Die Hauptfiguren waren drei Männer, die nachts in Berlin Toiletten reinigten. Das Besondere an dem Film war nicht zuletzt die Besetzung: Die zentralen Rollen wurden von Schwarzen verkörpert. Das ist bei "Damen" ganz ähnlich, und auch das Subthema ist das gleiche: Hier wie dort geht es um Personen, die in Deutschland aufgewachsen sind. Im Alltag machen sie jedoch regelmäßig die Erfahrung, dass sie nicht dazu gehören: weil ihre Mitmenschen ihnen, oft auch nur unbewusst, zu verstehen geben, dass sie anders sind.
Vordergründig erzählt Kremser jedoch eine ganz andere Geschichte; das Gefühl, sich im Geburtsland fremd zu fühlen, kommt nur gelegentlich zur Sprache. Hauptfigur ist eine studierte Münchner Maskenbildnerin. Fürs Theater arbeitet sie nur projektbezogen; in erster Linie lebt sie davon, Stammkundinnen die Fingernägel zu verschönern. Der von Katharina Bischof betont unaufgeregt inszenierte Film begleitet Maya, Mitte dreißig, durch ihr Dasein zwischen Jobstress, psychisch kranker Mutter und der Suche nach einer festen Beziehung. Ihr Großvater war ein afro-amerikanischer Soldat, aber selbst ihre Mutter hat den Mann nie kennengelernt. Er wurde 1972 nach Vietnam versetzt, was zur Folge hat, dass sich gegen Ende auf wundersame Weise ein Kreis schließt.
Über weite Strecken wirkt "Damen" wie eine unstrukturierte Aneinanderreihung gänzlich unspektakulärer Geschehnisse. Langweilig wird’s trotzdem nie, zumal die Österreicherin Salka Weber ihre Rolle sehr natürlich und sympathisch spielt. Das gilt ausnahmslos auch für den Rest des Ensembles, dessen Mitglieder größtenteils eine Migrationsgeschichte haben. Motor der Handlung ist allerdings, wie sich nach und nach herauskristallisiert, die Freundschaft. Ein kluger Vogel, zitiert die weise Thao (Mai-Phuong Kollath) gegen Ende ein mutmaßlich vietnamesisches Sprichwort, "wählt seinen Ast, ein kluger Mensch wählt seine Freunde." Thao ist die Großmutter von Kim (Viet Pham), er bildet gemeinsam mit Mayas bester Freundin und WG-Partnerin Sema (Şafak Şengül) eine Dreierclique, die gemeinsam durch Dick und Dünn geht.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Sema, Tochter türkischer Eltern, ist das Energiezentrum des Trios. Sie besitzt nicht nur eine Optikmanufaktur, sondern ist auch feministische Influencerin und sorgt dafür, dass Maya ihrem inneren Kompass treu bleibt, ganz gleich, welche Steine das Schicksal ihr in den Weg legt. Größtes Hindernis in dieser Hinsicht ist Mutter Doro (Anja Herden), die sich in ihrer Wohnung einigelt und niemanden sehen will. Maya versorgt sie mit Lebensmitteln, die sie vor der Tür abstellt. Doro braucht dringend Hilfe, und auch hier weiß Thao Rat. Die einst als Kind aus Vietnam geflüchtete Frau lebt seit über fünfzig Jahren in Deutschland, aber wenn es um persönliche Dienstleistungen geht, bevorzugt sie Menschen mit gleicher Herkunft: weil sie dann weniger erklären muss. Tatsächlich findet Maya schließlich eine Therapeutin mit afrikanischen Wurzeln.
Thao bereichert den Film zudem um einen interessanten Exkurs. Maya schenkt der alten Frau zum Geburtstag das Plakat einer Ausstellung über "Ikonen der Sechzigerjahre". Es zeigt Tippi Hedren und einen Rabenvogel, ein berühmtes Motiv, mit dem 1963 Alfred Hitchocks Thriller "Die Vögel" beworben wurde. Die Schauspielerin wird in der vietnamesischen Community noch heute verehrt, weil sie sich Mitte der Siebziger stark für die sogenannten Boat People engagiert hat. Ihrer Initiative ist es zu verdanken, dass sich viele weiblichen Flüchtlinge zu Maniküren ausbilden ließen; auch Thao besitzt ein Nagelstudio, dass sie Maya überlassen will, als sie nach fünfzig Jahren in der Fremde in ihre alte Heimat zurückkehren will.
Zwischendurch findet Maya allem Hin und Her zum Trotz die Zeit, sich in einen Schauspieler mit angolesischen Wurzeln zu verlieben. Philip (Patrick Isermeyer) soll in einem Stück einen Paradiesvogel mimen. Maya bastelt eine prachtvolle Maske mit roten Federn, muss aber mehrfach die Farbe ändern, und auch das passt ins Bild: In Bischofs Umsetzung dominieren die Grüntöne. Davon abgesehen dauert es eine Weile, bis Philip erkennt, was Sema in einer ihrer kraftvoll vorgetragenen Videobotschaften formuliert. Ihre Lehrsätze verpackt sie dabei gern als Geschichte. Die wichtigste Erkenntnis ist das Fazit eines Gleichnisses über drei Königstöchter: Frauen sind das Salz der Erde.


