TV-Tipp: "Martha Liebermann – Ein gestohlenes Leben"

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10. Oktober, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Martha Liebermann – Ein gestohlenes Leben"
Die Bilder sind düster, die Geschichte ist es auch: Martha Liebermann war die Frau von Max Liebermann, einem der wichtigsten deutschen Maler des letzten Jahrhunderts.

Außerdem war Liebermann Ehrenpräsident der Preußischen Akademie der Künste, zumindest bis 1932. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, verließ er die Akademie; er war Jude. Ein Prolog aus Anlass seiner Ernennung zum Ehrenbürger Berlins im Jahr 1927 beschreibt die tiefe Verbundenheit zwischen dem Ehepaar; anschließend springt die Handlung in die filmische Gegenwart. Als Witwe eines Künstlers, dessen Bedeutung auch die Faschisten nicht leugnen konnten, genießt die mittlerweile 85-jährige Martha selbst 1943 noch gewisse Privilegien, aber nun wird sie zur unfreiwilligen Hauptfigur eines Komplotts: Gestapo-Kommissar Teubner will ihre Verbindung zu einer mutmaßlichen Widerstandsgruppe nutzen, um die Regimefeinde auf frischer Tat ertappen und endlich verhaften zu können.

Das klingt nach Thriller, aber der erzählerische Ansatz von Marco Rossi (Buch) und Stefan Bühling (Regie) ist ein anderer. Weil Martha ihre Wohnung nicht verlässt, um auf der Straße nicht als Jüdin angefeindet zu werden, ist der Film über weite Strecken ein Kammerspiel. Umso bedeutungsvoller ist die preiswürdige Kameraarbeit. Jan Prahl hat die meisten Szenen in ein dunkles Zwielicht getaucht, das nicht nur der allgemeinen Stimmung entspricht; ein beiläufiger Schwenk zu Beginn der eigentlichen Handlung erfasst ein Litfasssäulenplakat mit der Verdunkelungsaufforderung. Gerade dieser Lichtverzicht verhindert jedoch, dass die Bilder klaustrophobisch wirken. Typisch für die gestalterische Sorgfalt ist zudem das Sounddesign, weil die Atmosphäre auch durch bestimmte Geräusche – das überlaute Ticken der Standuhr, das knautschige Knarren des Ledermantels von Teubner – geprägt wird. Einziger Farbtupfer in dem ansonsten konsequent unbunt gehaltenen Film sind die knallroten Lutschpastillen des Gestapo-Kommissars. In der letzten Szene fällt zum ersten Mal Sonnenlicht in einen Innenraum.

Von herausragender Qualität sind zudem die Leistungen der Ensemblemitglieder. Thekla Carola Wied ist hier in einer ihrer besten Rollen zu sehen. Martha Liebermann bleibt ihren Prinzipien bis zum bitteren Ende treu, allerdings auch ihrer trügerischen Überzeugung, der Spuk werde bald vorüber gehen, wie sie in einer Rückblende ins Jahr 1938 hofft; eine Haltung, die damals viele Menschen nicht nur jüdischen Glaubens das Leben gekostet hat. Nicht minder sehenswert ist Franz Hartwig als Gegenspieler: Die formvollendeten Manieren des SS-Mannes bilden einen darstellerisch reizvollen Kontrast zu seinem grausamen Treiben. Seit Monaten bereits beobachten Teubner und seine Schergen die Widerstandsgruppe rund um Hanna Solf (Fritzi Haberlandt) und ihre Tochter (Johanna Polley). Die beiden Frauen versorgen Emigranten mit falschen Pässen und verhelfen ihren zur Flucht in die Schweiz. Bislang konnte die Gestapo der Gruppe nichts nachweisen. Martha Liebermann ist mit Hanna Solf befreundet. Teubner vermutet, wenn er den Druck auf die Witwe erhöht, wird sie die Freundin um Hilfe bitten; und dann kann er die "Solf-Bande" ins Konzentrationslager schicken. Als Mittel zum Zweck missbraucht er einen homosexuellen Kunsthistoriker (Wanja Mues), der ein leichtes Opfer ist, weil er seinen jüdischen Geliebten versteckt. 

Die Konstellation sorgt natürlich für eine gewisse Spannung, zumal sich niemand sicher sein, ob sich unter den Menschen in der nächsten Umgebung nicht ein Spitzel verbirgt. Bühling hat allerdings weitgehend auf vordergründigen Nervenkitzel verzichtet. Nur einmal weicht er von dieser Linie ab, als ein Mitglied (Arnd Klawitter) der Gruppe bei der Ausreise nach Schweden in letzter Sekunde durch einen Fliegerangriff vor der sicheren Verhaftung bewahrt wird. Ansonsten beschränkt sich die Regie auf die Rolle der stillen Beobachtung. Dies sowie die vielen Innenaufnahmen lassen den Film unaufwändig wirken, weshalb eine kühn konzipierte Szene gleich zu Beginn umso stärker heraussticht, als Martha 1927 in der gemeinsamen Villa nach ihrem Mann sucht und sich um sie herum die Zeitläufte ereignen. 

Dennoch ist "Martha Liebermann" – Rossis Drehbuch basiert auf Motiven des 2019 erschienenen Romans "Dem Paradies so fern" von Sophia Mott – vor allem das Porträt einer Frau, über die ihre treu ergebene Haushälterin (Lana Cooper) sagt, sie sei "immer tapfer, immer stolz". Dank der Unerschütterlichkeit, mit der Wied die Titelheldin versieht, lässt sich auch nachvollziehen, warum es Martha so schwer fällt, ihre Heimat zu verlassen, vom fortgeschrittenen Alter ganz zu schweigen. Auch deshalb ist der Prolog wichtig, um ihre Motive zu verstehen: In jedem seiner Werke, sagt Max Liebermann (Rüdiger Vogler) zur Gattin, stecke ein Stück von ihr. Seine Bilder sind ihr Leben, in jeder Hinsicht, sie würden im Fall einer Auswanderung in Staatseigentum übergehen. Beim Festival de Télévision in Monte-Carlo ist "Martha Liebermann – Ein gestohlenes Leben" mit der "Goldenen Nymphe" als bester Fernsehfilm ausgezeichnet und Wied als beste Darstellerin geehrt worden. Bühling hat zuletzt ebenfalls im Auftrag der ARD-Tochter Degeto den gleichfalls sehenswerten Ensemblefilm "Wenn das fünfte Lichtlein brennt" (2021) gedreht; in der ungewöhnlichen Weihnachtsgeschichte müssen einige Menschen Heiligabend an einem Flughafen verbringen.

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