TV-Tipp: "Rabiat: Besser leben ohne Kinder"

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22. August, ARD, 23.20 Uhr
TV-Tipp: "Rabiat: Besser leben ohne Kinder"
Warum wollen Menschen kinderlos leben? Und warum werden Frauen angefeindet, wenn sie öffentlich eigenen Nachwuchs ausschließen? Das will "Rabiat"-Autorin Katja Döhne herausfinden. In ihrer Reportage trifft sie nicht nur auf unterschiedliche Menschen und Ansichten, sondern setzt sich auch mit ihrer eigenen Zukunft auseinander.

"Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad": Das fanden damals zur Sponti-Zeit sogar die Kerle lustig, auch wenn bis heute noch nicht jeder davon überzeugt ist, dass Gleichberechtigung eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Mittlerweile würden anscheinend immer mehr Frauen den Spruch variieren und "Mann" durch "Kind" ersetzen. Da hört der Spaß dann allerdings auf: Wer sich im Freundes- und Familienkreis oder gar öffentlich dazu bekennt, auch ohne Nachwuchs glücklich zu sein, muss oft genug mindestens mit Befremden, wenn nicht gar mit Anfeindungen rechnen.

"Rabiat"-Autorin Katja Döhne wollte herausfinden, warum Menschen gewollt kinderlos sind, erzählt aber erst mal von sich selbst: Sie ist 37, also in einem Alter, in dem der Volksmund die biologische Uhr schon ziemlich laut ticken hört; trotzdem hat sie auf ihre eigene Kinderfrage noch keine schlüssige Antwort gefunden. Vorerst erfreut sie sich an Nichten, Neffen und einem süßen kleinen Hund.

Dieser Einstieg mag zunächst irritieren, ist aber Teil des Konzepts: In den Beiträgen zu der seit 2018 im Auftrag von Radio Bremen produzierten Reportagereihe "Rabiat" nähern sich die Autorinnen und Autoren, allesamt Mitglieder des beim jungen öffentlich-rechtlichen Online-Portal funk tätigen Y-Kollektivs, den jeweiligen Stoffen bewusst subjektiv. Deshalb filmt sich Döhne zwischendurch auch mehrfach selbst, um vor der Kamera ihres Smartphones Einblicke ins eigene Seelenleben zu geben.

Der Reiz des "Rabiat"-Ansatzes liegt im persönlichen Bezug: Hier wird nicht einfach ein redaktioneller Auftrag erledigt; Döhne beschäftigt sich mit einem Thema, das sie persönlich bewegt. So führt sie auch viele Gespräche: nicht aus journalistischer Distanz, sondern mit Nähe zu den Betroffenen, etwa zu einer jungen Frau, die schon mit 22 Jahren weiß, dass sie niemals Kinder haben will; deshalb möchte sie sich sterilisieren lassen.

Döhne begleitet sie zu einer Frauenärztin, die beiden sind zweieinhalb Stunden mit dem Auto unterwegs, denn die meisten gynäkologischen Einrichtungen weigern sich, solche Eingriffe an Frauen unter 30 vorzunehmen; die Patientinnen könnten den Schritt ja nach einigen Jahren bedauern. Dabei sei die Erfüllung eines Kinderwunschs durch künstliche Befruchtung durchaus noch möglich, wie die Ärztin erklärt. 

Was nicht nur in diesem Teil der Reportage zu kurz kommt, ist der Blick aufs Umfeld: Wie reagieren Eltern, wenn ihre Kinder ihnen offenbaren, dass sie niemals Großeltern werden? Wie reagiert die Gesellschaft? Döhne streift diesen Aspekt im Gespräch mit einem sterilisierten Mann, der von den Reaktionen in einem digitalen Netzwerk berichtet.

Anderswo zu lesende Erfahrungsberichte beschreiben allerdings ein feindseliges Unverständnis, das natürlich in krassem Widerspruch zum Alltag steht: In kaum einem anderen europäischen Land werden Kinder als derart lästige Störenfriede empfunden wie bei uns. Sie gelten zwar als Zukunft, doch in der Gegenwart haben sie davon traditionell gar nichts. Trotzdem wird, wer gewollt kinderlos bleibt, als egoistisch eingestuft. Dabei gibt es durchaus nachvollziehbare Gründe.

Döhne zum Beispiel fürchtet, dass unter einem Kind ihre Freundschaften leiden könnten. Angeblich bereuen 20 Prozent der Eltern, Nachwuchs bekommen zu haben, das passende Schlagwort ist "Regretting motherhood"; und auch dafür hat die Autorin eine Kronzeugin gefunden.

Die Auswahl der Menschen, mit denen sich Döhne ausgetauscht hat, ist diskutabel: weil einige das Publikum polarisieren werden. Das gilt vor allem für jene, die den Antinatalismus repräsentieren, eine vor allem in den USA sehr rege Bewegung, die Geburten am liebsten generell abschaffen würde: die einen, weil die Erde ohnehin schon überbevölkert ist und es längst nicht mehr um die Größe des ökologischen Fußabdrucks gehe, wie es die Publizistin Verena Brunschweiger formuliert, sondern auch um die Anzahl der Füße; und die anderen, hier repräsentiert vom Philosophen Karim Akerma, weil jede Geburt einem Todesurteil gleichkomme.

Kein Wunder, dass die Autorin Akermas Gedanken ziemlich düster findet: Auf der Erde, die seiner Vorstellung einer perfekten Welt entspräche, würden ausschließlich Pflanzen existieren. Immerhin setzt sich Döhne inhaltlich mit dem Geburtsgegner auseinander. Die exaltiert extravertierte Brunschweiger hingegen darf die Bühne, die Döhne ihr bietet, unwidersprochen nutzen. Ihre Lust an der Provokation ist bekannt: Die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung hat sie mal als "Seuchenhysterie" und "faschistoid" bezeichnet.  

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