TV-Tipp: "Einsatz für Henning Baum"

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11. August, RTL, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Einsatz für Henning Baum"
Im vergangenen Jahr hat Henning Baum im Auftrag von RTL fünf Monate bei der Leipziger Bereitschaftspolizei hospitiert. Nun zeigt der Sender einen zweiten Einsatz dieser Art, und der hat es in sich.

Der Hüne hat zwar ein doppelt so breites Kreuz wie die Rekruten, mit denen er zu Beginn in die Kaserne kommt, aber er ist auch doppelt so alt. Als Ausbildungsziel hat er sich ausgerechnet eine der größten Herausforderungen ausgesucht, die die Bundeswehr zu bieten hat: Pilot des Eurofighters. 
Schon der erste Härtetest führt den Westfalen, der im September fünfzig wird, an seine Grenzen: Um rauszufinden, ob er überhaupt flugtauglich ist, muss er bei der Startsimulation in der Hochleistungszentrifuge Kräfte von bis zu 5 G aushalten; das entspricht einer Gewichtskraft von knapp 400 Kilogramm. Kein Wunder, dass er auf den entsprechenden Aufnahmen nicht besonders entspannt wirkt. In seinen Rollen geht Baum gern auch mal dahin, wo's weh tut, dabei sei er gar kein "harter Hund", wie er versichert: Achterbahn mag er gar nicht, die "Wilde Maus" war bei Kirmesbesuchen das höchste der Gefühle. Zu diesem Zeitpunkt kann er noch nicht ahnen, dass die Zentrifuge im Vergleich zu seinem Jungfernflug die reinste Karussellfahrt ist. 

Die Dokumentation ist gerade in diesen Zeiten allerdings weit mehr als bloß ein Abenteuer für einen Schauspieler, der selbst nie eine Grundausbildung absolviert hat: Baum, für die Sat.1-Serien "Mit Herz und Handschellen" und "Der letzte Bulle" mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet, hat in den frühen Neunzigern seinen Zivildienst als Rettungssanitäter geleistet; das war damals vermutlich ohnehin die härtere Schule fürs Leben. Die von Bundeskanzler Olaf Scholz nach dem russischen Überfall auf die Ukraine ausgerufene "Zeitenwende" hat die Rahmenbedingungen des Besuchs beim "Bund" jedoch gründlich verändert: Plötzlich sehen selbst Menschen, die einst den Kriegsdienst verweigert haben und sich absurden "Gewissensprüfungen" unterziehen mussten, das Heer, die Luftwaffe und die Marine mit anderen Augen; laut einer Umfrage wäre rund die Hälfte der Deutschen bereit, ihr Land mit einer Waffe zu verteidigen. 

Baums Stippvisite bei der Polizei hatte sich nicht zuletzt durch die Gespräche ausgezeichnet, die er mit unterschiedlichsten Menschen geführt hat; darunter auch solche, die im Dienst lebensgefährlich verletzt worden sind. Diese Ebene gibt es diesmal auch. Eine besondere Rolle spielen dabei die Auslandseinsätze: Ein Soldat ist in Afghanistan, wie Baum es formuliert, "durch die Hölle gegangen", mit einem Kriegstrauma heimgekehrt und immer noch in therapeutischer Behandlung. Ein Ausflug nach Mali dokumentiert die enormen Anspannungen, mit denen die UN-"Blauhelme" tagtäglich in dem westafrikanischen Staat klarkommen müssen. Mit der Dokumentation, sagt Baum, "wollte ich die Bundeswehr und die Menschen, die unserem Land dienen, kennenlernen und einen möglichst realen Einblick vermitteln. Mein Wissen über die Truppe war zuletzt sehr an negative Nachrichten gekoppelt, wenn irgendetwas nicht funktionierte. Dabei ist die Bundeswehr kein Staat im Staat, sondern Teil unserer Gesellschaft." Wenn die Deutschen die Soldatinnen und Soldaten erst mal kennen lernen, hofft er, "stellt sich möglicherweise wieder mehr Verständnis und Wertschätzung für ihre Arbeit ein." Darüber hinaus bietet die Sendung unter anderem durch ein Gespräch Baums mit Verteidigungsministerin Christine Lambrecht einen Rückblick auf die letzten Jahre sowie einen kritischen Blick auf den Status quo. 

Der spezielle Reiz von "Einsatz für Henning Baum" resultiert aber natürlich aus der tatkräftigen Mitwirkung des Titelhelden, der sich wie schon beim letzten Mal keineswegs auf die Rolle des teilnehmenden Beobachters beschränkt. Der Essener hat zwar immer einen launigen Spruch auf Lager, aber es gibt durchaus Situationen, in denen selbst ihm der Sinn ihm nicht mehr nach Scherzen steht. Eine Geländeübung fühlt sich trotz der verwendeten Platzpatronen ziemlich ernst an; Bundeswehr "ist kein Abenteuerspielplatz", wie er feststellt. Das gilt erst recht für eine Notwasserung im sechs Grad kalten Nordseewasser; trotz Angora-Unterwäsche wirkt er mutterseelenallein auf hoher See ziemlich unglücklich. Kurz drauf ist seine Stimmung schon wieder gut genug, um an Bord fröhlich den Hans-Albers-Klassiker "La Paloma" zum Besten geben. 

Höhepunkt des Films, allerdings nur aus Sicht des Publikums, ist der Flug im Eurofighter, bei dem Baum endgültig das Lachen vergangen ist; angesichts von 5,6 G kein Wunder. "Wir haben einen Vorfall auf dem Rücksitz", heißt es lakonisch im Funkverkehr. Nach der Landung drückt ihm ein Soldat neben einer Wasserflasche auch einen Kaugummi in die Hand – "für den Atem".

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