Es ist ein Brückenschlag zwischen historischer Dokumentation und Archivarbeit, Auswanderungsforschung und Reisen: Wolfgang Grams betreibt deutsch-amerikanische Spurensuche. Seit vielen Jahren bietet der promovierte Literaturwissenschaftler die Ergebnisse als ungewöhnliche Reisen nach Amerika an. Mit seinen "Routes to the Roots" ("Wege zu den Wurzeln") führt er Urlauber auf die Spuren deutscher Einwanderer in Amerika.
Grams forscht zu Geschichte, Kultur und Natur der USA und taucht mit seinen Reisegruppen ein in den Alltag der Menschen. Doch seine Arbeit führt den Oldenburger nicht nur in die Ferne: Unter dem Titel "Incoming" entwickelt Grams auch Reisen und Programme für Amerikaner nach Deutschland. Es sind speziell und individuell konzipierte Reisen, die die Amerikaner auf die Spuren ihrer deutschen Vorfahren führen.
Angefangen hat alles mit einem Briefeditions-Projekt an der Universität Oldenburg, an dem Grams mitarbeitete. Die Briefe stammten von Johann Heinrich "John Henry" zur Oeveste, der 1834 aus dem Raum Osnabrück erst nach Cincinnati (Ohio) und dann nach Walesboro (Indiana) ausgewandert war. Kollegen der Indiana University hatten auf die Briefe aufmerksam gemacht und im Zuge der Editionsarbeiten entwickelte sich ein Austauschprogramm zwischen den Universitäten.
"Routes to the Roots"
Es war Grams' Einstieg in die deutsch-amerikanische Auswanderungsgeschichte. Er baute in dieser Zeit eine Forschungsstelle zur Amerikaauswanderung mit auf und leitete ein EU-Projekt mit einem Netzwerk von Auswanderungsmuseen und touristischen Einrichtungen. 1997 machte er sich selbstständig mit dieser Arbeit und stellte sie unter den Namen "Routes to the Roots".
Gleich 1997 kam eine Anfrage von der ländlichen Erwachsenenbildung im Osnabrücker Land. "Die haben gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, eine Reise auf den Spuren des Briefeschreibers nach Cincinnati und Indiana, also in den Mittleren Westen, zu begleiten. Das war die erste Reise, die ich gemacht habe. Und schon 1998 kam die erste Gruppe aus den USA hierher", so Grams. Die erste von vielen.
Plattdeutsch in Amerika
Grams konzipierte Reisen und Routen, erstellte Programme, forschte. Auch auf Seereisen war er regelmäßig als Guide dabei. Er hielt an Bord Vorträge und machte thematische Ausflüge an Land. Auch hier wirkt er an der Nahtstelle von historischer Forschung, Kulturprojekten und Reisen. "Ich bin Kulturvermittler, Reiseveranstalter, Autor, Kurator, Forscher, es kommt so vieles zusammen", sagt Grams und muss lachen.
Mette Kupfer-Engel ist 2024 bei einer Tour mitgereist. "2.000 Meilen durch den Mittleren Westen - Plattdeutsch in Amerika", heißt das Programm und führte von Minneapolis nach Chicago. Kupfer-Engel war begeistert: "Ich habe viel erfahren und am schönsten waren immer die Begegnungen mit den Menschen, den Nachfahren der deutschen Auswanderer." In einer Gemeinde seien sie zum Baseball-Spiel eingeladen worden, es gab eine Fahrt auf dem Mississippi-Dampfer und im Museum bei der von ostfriesischen Einwanderern in Golden Illinois gebauten Mühle habe eine Teilnehmerin das Hochzeitskleid ihrer Großmutter entdeckt. "Ist das nicht toll? Es war wirklich einfach schön. Ich würde sofort wieder so eine Reise machen", sagt Kupfer-Engel.
Auf den Spuren der Vorfahren
Nicht nur die Touren in den Mittleren Westen, auch die Kohlfahrt nach New York hat Tradition: "Kohlfahrten, Grünkohlessen, das ist im Oldenburger Raum ein großes Ding und der Plattdeutsche Volksfestverein von New York macht zusammen mit dem German American Club von Clark New Jersey jedes Jahr ein Grünkohlessen", erzählt Grams. 25 Reisende werden mit ihm im Januar nach New York kommen. Es wird eine Tour mit dem Bollerwagen durch die Stadt geben und am nächsten Tag geht es erst zum Gottesdienst in die "Plattdeutsche Kirche" in Brooklyn und dann zum Kohlessen.
Die Reisen für Amerikaner nach Deutschland machen den Großteil von Grams Arbeit aus. Biografien werden hier zum Anlass für Reiseziele. Er forscht nach Familiengeschichten, Vorfahren und erstellt individuelle Reisen und Exkursionen. "Ich werde dabei zum Teil von Lebensgeschichten", so Grams. Das sei hochintensiv und herausfordernd, nicht wiederholbar, aber dafür auch ganz besonders. "Ich erlebe dabei, dass sich Besucher und Besuchte gleichermaßen wichtig werden - wo findet man das sonst im Tourismus?", fragt Grams.
Der Oldenburger war schon immer von den USA fasziniert. "Ich könnte mir meine Lebenseinstellung oder meinen inneren Kompass kaum vorstellen, ohne den Einfluss aus den USA." Umso mehr empfindet er die derzeitige politische Situation als Belastung. Persönlich wie beruflich. "Ich spüre ein Entsetzen darüber, was da gerade an Zerstörung der Demokratie läuft", betont Grams.
Er erlebe immer wieder, dass Menschen sagen, unter diesen Umständen wollten sie nicht mehr in die USA reisen. Manche aus Angst vor der Einreise. Grams hat dafür Verständnis, stellt aber auch klar: "Als normaler Tourist aus Deutschland reist man wie früher in das Land. Und das Amerika, das ich mag, gibt es ja nach wie vor."

