TV-Tipp: "Utopia – irre Visionen in Silicon Valley"

Fernseher auf gelbem Grund

© Getty Images/iStockphoto/vicnt

19. Juli, ZDF, 23.00 Uhr
TV-Tipp: "Utopia – irre Visionen in Silicon Valley"
Die Warnung vor den "irren Visionen in Silicon Valley" ist Claus Kleber, dem früheren Moderator des ZDF-"heute journals" ein echtes Anliegen. Ihm jagen die Pläne der amerikanischen Konzernbosse Angst und Schrecken ein, denn deren Visionen laufen auf eine Verschmelzung von Mensch und Maschine hinaus.

Was bis vor wenigen Jahren noch Science Fiction war, wird längst Realität: Das 2016 unter anderem von Elon Musk gegründete Unternehmen Neuralink arbeitet an einer Methode, das Gehirn dank haarfeiner Drähte mit einem Computer zu verbinden. An der Entwicklung von Kontaktlinsen, die ihren Träger mit Informationen versorgen, wird ebenfalls längst geforscht. Aber wo gegeben wird, wird stets auch genommen. Schon heute sind die Segnungen der Technologie nicht gratis: Wir zahlen mit der Preisgabe von Informationen, mit denen die Algorithmen der Unternehmen gefüttert werden, um uns zum Beispiel gezielt mit Werbung zu versorgen. Auf diese Weise werden Bedürfnisse geweckt, von deren Existenz wir bislang gar nichts ahnten; und das ist noch eine der harmloseren Folgen, wie der Sturm der wütenden Trump-Anhänger aufs Kapitol in Washington im Januar 2021 gezeigt hat. 

All' das bereitet Claus Kleber große Sorge, weshalb sein Kommentar zu "Utopia" ungewohnt appellativ ausfällt: Es wäre "verheerend", diese Entwicklung einfach über sich ergehen zu lassen und unsere Zukunft in die Hände der Tech-Konzerne zu legen. Realität, sagt der im Rahmen des Grimme-Preises bereits 2009 für seine Verdienste geehrte Journalist, würde dann "zur Ansichtssache" und nach Belieben manipulierbar. Zwar waren weder Musk noch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg zum Gespräch bereit, aber dafür zum Beispiel neben Margrethe Vestager, Vizepräsidentin der EU-Kommission und Ressortchefin für Digitale Zukunft, unter anderem auch Jaron Lanier, Pionier der Virtuellen Realität und im Silicon Valley als Vordenker und Guru verehrt. Der Informatiker warnt eindringlich vor Zuckerberg: "Facebook nutzt psychologische Tricks, um das Verhalten von Menschen zu ändern", und treibe sie in den Wahnsinn. Das Netzwerk, ergänzt Kleber, sei auf Konflikte angewiesen wie ein Vampir auf Blut. 

Der optisch zum Teil sehr aufwändig gestaltete Streifzug durch die neue Welt ist ungemein informativ und stellenweise in der Tat derart erschreckend, dass selbst "die Magier des 21. Jahrhunderts", wie Musk in einer Rede die Absolventen des California Institute of Technology vor einigen Jahren bezeichnete, hoffentlich ins Grübeln kommen. Der Tesla-Boss kommt bei Kleber und seiner Koautorin Angela Andersen allerdings vergleichsweise glimpflich davon.

Nur beiläufig weist der Film auf Musks stellenweise rechtsextrem klingendes Gedankengut hin; sein mittlerweile allerdings ohnehin wieder abgesagter Plan, mit Twitter den wichtigsten Kurznachrichtendienst zu übernehmen, wird gar nicht erwähnt. Auch Lanier hält Musk für weniger problematisch, denn dessen Geschäftsmodell basiere nicht auf Gehirnwäsche.

Horrorvision der unkontrollierten Künstlichen Intelligenz

Zum Feindbild haben Kleber und Andersen, deren bereits rund zwanzig Jahre währende Zusammenarbeit eine ganze Reihe sehenswerter Dokumentation hervorgebracht hat (darunter auch den Vorläufer "Schöne Neue Welt – Wie Silicon Valley unsere Zukunft bestimmt", 2016), Zuckerberg erkoren. Ginge es nach dem Unternehmer, der in seinen Internet-Ansprachen längst wie ein Avatar seiner selbst wirkt, würde sich unser Dasein in Zukunft weitgehend in seinem "Metaverse" abspielen. In dieser virtuellen Welt werden selbstverständlich alle Fäden bei einer Künstlichen Intelligenz (KI) zusammenlaufen. Während Zuckerberg das Metaversum als Paradies betrachtet, ist diese Vorstellung für Kleber wegen des enormen Einflusses auf das Denken und Handeln der Menschen eine Horrorvision; selbst Musk betrachtet Künstliche Intelligenz als "existenzielle Gefahr für die Menschheit." 

Vermutlich werden die Mahnungen dennoch verhallen: Die sogenannten Millennials sind mit den vermeintlichen Segnungen der Technologie aufgewachsen, ohne ihr mobiles Telefon sind sie, überspitzt formuliert, hilflos. Viele wird die Vorstellung, Computer-Chips könnten direkt in den Körper implantiert werden, daher womöglich eher entzücken als verstören. Der Fortschritt lässt sich erfahrungsgemäß ohnehin nicht aufhalten: Was möglich ist, wird auch umgesetzt.

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