Es ist eine Art Naturgesetz: Wer bei ARD oder ZDF einen Kommissar spielt, darf bei der Konkurrenz nicht als Ermittler mitwirken. Da andererseits bekannte Episodengäste in Krimis automatisch zum Kreis der Verdächtigen gehören, lässt in der Regel bereits der Vorspann erahnen, wer auf der entsprechenden Liste ganz oben steht.
Christoph Letkowski, für die ARD-Degeto als Kriminalkommissar auf der Schwäbischen Alb unterwegs ("Die Bestatterin"), und Robin Sondermann, in gleicher Rolle in der ZDF-Reihe "In Wahrheit" zu sehen, drängen sich im insgesamt sechsten "Bamberg-Krimi" ohnehin als potenzielle Täter auf, weil beide ihre jeweiligen Figuren zumindest anfangs betont unsympathisch verkörpern.
Für Anna Unterberger (im "Ersten" Filmpartnerin von Hary Prinz in den Krimis aus der Steiermark) gilt das nicht, zumal sie in "Rivus" die schockierte Schwester des ersten Mordopfers spielt: Rudertrainerin Judith Köhler ist aus großer Distanz mit einer Armbrust erschossen worden; der Bolzen traf sie ins Herz. Mit im Boot saß Oscar (Oskar Keymer), der uniformierte Kollege von Konrad Behringer und Ela Jenning (Antoine Monot, Cosima Henman). Er wurde nur am Oberschenkel getroffen, aber die Verletzung ist wegen des großen Blutverlustes trotzdem ernst.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Angesichts der Treffsicherheit beim Schuss auf Judith drängt sich zwar die Vermutung auf, dass Oscar nur ein Kollateralschaden ist, doch es hat kurz zuvor einen Vorfall gegeben, an dem beide beteiligt waren: In der Nähe des titelgebenden Ruderclubs "Rivus" lebt ein leicht reizbarer "Survival"-Spezialist mit seinen beiden aggressiven Rottweilern. Einer der Hunde hat Judith angegriffen, Oskar hat ihn erschossen. Aber diese Lösung wäre natürlich viel zu einfach. Der "Bamberg-Rambo" war sowieso nur die zweite Wahl, denn die Ermittlungen konzentrieren sich zunächst auf den von Vorstandsfrau Rieke Seibold (Genija Rykova) mit großem Ehrgeiz geführten Verein.
Demnächst stehen Meisterschaften an. Ausgerechnet jetzt hat Judith die Besetzung des favorisierten Zweiers geändert. Martin Winkler (Letkowski), der die eigenen Ambitionen – "Rudern ist Religion" – auf seinen Sohn Tamino (Luke Matt Röntgen) projiziert, ist zutiefst empört, übernimmt nach Judiths Tod das Training und macht den Wechsel im Boot umgehend rückgängig. Ela entdeckt jedoch, dass Tamino ein weiteres Motiv gehabt hätte: Judith hat ihn beim Doping erwischt.
Dass der Film nun äußerst emotional wird, hat weniger mit der Geschichte zu tun: Die Trainerin hatte vor Jahren einen Unfall und ebenso wie Ex-Polizistin Charly eine inkomplette Querschnittslähmung. Ihre Karriere war zwar vorbei, aber sie hat sich mit Hilfe eines Para-Boots erst in den Sport und dann ins Leben zurück gekämpft; irgendwann konnte sie sogar wieder laufen. Behringer überredet seine ehemalige Partnerin, Judiths Boot auszuprobieren und gleichzeitig die Clubmitglieder auszuhorchen. Dass sie sich in Winkler verlieben würde, war allerdings nicht vorgesehen.
Charly-Darstellerin Wanda Perdelwitz ist im Oktober 2025 kurz vor Ende der Dreharbeiten bei einem Fahrradunfall verstorben. Sie wird der Reihe fehlen, und das nicht nur, weil der Kommissar fortan ohne seine Ratgeberin auskommen muss: Charly, zudem mit Behringers Schwester (Jessica Ginkel) befreundet, hatte gerade erst im Gasthof der Geschwister ein neues Zuhause gefunden. Ihre Rolle wird nicht neu besetzt.
Das Wissen um den Tod der Schauspielerin wirft einen Schatten auf den Film, der ohnehin nicht so witzig ist wie zuletzt "Schatzraub", auch wenn Cosima Henman in dieser Hinsicht nach wie vor ihre Momente bekommt. Davon abgesehen hat Produzentin Berit Walch, von der bislang alle "Bamberg-Krimis" stammen, ihre Geschichte wieder als klassischen Krimi konzipiert. Die Umsetzung durch Sarah Winkenstette mag abgesehen von zwei Action-Szenen mit Cosima Henman nicht weiter aufregend sein, aber die ausnahmslos guten Leistungen des Ensembles machen das spielend wieder wett.
Es gibt allerdings eine winzige Ungereimtheit, die vor allem deshalb auffällt, weil sich das Drehbuch ansonsten durch seine Sorgfalt im Detail auszeichnet: Angeblich ist Rivus einst von Judiths Mutter Henriette (Hedi Kriegskotte) gegründet worden; auf einem Schild in der Einfahrt zum Vereinsgelände steht allerdings 1865. Davon abgesehen kommt gegen Ende Robin Sondermann ins Spiel: Gerrit Reinhardt ist Judiths Schwager und wartet nur darauf, dass Henriette endlich das Zeitliche segnet, damit die Schwestern in den Genuss ihres Vermögens kommen, aber die tatsächliche Lösung ist wie schon zuletzt in "Schatzraub" eine echte Überraschung.


