Mit "Dynamite" die "Systemsprenger" sprengen

Jugendliche in Wohngruppe der Arbeiterwohlfahrt
epd-bild/Klaus G. Kohn
Im Projekt "Dynamite" steht für die AWO die "bedingungslose Beziehung" zu Systemsprengern - wie der 17-jährigen "Hannah" (re., Name geaendert) hier im Bild.
Neues Jugendprojekt der AWO
Mit "Dynamite" die "Systemsprenger" sprengen
Verschlossene, wütende, unberechenbare Kinder und Jugendliche: Das ist das Bild, das viele von sogenannten Systemsprengern im Kopf haben. Die Arbeiterwohlfahrt hilft diesen Kindern - ohne Bedingungen zu stellen.

Hier landet, wer nirgendwo anders klargekommen ist: Eingebettet zwischen winterlich-verwaisten Kleingärten und tristen Hochhäusern irgendwo im Braunschweiger Land liegt das "Wohnangebot zur Perspektivklärung" der Arbeiterwohlfahrt (AWO), eine Einrichtung der Erziehungs- und Jugendhilfe. Fünf Jugendliche im Alter zwischen 12 und 18 Jahren leben hier, betreut von zehn Pädagogen.

Heute Mittag ist es ruhig. Aus dem kleinen Büro sind Wortfetzen zu hören. Betreuer Hendrik Ruppert gibt Mia aus einer roten Schatulle ihr Tagesgeld, Lina benötigt ein neues Handy, Erik schläft noch (Namen der Jugendlichen geändert). "Er wacht gleich auf", sagt eine Mitarbeiterin, und es hört sich so an, als wisse niemand genau, was dann passiert.

Systemsprenger - das Wort liegt in der Luft. Es bezeichnet verhaltensauffällige, oft traumatisierte Jugendliche, die traurig und wütend sind, sich nicht an Konventionen und Regeln halten und die Gesellschaft, Schulen, Ämter, Pflegefamilien, Kliniken überfordern. Beliebt ist der Begriff in der Jugendhilfe nicht. "Es ist ein negativer Stempel für die Jugendlichen", sagt Pädagogin Vivienne Steiner. Einrichtungsleiter Ruppert sieht das nicht so eng, aber auch er spricht lieber von Jugendlichen, die vom System gesprengt wurden - nicht umgekehrt.

Sieben Geschwister, Mutter abwesend

Die Tür geht auf. Hanna (Name geändert) kommt aus ihrem Zimmer. Die 17-Jährige mit den langen schwarzen Haaren im grauen Oversized-Jogginganzug nimmt zwischen Weihnachtstanne, Dartboard und TV-Flatscreen Platz. Ob nun Systemsprenger, Hoch-Risiko-Klientel, Problemfall - diese Wortklauberei ist Hanna egal. Sie weiß nur eins: "Hier ist alles besser als vorher."

Vorher - das war ein Leben im Ausnahmezustand. Die Mutter verließ Hanna und ihre sechs Geschwister, als sie klein war, der Vater erlitt einen Schlaganfall, Geld fehlte, die Brüder nahmen Drogen, durch die verwahrloste Wohnung liefen Ratten. Das Jugendamt nahm Hanna in Obhut, mit zwölf Jahren kam sie in eine betreute Wohngruppe, blieb drei Jahre lang. "Da wurde es aber erst richtig heftig", sagt Hanna.

Wohin mit Jugendlichen, die durchs System fallen?

Bekannt wurden Jugendliche wie Hanna einer breiten Öffentlichkeit durch den Spielfilm "Systemsprenger" von Nora Fingscheidt aus dem Jahr 2019, der den Weg eines traumatisierten Mädchens nachzeichnet. Das Filmteam wurde unter anderem von Menno Baumann beraten, Professor für Intensivpädagogik an der Fliedner-Fachhochschule in der Kaiserswerther Diakonie in Düsseldorf und Host des Podcasts "Systemsprenger". Für Baumann ist der Begriff Systemsprenger "keine Persönlichkeitseigenschaft und erst recht keine Diagnose", sondern bezeichnet einen Interaktionsprozess zwischen Jugendlichen und ihrem Umfeld.

