten gesellschaftlichen Umfeld befinden und wir das, was in der Pfalz gewachsen ist, weiterentwickeln wollen. Dies hat sich als schwieriger erwiesen als erwartet, da wir als Kirchen vor großen Herausforderungen stehen.
Ist die Pfalz ein Vorbild in Sachen Ökumene?
Wüst: Ich würde schon sagen, dass wir ein Vorreiter der Ökumene in Deutschland sind. Unsere Kirchengebiete sind deckungsgleich, was vieles erleichtert. Mit einem gemeinsamen Abitursegen versuchen wir aktuell, eine neue Generation anzusprechen. Mit Blick auf die rheinland-pfälzischen Landtagswahlen führen wir unsere gemeinsame Initiative für Menschenwürde und Demokratie, "Aufstehen für ...", fort. Wir können als Kirchenleitung nur dazu ermutigen, ökumenisch unterwegs zu sein, aber es hat natürlich auch mit Menschen zu tun. Es gibt Orte, wo vorbildlich Ökumene gelebt wird, aber auch solche, wo es nicht funktioniert, weil es "menschelt".
Gibt es auch Gegenkräfte auf evangelischer und katholischer Seite, die sagen: Lasst uns lieber unser eigenes Ding machen?
Wiesemann: Der Konfessionalismus ist in den Kirchen kaum mehr da. Das Problem ist eher das Auflöserische, dass viele Menschen nicht mehr wissen, welche Konfession sie haben und auch das mangelnde ökumenische Interesse. Der Brückenschlag in die nächste Generation gelingt ja nicht überall. Nachdem wir als Gesellschaft durch eine Zeit gegangen sind, die sehr stark von aufklärerischen Impulsen geprägt war und in der gleichzeitig die Frage nach Gott sich in einen reinen Humanismus aufzulösen schien, erleben wir jetzt eine anti-aufklärerische Zeitströmung, die sich an vielen Orten mit fundamentalistischen christlichen Vorstellungen und Bewegungen verbindet.
"Es wird keine 'Einheitskirche' geben. Jeder hat seine eigene Geschichte"
Hier nun zeigt sich eine andere Gefahr: die der dezidierten Instrumentalisierung der Gottesidee für machtpolitische Zwecke. Den wahren und lebendigen Gott mitten in dieser Zerreißprobe zwischen Auflösung und Instrumentalisierung gemeinsam so zu bezeugen, dass der Glaube seine Hoffnungs- und Zukunftskraft mitten im Leben der Menschen entfalten kann, scheint mir die entscheidende ökumenische Herausforderung zu sein.
Wäre jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für eine wirkliche Einheit der Kirchen - oder bleiben das unterschiedliche Amtsverständnis und die Absage des Priestertums für Frauen in der katholischen Kirche trennend?
Wiesemann: Es wird keine "Einheitskirche" geben, jeder hat seine eigene Geschichte. Viel entscheidender ist es, ein gemeinsames christliches Zeugnis in der Gesellschaft zu geben. Wo wir können, sollten wir auch strukturell zusammenarbeiten und Einspareffekte realisieren, etwa bei Immobilien. Manche Dinge sind aber auch schwierig, wir haben etwa unterschiedliche Arbeitsrechte und gewachsene Strukturen und Mentalitäten. Wir brauchen auch eine "stellvertretende Ökumene": Die einen machen da etwas, die anderen übernehmen eine Aufgabe dort.
"Nicht wenige sagen: Wir hätten gern, dass ihr lauter seid"
Wüst: Auch innerhalb unserer Kirchen sind wir ja nicht einheitlich, sondern erleben ein Spektrum von Interpretation des Evangeliums. Das ist seit 2.000 Jahren so und ist auch bereichernd. Dennoch erwarten die Menschen von uns aus einer einigermaßen einheitlichen christlichen Perspektive Antworten auf die Fragen der Zeit. In unserem Binnenverhältnis bleibt es für mich als Protestantin schmerzhaft, nicht an einer katholischen Eucharistiefeier teilnehmen zu dürfen. Gleichzeitig achte ich, dass unsere Schwesterkirche ihren Weg geht. Unsere unterschiedlichen Wege müssen wir einerseits aushalten und andererseits dennoch gemeinsam unterwegs sein, wo es funktioniert und etwas austrägt.
Wird das gemeinsame Wort der Kirchen in Gesellschaft und Politik wirklich wahrgenommen?
Wüst: In diesen unsicheren Zeiten mit ihren Risiken für die Demokratie gibt es ein zunehmendes Interesse von politischer Seite. Jene, die für Werte wie Freiheit und Menschenwürde stehen, sollen sich zu Wort melden. Nicht wenige sagen uns: Wir hätten gerne, dass ihr lauter seid. Noch immer setzen in der politischen Szene viele auf die Kirchen als Anwältinnen für Werte wie Mitmenschlichkeit und Gemeinwohl und setzen auf unsere Stimme.
"Eine tiefe Versöhnung und Heilung ist möglich"
Gleichzeitig waren wir ein wenig befremdet und überrascht, dass wir etwa beim rheinland-pfälzischen Bestattungsgesetz erst im Nachhinein einbezogen worden sind. Auf Bundesebene haben wir erlebt, dass Kommissionen eingerichtet wurden, in denen früher die Kirchen selbstverständlich ihren Platz hatten, jetzt aber nicht mehr dabei sind. Es ist derzeit ein ambivalentes Bild.
Wiesemann: Kommende Jubiläen wie 500 Jahre Protestation zu Speyer im Jahr 2029, 1.000 Jahre Speyerer Dom und 500 Jahre Augsburger Bekenntnis im Jahr 2030 sind eine Chance für die Ökumene. Wir können grandios zeigen, wie es die ökumenische Bewegung geschafft hat, über verfeindete Grenzen hinweg zusammenzukommen. Und dass eine tiefe Versöhnung und eine Heilung möglich ist in einer Welt, die sich zunehmend auseinander bewegt.


