TV-Tipp: "Nord bei Nordost: Jagd in die Vergangenheit"

Fernseher vor gelbem Hintergrund
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8. Januar, ARD, 20.15 Uhr:
TV-Tipp: "Nord bei Nordost: Jagd in die Vergangenheit"
Ein beschaulicher Küstenort wird regelmäßig vom Verbrechen heimgesucht: Das ist das kriminalistische Muster von "Nord bei Nordwest". Eigentliches Alleinstellungsmerkmal der ARD-Reihe ist jedoch der romantische Kern der Geschichten: Der Kommissar fühlt sich zu zwei Frauen hingezogen und kann sich nicht entscheiden.

Für seine im Herbst 2024 gestarteten "Nord bei Nordost"-Krimis hat der dreifache Grimme-Preisträger Holger Karsten Schmidt das Muster variiert: Anstatt wie der Esel zwischen zwei Heuhaufen zu verhungern, lebt Kommissarin Nina Hagen (Cordelia Wege) ihre Gefühle aus und liebt zwei Männer. Tim Engelmann und Felix Bittner (David Bredin, Franz Dinda) sind ihre Kollegen und zudem auch noch miteinander befreundet, aber anders als in François Truffauts Klassiker "Jules und Jim" (1962) geht die Dreiecksbeziehung bislang gut, wobei jedoch nicht klar ist, ob die beiden Polizisten von der pikanten Konstellation wissen. Dass sie sich schließlich eine handfeste Rauferei liefern, hat andere Gründe, die jedoch ebenfalls mit Nina zusammenhängen.

Die eigentliche Handlung beginnt mit einer Rückblende: Vor drei Jahren haben drei Männer einen Geldtransporter überfallen und mehrere Millionen erbeutet. Anschließend sind sie als Wanderer getarnt im Wald verschwunden. Ähnlich perfekt hat Werner Roth (André M. Hennicke) seinen Ausbruch aus der Haft vorbereitet. Er war einer der drei, ist jedoch bald nach dem Raub gefasst worden und hat damals nicht nur die Tat zugegeben, sondern auch gestanden, einen seiner Komplizen getötet zu haben. Vom unbekannten dritten Mann fehlt bis heute jede Spur, ebenso vom weitaus größten Teil der Beute. 

Für Nina Hagen ist dies kein Fall wie jeder andere, und das nicht nur, weil die Aufklärung des Überfalls die letzte Amtshandlung ihres Vaters war: Roth war der beste Freund ihrer Eltern. In den Achtzigern wollte das Trio gemeinsam in den Westen fliehen, doch Roth wurde verraten und gefasst; er hat den Mauerfall im Gefängnis erlebt. Nina ist sieben Monate nach der Flucht zur Welt gekommen; damit ist klar, worauf die Sache hinausläuft. Tatsächlich gibt sie einen DNS-Abgleich in Auftrag und erfährt bei der Gelegenheit, dass ihre früh verstorbene Mutter nach der Rückkehr in die alte Heimat genau das gleiche getan, das Ergebnis aber nie abgeholt hat. 

Mit André M. Hennicke ist die Episodengastrolle perfekt besetzt. Der gebürtige Sachse hat in seiner langen Karriere eine Vielzahl von Schurken verkörpert. Mit seinen markanten Gesichtszügen ist er geradezu prädestiniert für Männer, die in ihrem Leben schon viel durchgemacht haben, aber wenn er lächelt, ändert sich seine Ausstrahlung komplett. Der durchaus sympathische Roth entpuppt sich in der Tat mehr und mehr als tragische Figur der Geschichte, und das in vielerlei Hinsicht: Als Nina ihn im Haus seiner Freundin (Mélanie Fouché) stellt, versichert er ihr, den Mord an seinem Komplizen nicht begangen zu haben. Roth war stets wie ein zweiter Vater für Nina, daher steht außer frage, dass sie den alten Fall noch mal aufrollt, um den ominösen dritten Mann zu finden. Dessen Identität gibt der Film allerdings schon früh preis, und diese Besetzung ist weniger differenziert: Lasse Myhr verkörpert ihn als typischen Filmfinsterling. Dagegen ist Hennickes Spiel von einer wohltuenden Subtilität. Bestes Beispiel dafür ist ein Besuch Roths im neureich-protzigen Domizil des einstigen Mittäters: Den schlechten Geschmack der Einrichtung kommentiert Hennicke mit einem ebenso schlichten wie vielsagenden "Hm".

Nicht rundum gelungen ist auch die Umsetzung. Aelrun Goette hat ihre vielen Auszeichnungen (darunter zwei Grimme-Preise) größtenteils für Dramen bekommen. Krimis sind in ihrer Filmografie eher eine Ausnahme; bei "Jagd in die Vergangenheit" liegt der Regieschwerpunkt daher viel mehr auf der Beziehungsebene. Das gilt neben der Ménage à trois natürlich vor allem für das ungeklärte Verwandtschaftsverhältnis von Nina und Roth, zumal er ihr in einer allerdings fesselnd inszenierten Szene gleich zu Beginn auf dem überraschend geräumigen Dachboden seiner Freundin das Laben rettet. 

Zweite Hauptdarstellerin neben Cordelia Wege ist die Mecklenburgische Seeplatte. Kameramann Axel Schneppat hat dafür gesorgt, dass sich seine Heimat von ihrer besten Seite zeigen kann. Spektakulär ist schon der Auftakt, ein Fallschirmsprung im Tandem mit grandioser Aussicht, zumal die Szene nicht wie sonst eine optische Mogelei ist: Cordelia Wege und David Bredin sind wirklich gesprungen. Die Musik (Daniel Hoffknecht) mit viel akustischer und elektrischer Slide-Gitarre ist auch richtig gut.