Auch jenen, die nicht religiös sind, hat das Zwölf-Schritte-Programm dabei geholfen, ein neues Leben zu beginnen. Zu den Punkten zählt zum Beispiel die Einsicht, Unrecht begangen zu haben, sowie der Vorsatz, den entsprechenden Schaden wiedergutzumachen; und das ist die Grundlage, auf der "Marie Brand und die verlorenen Kinder" basiert.
Der Krimi ist Fall Nummer 38 für das von Mariele Millowitsch und Hinnerk Schönemann als ihr Partner Jürgen Simmel verkörperte Duo von der Kripo Köln. Die Inszenierung ist konventionell und gänzlich frei von Überraschungen oder pfiffigen Bildgestaltungsideen, aber die Handlung (Buch: Ingrid Kaltenegger, Mathias Klaschka) ist interessant und relevant: Der Tod einer Frau, die in der eigenen Wohnung unglücklich gegen eine Tischkante gestürzt ist, führt beinahe geradewegs zu dem renommierten Kinder- und Jugendpsychiater Bernd Jakobi.
Aufgrund der Mitwirkung von Christian Erdmann gehört der Arzt aus Publikumssicht automatisch zum Kreis den Verdächtigen, aber zunächst geht es um seine Expertise: Simmel ist ein großer Fan der "Jakobi-Methode", die der Mann in seinem Podcast propagiert. Sein "Erziehungsansatz für das 21. Jahrhundert" klingt allerdings eher klassisch: Jakobi plädiert vehement dafür, Grenzen zu setzen. Eltern sollten wieder lernen, Kinder nicht ständig in Entscheidungen miteinzubeziehen, das überfordere sie nur.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Simmel hört das gern und probiert die autoritäre Haltung gleich mal beim Sohn seiner neuen Freundin aus. Die Folgen sind allerdings fatal, was durchaus ins Bild passt, denn der Psychiater hat in der Vergangenheit noch ganz anderen Schaden angerichtet. So lautet zumindest der Vorwurf diverser früherer Schutzbefohlener, die einst vom Jugendamt in einer Einrichtung mit dem Namen "Traumfänger" untergebracht worden sind. Jakobi war dort für die psychischen Belange zuständig und hat den Kindern und Jugendlichen Neuroleptika verabreicht, Psychopharmaka also, die eine sedierende und antipsychotische Wirkung haben. Das allein wäre nicht unüblich, aber die Menge soll die angebrachte Dosis deutlich überschritten haben. Ein Junge ist damals gestorben; laut Polizeiakte wurde sein Tod als Suizid betrachtet. Dem Arzt konnte jedoch keine missbräuchliche Medikation nachgewiesen werden, sämtliche Verfahren wurden eingestellt.
Es ist vor allem diese Ebene, die "Marie Brand und die verlorenen Kinder" sehenswert macht, denn der Rest der Handlung entspricht dem üblichen Krimischema, bei dem immer wieder auffällt, dass die Ermittlungs-Team nur in den seltensten Fällen vergeblich an einer Haustür klingen: Die Menschen sind stets daheim. Bei den beiden Schwestern Eileen und Kirsten ist das immerhin nicht weiter verwunderlich, denn ihr Arbeitsplatz, eine Möbelwerkstatt, ist auch ihr Zuhause. Ebenfalls nicht überraschend ist die Tatsache, dass sie bis vor zehn Jahren im Jugendhaus "Traumfänger" lebten und Jakobi nur das Schlechteste wünschen, weil sie bis heute erheblich unten den Folgen der viel zu langen hochdosierten Behandlung mit dem Neuroleptikum leiden.
Schauspielerisch ist "Marie Brand und die verlorenen Kinder" solide und routiniert. Die Leistung der beiden jungen Darstellerinnen mit Christian Erdmann zu vergleichen, ist angesichts seiner Erfahrung zwar nicht ganz fair, aber wo bei ihm Ausstrahlung genügt, müssen sich Meira Durand und Bineta Hansen ordentlich ins Zeug legen, was wiederum eine Frage ihrer Führung ist. Wie sich mit weniger Aufwand größere Wirkung erzeugen lässt, zeigt Regisseurin Britta Keils mit dem Auftakt: Bei einer Lesung Jakobis taucht unerwartet Margit Gehringer (Nicole Johannhanwahr) auf, das spätere Mordopfer; ein Blick der Frau genügt, um den Arzt völlig aus dem Konzept zu bringen. Nach dieser Einführung ist im Grunde klar, dass der zunächst verdächtigte Ex-Mann der Erzieherin, die damals im "Traumfänger"-Haus eine enge Mitarbeiterin des Arztes war, höchstwahrscheinlich nicht für ihren Tod verantwortlich ist; er hätte der trockenen Alkoholikerin ohnehin keinen Wein mitgebracht.
Für ein wenig Kurzweil in dieser ansonsten eher tristen Geschichte sorgen die Zwischenspiele mit Thomas Heinze als Polizeichef Engler, der offenbar im gesamten Präsidium nach dem perfekten Kaffee sucht und schließlich dank der speziellen Zubereitungsmethode des Hauptkommissars – "dem Simmel sei Dank" – Erlösung findet.