Die AWO Braunschweig macht diesen jungen Menschen seit Sommer 2023 ein stationäres Wohn- und Betreuungsangebot. Mehrere strukturschwache Landkreise und Kommunen im südlichen Niedersachsen haben sich zu dem Projekt "Dynamite" zusammengeschlossen, weil sie alle die gleiche Frage umtrieb: Wohin mit Jugendlichen, die durch das System fallen?

Schule schwänzen, Drogen, Alkohol

Begleitet wird das Projekt von Timo Schreiner, Professor an der Fakultät für Soziale Arbeit der Ostfalia Hochschule in Wolfenbüttel. Auch er ist ein Gegner des Begriffs Systemsprenger. "Das sind stinknormale Jugendliche, die es schwer im Leben hatten", betont er. So wie Hanna. Aus ihrer Wohngruppe verschwand sie immer wieder, manchmal wochenlang. "Die waren da voll streng, für alles gab es Regeln und ein Handy durfte man erst ab 14 haben", sagt sie.

Hanna lebte bei einer Freundin, schwänzte die Schule, nahm Drogen, Alkohol, Ecstasy. "Ich habe viel gesoffen", sagt sie. Vor allem Wodka, gemixt mit Energiedrinks. Zwei Jahre lang ging Hanna nicht in die Schule, viermal wurde sie mit Alkoholvergiftung eingeliefert. "Es ist mir so peinlich, wenn ich daran denke, wie ich mich vollgekotzt und blamiert habe."

Hier fliegen die Jugendlichen nicht raus

"Bedingungslose Beziehung" - das ist das Kernelement des AWO-Wohnangebots. "Die Jugendlichen haben hier ihren Platz, sie müssen keine Anforderung erfüllen, sie fliegen nicht raus", erklärt Nils Borkowski, Leiter des Bereichs Jugend- und Erziehungshilfen der AWO in Braunschweig. Im Grunde sei es, wie es in einer Familie sein sollte: "Da schmeißen die Eltern ihr Kind auch nicht raus - egal, wie groß die Probleme sind." Sich streiten, Fehler machen, gegen Regeln verstoßen, rebellieren, toben und ausflippen - all das ohne Konsequenz?

Das haben Hanna und die anderen bisher anders erlebt. Ablehnung, Zurückweisung, Rauswurf, Beziehungsabbruch ist das, was sie zur Genüge kennen. Die Regeln und Verbote in den normalen Wohngruppen seien für manche Jugendliche wichtig, weil ihnen dies Klarheit, Orientierung und Halt gebe, sagt Sozialarbeiter Ruppert. Sie funktionierten aber nicht für jeden. "Wir vermeiden hier Regeln, einfach, weil sie unnötiges Konfliktpotenzial bergen."

"Schön, dass Du da bist"

Wer sich nachts um drei einen Toast machen möchte, macht das. Wer betrunken oder mit Drogen vollgedröhnt nach Hause komme, treffe auf einen Mitarbeiter der Nachtschicht, der nicht sanktioniere, sondern sage: "Schön, dass Du da bist, möchtest Du noch einen Tee mit mir trinken?"

Das Individuum und seine Bedürfnisse im Mittelpunkt: Das ist ein Ansatz, der sich bei einem Personalschlüssel von zwei Pädagogen zu einem Bewohner komfortabel umsetzen lässt. Schritt für Schritt können so Bindung und Vertrauen entstehen.

Bei Hanna hat es funktioniert. Werktags gehe sie um 22 Uhr ins Bett - freiwillig, betont sie. "Ich habe ja am nächsten Tag Schule." Sie will ihren Hauptschulabschluss machen und eine Ausbildung in der Gastronomie. Eine Drei in Deutsch habe Hanna neulich geschrieben, sagt Betreuerin Steiner stolz. "Sie hat begriffen, dass es um sie geht, dass sie es in der Hand hat."

Das Konzept klappt nicht bei jedem und jeder. Doch der Weg geht auch für sie weiter. "Eine Endstation kann es gar nicht geben", sagt Borkowski. "Es geht hier um Minderjährige, da sind wir immer in der Verantwortung."