So eng sind Hure und Heilige verwandt

Heiligenschein an Statue
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Hure und Heilige liegen im Hebräischen sprachlich nah beieinander. Die Prostituierte ist "kedescha", die Heilige "kedoscha". Für Autor Bräuning ist das nicht nur ein Hinweis, wie leicht Menschen fallen können.
Hebräisch mit Aha-Erlebniss
So eng sind Hure und Heilige verwandt
Warum bringt ausgerechnet der Storch die Kinder? Und liegen zwischen Huren und Heiligen wirklich Welten? Ein Journalist und evangelischer Theologe hat sich die Wörter im Hebräischen genau angeschaut - und teilt seine faszinierenden Einsichten.

Selten war ein Sprachführer so erhellend, unterhaltsam und überraschend wie dieser: Mit dem an diesem Freitag (25.8.) erscheinenden Buch "Mehr als Frieden: Shalom. Hebräische Wörter voller Aha-Erlebnisse" taucht Autor Heiko Bräuning tief in die antike jüdische Sprache ein. Dabei erklärt er nicht nur, wie manche Redewendungen über das Jiddische ins Deutsche eingeflossen sind, er rückt auch einzelne Missverständnisse zu biblischen Texten gerade.

Erstaunlich ist beispielsweise, wie dicht Hure und Heilige sprachlich beieinander liegen. Die Prostituierte ist "kedescha", die Heilige "kedoscha". Für Autor Bräuning ist das nicht nur ein Hinweis, wie leicht Menschen fallen können. Die Nähe der Wörter deuten auch hoffnungsvoll die umgekehrte Richtung an: "Wer als Heilige zur Hure wird, kann als Hure eine Heilige werden."

Noch stärker ist der Widerspruch bei dem Wort "chanan". Je nach Zusammenhang bedeutet es Gnade - oder Gestank. Wie geht das zusammen? Der Sprachführer resümiert die Geschichte des Volks Israel, das sich durch Rebellion gegen göttliche Weisungen "stinkend" für seinen Schöpfer gemacht habe. Aber gerade dieser Schöpfer habe das Volk immer wieder zu sich zurückgeholt. "Übelster Gestank hielt Gott nicht davon ab, sie anzunehmen und sich ihnen zuzuneigen, ihnen gnädig zu sein und sie für ihn lieblich zu machen."

Hebräische Wörter voller Aha-Erlebnisse hat Journalist und Pfarrer Heiko Bräuning für seine Leser:innen gesammelt.

Dass der kreative Kopf Heiko Bräuning aus Wilhelmsdorf bei Ravensburg ein solches Buch herausgebracht hat, wundert nicht. Als Journalist hat er mehrere Medienpreise des Landes Baden-Württemberg eingeheimst. Als evangelischer Pfarrer, der zwölf Jahre der Synode der Evangelischen Landeskirche in Württemberg angehörte, hat er den TV-Gottesdienst "Stunde des Höchsten" aus der Taufe gehoben. Sein "Deadline-Experiment", bei dem er sich ein eigenes Todesdatum ausdachte und so auf den Tag zu lebte, als stürbe er wirklich, sorgte für Schlagzeilen.

Ein Wortstamm: Storch und Gnade sowie Liebe 

Sein neues Buch vermittelt, warum bei uns der Storch die Babys bringt: Das hebräische Wort für diesen Vogel, "chasida", hat denselben Wortstamm wie "chäsäd" (Gnade, Gunst, Liebe, Treue). Störche gelten als aufopferungsvolle Brutpfleger und damit einerseits als Vorbild für menschliche Eltern, andererseits als Symbol für die Liebe und Treue Gottes zu den Menschen.

Jedes der kurzen Kapitel enthält einen Aha-Effekt, jedes vertieft anhand eines Wortes den Bezug zu jüdischem und christlichem Denken. Bräuning erklärt, woher der "Pleitegeier" kommt, warum die Eidechse ein "Krafttier" ist und wie menschlicher Fleiß und göttlicher Segen im Horizont der Juden zusammenwirken. Außerdem erläutert er, dass fromme Menschen in der Bibel angesichts des Niederschmetternden in dieser Welt Gott durchaus anklagen durften.

In die Tiefe geht der Theologe auch beim Titelwort "Shalom". Die Übersetzung "Friede" wirkt geradezu oberflächlich angesichts der vielen Dimensionen des Begriffs. Bräuning übersetzt "genug haben" und bringt damit zum Ausdruck, dass der Mensch einen umfassenden "Frieden" erlebt, wenn er sich nicht zu kurz gekommen fühlt, sondern zufrieden und befriedigt ist. Das macht dieses hebräische Wort für moderne Zeiten mit Kriegen und gesellschaftlicher Spaltung neu interessant.