Schule begeistert Kinder für Dialekt

Kinder werden in Dialekten unterrichtet in Schul AG

© epd-bild/Jörn von Lutzau

Die Mundart-AG versucht schon seit 22 Jahren, die Kinder mit dem Dialekt ihrer Heimat vertraut zu machen.

Mundart sprechen
Schule begeistert Kinder für Dialekt
Deutsche sprechen immer weniger Dialekt. Das erklären Sprachforscher. Eine Grundschule im hessischen Dillenburg steuert gegen diesen Trend und will jungen Menschen die Sprache ihrer Heimat nahebringen.

"Gude Moje!", trällern die Kinder der Mundart-AG "De Dorfkönn" ihrer Lehrerin auf dem Pausenhof entgegen. Was beim ersten Hören ein wenig wie niederländisch klingt, ist mittelhessisches Platt, wie die Grundschüler fachkundig erklären.

Die Gruppe übt ein letztes Mal für ihr Theaterstück "Woss Ox onn Esel sich erzallden". Am Abend steht der große Auftritt in der Aula der Grundschule am Brunnen in Dillenburg-Frohnhausen bevor.

Sybille Holighaus-Sauer leitet die AG seit 22 Jahren. Die Schulleiterin schreibt und übersetzt die Theaterstücke selbst, sogar die Weihnachtsgeschichte hat sie schon auf Platt verfasst. Zu Hause spricht die Hessin selbst Platt, wie sie erzählt. "Mir ist es wichtig, dass wir unsere Tradition hier pflegen, dass das nicht verloren geht", sagt sie. Holighaus-Sauer ist ein "Native Speaker", wie sie lachend erklärt: "Ich liebe das, so zu sprechen. Ich habe mit meinen Kindern so gesprochen und jetzt auch mit meiner Enkeltochter."

Unterstützung in der Familie

Enkelin Kathaleia hat sich auch für die Mundart-AG angemeldet. Die Schülerin erklärt, dass es auf Platt etwa "Brourer" statt Bruder heißt und "Woscht" statt Wurst. Das weiß auch Julius, der eine Reihe hinter ihr sitzt: "Wir lernen hier eine neue Sprache und das finde ich spannend. Mit meinem Papa, Oma, Opa und Tante spreche ich auch Platt", erzählt der Grundschüler.

Schule bringt Kindern Dialekt nah

Das ist die Voraussetzung für die Teilnahme an der AG, wie Holighaus-Sauer sagt. Mindestens ein Familienmitglied zu Hause müsse Platt beherrschen, damit die Kinder die Texte nicht komplett selbst lesen müssten. Die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler könnten nach der AG nicht fließend Platt sprechen, wie die Lehrerin betont. Es gehe eher darum, dass sie die Mundart verstehen, einzelne Ausdrücke, Sätze und Redearten lernen.

Süd-Nord-Gefälle

Ein großartiges Angebot, findet Brigitte Ganswindt vom Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas in Marburg, das unter anderem das Hessen-Nassauische Wörterbuch herausgegeben hat. Die AG sei ein guter Weg, Kinder mit einem Dialekt vertraut zu machen. Gerade, wenn zu Hause nur noch Hochdeutsch gesprochen wird. Außerdem lernten Kinder Sprachen generell schneller als Erwachsene.

Ob Dialekte tatsächlich weniger gesprochen werden, wie es oft heißt, lasse sich pauschal nicht sagen, erklärt die Expertin. Zumal es keine aktuellen, verlässlichen Zahlen darüber gibt, wie viele Menschen überhaupt Dialekt sprechen. Das sei je nach Region sehr unterschiedlich. Während der Dialekt in Norddeutschland tatsächlich sehr gefährdet sei, könne die Forschung im Süden das Gegenteil beobachten. "Wenn wir mal nach Bayern schauen, da ist der Dialekt in allen Generationen vorhanden und wird aktiv im Alltag gesprochen", sagt Ganswindt. Das habe immer auch damit zu tun, wie stolz und heimatverbunden jemand sei.

Wenig Alteingesessene

Von solchen Menschen würde sich auch die Mundart-AG-Leiterin Holighaus-Sauer mehr wünschen. Sehr optimistisch ist die Deutsch- und Religionslehrerin aber nicht: "Ich rechne damit, dass in zwei Jahren niemand mehr mit seinen Kindern Platt spricht". Immer mehr Menschen würden aus den Städten in ländlich geprägte Gegenden ziehen. Es gebe kaum noch alteingesessene Einwohner.

Nicht nur Holighaus-Sauer ist eine Verfechterin der Mundart. In Hessen hat sich 2018 ein Verband zur Erhaltung der Dialekt-Vielfalt gegründet. Der "MundART -Dialekt-Dachverband" möchte nach eigenen Angaben ein Netzwerk sein für Heimatvereine, Brauchtumsgruppen und Kulturvereine.

Wissenschaftlerin Ganswindt ist zuversichtlich: "Dialekte werden nicht aussterben." Sprache wandele sich ständig. Es werde immer regionale Unterschiede geben. Selbst spricht die Sprachforscherin keinen Dialekt: "Das bedaure ich allerdings sehr." Demnächst möchte sie mit ihrem Mann einen hessischen Dialekt lernen.

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