TV-Tipp: "Jenseits des Spiegels"

Fernseher vor gelbem Hintergrund.

© Getty Images/iStockphoto/vicnt

21. November, NDR, 23.15 Uhr
TV-Tipp: "Jenseits des Spiegels"
Horror ist Handwerk. Zuschauer mit Musik, Soundeffekten, Schnitt und Bildgestaltung zu erschrecken, ist im Grunde keine große Kunst. Viel entscheidender ist die Fähigkeit, eine Stimmung zu erzeugen, die die Basis für den Horror liefert: Erst wenn das Publikum bereit ist, sich auf die Geschichte und ihre Figuren einzulassen, haben die entsprechenden Szenen mehr als nur eine kurzzeitige schockartige Wirkung; und deshalb ist "Jenseits des Spiegels", ausgestrahlt im NDR ein bemerkenswertes Werk.

Dabei erzählt Nils Loof mit seinem Film eine Geschichte (Buch: Ingo Lechner, Jens Pantring), die für das Mystery-Genre nicht ungewöhnlich ist: Julia (Julia Hartmann) hat den Hof ihrer kürzlich verstorbenen Schwester geerbt. Jette hat sich offenbar das Leben genommen, aber Julia glaubt das nicht. Weil ihr Jettes Tod keine Ruhe lässt und sich die Familie die teure Großstadtmiete ohnehin nicht mehr leisten kann, ist sie in das einsam gelegene Haus in der norddeutschen Provinz gezogen. Doch mit dem Gebäude stimmt irgendwas nicht. Während Ehemann Felix (Bernhard Piesk) von all' dem nichts mitbekommt, fragt sich Julia, ob sie wie ihre schizophrene Schwester in den Wahn abdriftet; oder ob sie und ihre Familie tatsächlich von jenem mystischen Unhold heimgesucht werden, der es einer Sage zufolge schon seit Jahrhunderten auf die Kinder des Dorfes abgesehen hat. 

Handlungen dieser Art hat es schon vieldutzendfach gegeben, nicht nur aus Hollywood; auch ProSieben hat sich eine Zeitlang an dem Genre versucht ("Biikenbrennen", "Gonger"). "Jenseits des Spiegels" ist jedoch mehr als bloß der gelungene Versuch, die Vorbilder zu kopieren. Das liegt nicht zuletzt an der Bildgestaltung: Kameramann Marius von Felbert hat Winterbilder fotografiert, die berückend schön und dennoch von klirrender emotionaler Kälte sind. Auf diese Weise betonen sie natürlich die unwirtliche Atmosphäre; kein Wunder, dass Julias Sohn Niko (Oskar von Schönfels) gleich wieder weg will. Auch das heruntergekommene Haus ist von einer bedrückenden Düsternis.

Ganz selten sorgen das Feuer im Ofen und das Licht überm Esstisch für heimelige Stimmung, ansonsten dominiert Tristesse; auf bunte Farben haben Ausstattung und Kostüm konsequent verzichtet. Der einzige helle Raum ist Jettes Atelier. Die Schwester war Malerin, Julia illustriert Kinderbücher, aber nun beginnt sie, die gleichen trostlosen Waldbilder zu zeichnen wie Jette. Der Wald spielt ohnehin eine immer größere Rolle. Dort trifft sich Niko mit anderen Kindern zum Spielen, und das, obwohl eine hilfsbereite Nachbarin (Petra Kelling) versichert, im Dorf lebten schon lange keine Kinder mehr.

Die ersten Bäume stehen gleich hinterm Gartentor, und natürlich sorgt Loof dafür, dass sich der deutsche Mythos-Ort Wald von seiner bedrohlichsten Seite zeigen darf. Einige Schockeffekte werden auch hartgesottene Horrorfilmfreunde zusammenzucken lassen, und wenn Julia den Waldgeist am Gartentor sieht und ihr Sohn den Schatten des Bösen wirft, kann es einem kalt den Rücken 'runterlaufen. All' das funktioniert aber nur aufgrund einer geschickten Dramaturgie, denn der Prolog, der scheinbar das Finale des Films vorwegnimmt, als eine Frau vor einem Eindringling in Panik auf den Speicher flüchtet, schafft auch dank der Kombination aus subjektiver und objektiver Perspektive zwei Voraussetzungen: Die Bedrohung ist offensichtlich keine Einbildung; und natürlich bezieht der Film seine Spannung auch aus der wachsenden Sorge um die Heldin.

Je mehr sich die Ereignisse verdichten, desto näher rückt der Moment, da sie um ihr Leben fürchten muss. Auf diese Weise gelingt es Loof, dass man jedes Mal mit dem schlimmsten rechnet, wenn die schreckhafte Heldin der Kamera den Rücken zuwendet. Als Julia im Radio die Stimme ihrer Schwester hört und immer öfter Visionen hat, beginnt sie, an ihrem Verstand zu zweifeln. Anfangs versucht Felix noch, sie zu beruhigen, aber sein Mitgefühl endet, als sie überzeugt ist, Niko sei vom Bösen besessen. Dass sich in Wirklichkeit alles ganz anders zugetragen hat und Loof gemeinsam mit den beiden Autoren ein sinistres Spiel mit dem Publikum treibt, ist der große Knüller der Geschichte; und die grimmige Schlusspointe setzt sogar noch eins drauf. 

Grimmige Schlusspointe im Horrorfilm

Neben der virtuosen Kombination von optischer und akustischer Ebene zeichnet sich der Mystery-Thriller vor allem durch eine formidable und dramaturgisch sehr geschickt verarbeitete Bildgestaltung aus. Gerade den schwarzweiß wirkenden Aufnahmen von winterlicher Kargheit verdankt der Film seine ganz spezielle trostlose Stimmung. Einfache, aber einfallsreiche kurze Einschübe, die an den Prolog erinnern, haben zur Folge, dass die innere Spannung erhalten bleibt.

Die suggestive Kameraführung legt zudem die Vermutung nahe, dass jemand das Haus beobachtet, was gemeinsam mit unerklärlichen Ereignissen, unheimlichen Geräuschen und ständigen Stromschwankungen für ein permanentes Unbehagen sorgt. Sehr effizient ist auch die Umsetzung von Julias zunehmenden Blackouts, bei denen es Loof mit einem Schnitt gelingt, seiner Heldin komplett den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Julia Hartmann verkörpert den rapide schwindenden geistigen Gesundheitszustand der Heldin zudem sehr glaubwürdig. Famos ist auch der junge Oskar von Schönfels, der scheinbar mühelos von einem Moment auf den anderen vom netten Jungen zum eiskalten Teufel mutiert, was Niko zum würdigen Nachfolger des jungen Antichristen Damien aus der Filmserie "Das Omen" macht. 

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