Der Titel ist wirklich clever. Als "It-Girls" gelten Frauen, die ihre Prominenz einzig ihrer permanenten Präsenz in den Medien verdanken. Hierzulande hat es vor allem Verona Feldbusch zu dieser Form von Bekanntheit gebracht, die keinerlei nennenswerte Basis hat und sich daher meist auch rasch wieder verflüchtigt.
Aus der Geschichte von Aufstieg und Absturz eines "It-Girls" hätte sich ein fesselndes Drama machen lassen: hier eine Frau um die vierzig, die damit hadert, dass die Öffentlichkeit jedes Interesse an ihr verloren hat, dort der Wandel der medialen Landschaft, in der Titelbilder keine Rolle mehr spielen, weil nur noch Klickzahlen zählen. All’ das erzählt Wolfgang Stauch in seinem Drehbuch zwar auch, aber als Krimi verpackt; und das ist der Kardinalfehler dieses "Tatorts" aus Stuttgart.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
"Ex-It" beginnt klassisch mit einem Todesfall: Eine Frau fährt mit ihren beiden schlafenden Kindern nachts im strömenden Regen durch die Stadt. Sie stoppt vor einem Kiosk, um Zigaretten zu kaufen, hält aber den Verkehr auf und sucht daher einen Parkplatz.
Was dann passiert ist, bleibt zunächst offen: Pony Hübner (Kim Riedle) irrt in ihrem kurzen Kleidchen, die hochhackigen Schuhe in der Hand, durch die nasse Nacht, entdeckt ein Polizeirevier und meldet dort völlig verzweifelt den Verlust ihres Autos. Erneut überspringt ein Schnitt die weiteren Ereignisse. Als die Handlung wieder einsetzt, wird der Wagen aus dem Neckar geboren. Ponys Baby ist ertrunken, von ihrem Sohn Hugo, einem Jungen im Grundschulalter, fehlt jede Spur. Allem Anschein nach hat jemand ihr Auto gestohlen und die Kontrolle verloren. Aber wer würde ein Auto mit zwei Kindern klauen? Und wo ist der Junge?
Der Auftakt ist filmisch sehr reizvoll, doch er stellt ein Versprechen dar, an dem "Ex-It" auf enttäuschende Weise scheitern wird. "Leider können wir uns unsere Toten nicht aussuchen", sagt Thorsten Lannert (Richy Müller) angesichts des toten Babys. Schon dieser Satz ist dank der Empathie des Publikums im Grunde überflüssig, aber er passt ins Bild: In diesem Krimi wird entschieden zu viel geredet. Natürlich gibt es einen gewissen Erklärungsbedarf, zumal Lannert einer gänzlich anderen Generation angehört als Sebastian Bootz (Felix Klare), der dem älteren Kollegen (und damit auch dem Publikum) erst mal erzählt, wer Pony Hübner und was ein "It-Girl" ist.
Später reicht sie selbst ihre Lebensgeschichte nach: Sie ist einst an der Supermarktkasse entdeckt und zur "Miss Stuttgart"-Wahl eingeladen worden. Dort gab es gleich zwei Jackpots für sie: Erst wurde sie zur Siegerin gekürt, dann hat sie ihren Mann kennengelernt. Medienunternehmer Stephan Hübner (Hans Löw) gab ihr einen neuen Namen und machte sie zum Star. Mittlerweile verdient er seine Millionen nicht mehr mit Promi-Klatsch-Magazinen, sondern mit Tiktok und Instagram. In dieser Welt gibt es für Pony keinen Platz mehr; ihre Versuche, sich wenigstens als "Momfluencerin" zu etablieren, sind gescheitert.
Ein toller Dramenstoff, aber irgendwie muss ja ein Krimi draus werden, weshalb das Paar alsbald Post von vermeintlichen Entführern bekommt. Lannert und Bootz scheinen jedoch vor allem an der Ehe der Hübners interessiert zu sein; womöglich geht es ihnen ja ähnlich wie dem Publikum, das längst ahnt, wo sich der kleine Hugo seine Zeit mit Videospielen vertreibt. Es passt ins Bild, dass der Tod des Baby abgesehen von einem kurzen Moment überhaupt nicht weiter thematisiert wird, die Eltern kreisen bloß um sich selbst; die kleine Gestalt im Prolog sah sowieso verdächtig nach Babypuppe aus. Gleichfalls nicht echt, und das ist das weitaus größere Manko, sind die Figuren. Einige der Mitwirkenden vermitteln den Eindruck, als hätten sie – womöglich auch wegen der oftmals lebensfremden Dialoge – Schwierigkeiten gehabt, sich mit ihren Rollen zu identifizieren.
Dabei waren gerade die darstellerischen Leistungen schon in den frühen Filmen von Friederike Jehn ein besonderes Qualitätsmerkmal. Zuletzt hat die Regisseurin unter anderem einen intensiven "Tatort" aus Kiel gedreht: "Borowski und die große Wut" (2023) begann ebenfalls mit einem sinnlosen Tod und wandelte sich zum Wettlauf um das Leben einer "Systemsprengerin". In ihrem fesselnden ersten Sonntagskrimi, "Du allein" (2020, ebenfalls nach Stauch-Vorlage), brachte eine Heckenschützin in Stuttgart scheinbar wahllos Menschen um. Die Story schlug ständig unerwartete Haken; davon kann in "Ex-It" keine Rede sein. Gerade die langen Mono- und Dialoge wirken allzu bühnenhaft, zumal Jehn viel zu selten so wie in der starken Schlussszene auf die Kraft der Bilder vertraut.


