Gute Geschichten sind wie eine Reise voller Abenteuer. Natürlich kann man geradewegs von A nach C fahren, aber erst der Umweg über B bietet Stoff für eine reichhaltige Erzählung. Im Krimi sorgt oft die Montage für entsprechende Spannungssteigerungen, wenn zum Beispiel Rückblenden erahnen lassen, dass sich die Lösung eines aktuellen Mordfalls in einer weit zurückliegenden Vergangenheit verbirgt. Bruchstücke von Erinnerungen deuten an, wer damals wie heute an den Taten beteiligt war. Wenn dann auch noch eine der Hauptfiguren in akuter Lebensgefahr schwebt und dem Tod geweiht zu sein scheint, während eine verzweifelte Suchaktion läuft, wird klar, dass es sich bei "Über die Grenze" um einen der besten von nunmehr dreizehn "Erzgebirgskrimis" handelt.
Susanne Schneider hat bereits das Drehbuch zur gleichfalls sehenswerten achten Episode ("Familienband") geschrieben. Dass die Autorin das Thriller-Handwerk beherrscht, hat sie zuletzt mit ihrer Adaption des Sebastian-Fitzek-Romans "Der Heimweg" (Amazon Prime, 2025) bewiesen. Als Inspiration für ihren zweiten Krimi aus dem Erzgebirge dienten womöglich die von Thomas Kirchner kreierten "Spreewaldkrimis" (ebenfalls ZDF). Dort ist die Erzählweise zwar noch stärker verschachtelt, aber die ostdeutsche Vergangenheit spielt ebenfalls oft eine entscheidende Rolle.
"Über die Grenze" mag nicht ganz so kunstvoll sein, ist dafür aber gerade auch dank der packenden Musik (Andreas Koslik) enorm spannend, zumal schon die Einführung mit ihren kurzen Andeutungen der späteren Ereignisse mehr als bloß Neugier weckt. Der Schnitt (Benjamin Hembus) hat ohnehin großen Anteil daran, dass der Film von der ersten bis zur letzten Minute fesselt.
Tilmann P. Gangloff, Diplom-Journalist und regelmäßiges Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, schreibt freiberuflich unter anderem für das Portal evangelisch.de täglich TV-Tipps und setzt sich auch für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Auszeichnung: 2023 Bert-Donnepp-Preis - Deutscher Preis für Medienpublizistik (des Vereins der Freunde des Adolf-Grimme-Preises).
Die eigentliche Handlung beginnt mit einem Leichenfund: Bei Baggerarbeiten werden die sterblichen Überreste eines Mannes entdeckt, der vor dreißig bis vierzig Jahren erschossen worden ist. Rückblenden verraten, dass Paul Berthold zu einer NVA-Einheit gehörte, die die Grenze zur damaligen Tschechoslowakei sichern sollte. Schneider hat diesen Teil ihrer Geschichte im Dezember 1989 angesiedelt, in jener Zwischenzeit also, als die Vergangenheit zwar schon beendet war, die Zukunft aber noch nicht begonnen hatte. Damals haben drei Kameraden des Mordopfers ein krummes Ding gedreht. Paul, hieß es, sei nach Amerika ausgewandert, von dort hat er seiner Familie Fotos geschickt. Dieses Rätsel immerhin können Robert Winkler (Kai Scheve) und seine Kollegin Karina Szabo (Lara Mandoki) recht bald lösen: Paul hatte einen Zwillingsbruder, der sich nun, als die alte Geschichte buchstäblich ans Tageslicht kommt, offenbar aus Gram das Leben genommen hat. So einfach macht es Schneider dem Ermittlungsduo jedoch natürlich nicht, zumal mitten in der Nacht auch noch Winkler spurlos verschwindet. Der Hauptkommissar ist wie vom Erdboden verschluckt, was der Wahrheit erschreckend nahe kommt.
Regie führte Thorsten M. Schmidt, er hat auch "Familienband" inszeniert, setzt diesmal aber noch stärker auf die optische Wirkung. Nächtlicher Nebel stammt zwar aus dem Baukasten solcher Filme, sorgt jedoch für eindrucksvolle Aufnahmen (Kamera: Conrad Lobst). Tagsüber sind die Bilder fahl. Die Dreharbeiten fanden im April statt; nicht nur die gelegentlichen Schneeflocken verleihen vielen Szenen eine frostige Atmosphäre. Endgültig mehr als sehenswert ist "Über die Grenze" wegen der Episodengäste. Gerade Jörg Schüttauf als Bauunternehmer Kircheiß, auf dessen Baustelle in Altenberg die dort vor 35 Jahren vergrabene Leiche gefunden wurde, sowie Max Hopp als nervöser Lokalbesitzer Uhlmann sind eine vortreffliche Wahl für die alten Kameraden. Den Dritten im Bunde spielt Jörn Hentschel, der allerdings die wenig dankbare Aufgabe hat, ständig schreiend und unflätig fluchend die Unschuld des vorbestraften Autoschmugglers Gerber beteuern zu müssen; die Indizienlast ist allerdings erdrückend.
Als clever erweist sich auch Schneiders Einfall, mitten im Film den Hauptdarsteller verschwinden zu lassen. Auf diese Weise wird die Ermittlung Frauensache, denn Szabo bekommt Unterstützung durch Winklers Freundin, die Revierförsterin Saskia Bergelt (Theresa Weißbach). Die gemeinsame Sorge um den Polizisten schweißt die beiden zusammen und bereichert das Finale um einen erheblichen emotionalen Faktor. Auch zwischendurch wird’s bereits dramatisch: Winkler vernimmt in seinem Verlies das Gebell der Suchhunde, aber niemand hört ihn schreien. Die Auflösung des historischen Falls ist erwartbar, doch die Erklärung für den vermeintlichen Suizid ist eine echte Überraschung.