Constanze ist Anfang sechzig und fühlt sich wie so viele Frauen ihres Alters übersehen; zumindest in ihrer Ehe. Männern mag es ähnlich gehen, aber zumindest ihr Toni kompensiert das anderweitig, wie sich später zeigt. Eine Freundin gibt ihr den Tipp, sich doch einfach mal einen Mann für gewisse Stunden zu mieten.
Das Rendezvous in einem luxuriösen Münchener Hotel findet jedoch ein abruptes Ende, weil Constanze anders als der bezahlte Liebhaber nicht ohne Weiteres ins Bett hüpfen kann. Die Situation ist nicht nur komplett unromantisch, sondern auch peinlich. Im Aufzug trifft sie auf Ricardo. Der hatte sie bereits auf dem Weg nach oben mit seinem Charme beeindruckt, durchschaut ihre Lage und überredet sie zu einem Getränk im Dachterrassenlokal.
Er geht zwar der gleichen Profession nach wie der "Callboy", erweist sich aber als unwiderstehlich, weshalb sich der erste Akt dieses Films zu einer lupenreinen Romanze entwickelt. "Makellos – Eine kurze Welle des Glücks" ist die dritte Zusammenarbeit des Duos Uli Brée (Buch) und Dirk Kummer (Regie) mit Adele Neuhauser nach den sehenswerten Tragikomödien "Faltenfrei" (2021) und "Ungeschminkt" (2024). Der Titelzusatz bezieht sich auf eine Bemerkung des von Manuel Rubey formvollendet als Gentleman verkörperten Ricardos bei der ersten Begegnung, als er fachmännisch Constanzes gleichnamiges Parfüm erkennt, deutet aber natürlich auch an, dass die Liaison nicht von Dauer ist.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Das Titeladjektiv "makellos" wiederum hat einen geschäftlichen Hintergrund: Constanze und der inklusive eines ausgeprägten Dialekts von Ulrich Noethen fast schon krachledern dargebotene Toni betreiben ein Familienunternehmen, das in langer Tradition Trachtenkleidung herstellt. Die Geschäfte laufen allerdings längst nicht mehr so gut wie einst, und auch dies trägt dazu bei, dass der zweite Akt zum Drama wird: Toni nimmt erfreut zur Kenntnis, dass die Gattin seit einigen Wochen wie verwandelt ist.
Das Paar kommt sich sogar zum ersten Mal seit geraumer Zeit auch körperlich wieder näher, aber dann ist eines Tages ein Umschlag mit Fotos in der Post. Ein darauf notierter Link führt zu einem kompromittierenden Video auf einer einschlägig anrüchigen Website. Noch sind die Gesichter verpixelt. Damit das auch so bleibt, soll das Ehepaar 500.00 Euro zahlen; einen Sexskandal kann sich der angeschlagene Betrieb nicht leisten.
Wäre "Makellos" ein Krimi, käme das fachkundige Publikum dem Autor vermeintlich schon in der ersten Szene auf die Schliche, als Constanze das Hotel betritt: Als Rezeptionist ist Michael A. Grimm zu erkennen, der in Filmen und Serienepisoden gern für Schurkenrollen oder zumindest als Verdächtiger engagiert wird. Tatsächlich wird er später noch maßgeblich ins Geschehen eingreifen, aber die Besetzung erweist sich als clevere falsche Fährte.
Ein bisschen Krimi-Spannung kommt trotzdem auf, auch wenn die Geschichte erst mal zur Tragödie wird, denn Constanzes Leben ist bloß noch ein Scherbenhaufen: Die Ehe ist am Ende, das von ihrem Urgroßvater gegründete Geschäft hat sie Toni überschrieben, und weil sie Ricardo für den Erpresser hält, ist auch von dieser Seite kein Trost zu erwarten; der Geliebte hat außerdem ihre Nummer blockiert. Letzter Beistand in dieser Zeit der Not ist ihre beste Freundin und Mitarbeiterin Karin (Caroline Frank). Sie war es auch, die Constanze den bezahlten Seitensprung empfohlen hatte, allerdings nicht ohne Hintergedanken, was wiederum zur Folge hat, dass der letzte Akt zu einem besonderen Vergnügen wird.
Bei aller Qualität: Den gesellschaftskritischen Anspruch von "Ungeschminkt" hat "Makellos" nicht. In dem vortrefflichen Drama kehrt Josefa nach 35 Jahren in ihr Heimatdorf zurück, um sich den Dämonen der Vergangenheit zu stellen: Damals hieß sie noch Josef; Ulrich Noethen spielte ihren/seinen früheren besten Freund. Andererseits greift Brée nun ein Thema auf, mit dem sich vor allem viele Zuschauerinnen identifizieren werden. Der Film ist ohnehin schon allein wegen der Besetzung sehenswert. Interessant sind auch die Einblicke ins Trachtengeschäft: Ein Berater hat Toni empfohlen, "One Way Dirndl" ins Sortiment aufzunehmen, um mit der Zeit zu gehen.
Der Geschäftsführer hält das für den Anfang vom "Untergang der Wiesn", aber Constanze greift die Idee auf, was neben den diversen Handlungswendungen im dritten Akt, als sie den Erpressungsspieß kurzerhand umdreht, zu einer der verblüffendsten Szenen des Films führt. Kummers Inszenierung ist unaufgeregt, aber an den richtigen Stellen durchaus dynamisch, und das Ensemble ist ohnehin ein großes Vergnügen.


