Mehr Kundschaft in Sozialkaufhäusern

Sozialkaufhaus in der Heilig-Geist-Kirche im Stadtteil Bremen-Vahr

© epd-bild/Kay Michalak

Das Sozialkaufhaus "Marktplatz der Begegnung" hat in der Heilig-Geist-Kirche Bremen Platz gefunden.

Zunehmende Armut
Mehr Kundschaft in Sozialkaufhäusern
Angesichts massiv steigender Lebenshaltungskosten und einer wieder zunehmenden Zahl Geflüchteter registrieren viele Sozialkaufhäuser in Deutschland wie der kirchliche "Marktplatz der Begegnung" in Bremen eine stark wachsende Nachfrage.

"Wir arbeiten an vielen Stellen am Limit", sagte "Marktplatz"-Leiter und Sozialdiakon Christoph Buße (58) dem Evangelischen Pressedienst (epd). Dabei spiele auch eine Rolle, dass gerade viele Corona-Einschränkungen weggefallen seien. "Ich sehe, dass wir mehr gebraucht werden", betonte Buße.

Der "Marktplatz der Begegnung" hat eine Verkaufsfläche von rund 300 Quadratmetern und zählt wohl zu den bundesweit ungewöhnlichsten Sozialkaufhäusern in Deutschland - schon allein wegen des Ortes: Hier sind Kleiderstangen und Waren-Container in einer evangelischen Kirche aufgebaut.

In der Auslage findet sich alles, was zum täglichen Bedarf gehört. "Zu unserer Kundschaft gehören beispielsweise Alleinerziehende, aber auch viele Ältere, die oft von Armut betroffen sind", erläuterte Buße. Spenden kämen genug. "Wir bekommen wöchentlich alleine 300 Säcke mit hochwertiger Kleidung, dazu Kisten mit Hausrat und Möbel - das muss alles gesichtet und sortiert werden."

"Ich sehe, dass wir mehr gebraucht werden", betont Christoph Buße, Leiter des Sozialkaufhauses. Ihm geht es beim "Marktplatz der Begegnung" auch um nachhaltiges Wirtschaften.

Viele Ehrenamtliche dolmetschen

In jüngster Zeit kämen viele Geflüchtete aus der Ukraine dazu, "manchmal ist es ein Drittel, manchmal ist es die Hälfte unserer Kundschaft", bilanzierte Buße. Das sei mit großen Herausforderungen verbunden, weil viel erklärt werden müsse. "Dazu brauchen wir Dolmetscher", führte der "Marktplatz"-Chef aus, der sich über die große Bereitschaft Ehrenamtlicher zum Übersetzen freut.

Zum Team des Sozialkaufhauses im Bremer Stadtteil Neue Vahr gehören derzeit 30 Personen. Eine Handvoll engagiert sich besonders, um die Türen an drei Tagen in der Woche zu öffnen. "Wenn ich noch mehr Freiwillige hätte, könnte ich die Öffnungszeiten auf sechs Tage ausweiten", wirbt Buße für ein Engagement im Projekt und ergänzt: "Dringend nötig wäre es, denn die steigenden Energie- und Lebensmittelpreise werden zukünftig noch mehr Menschen Probleme bereiten." Doch momentan fehle das Personal, um den Andrang auf weitere Tage verteilen zu können.

Second-Hand-Artikel schützen die Umwelt

Ergänzt wird das kirchliche Sozialkaufhaus durch Arbeitsbereiche wie ein Repair-Café, eine Fahrrad-Werkstatt und eine Hausaufgabenhilfe. Wichtig seien hier nicht nur gute und preiswerte Kleidung und Dinge des täglichen Bedarfs, bekräftigte Buße. Im "Marktplatz" gehe es auch um Begegnung und nachhaltiges Wirtschaften. So wünscht sich Buße, dass der Handel mit Second-Hand-Artikeln und damit das Teilen Schule macht. Seine Rechnung: "Ein Kilo Kleider aus dem Sozialkaufhaus sparen 3,6 Kilo CO2, 6000 Liter Wasser und ein halbes Kilo Pestizide und Düngemittel."

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Mitte der 90er Jahre öffneten viele Sozialkaufhäuser in Deutschland und begannen damit, gebrauchte und oft gespendete Waren günstig zu verkaufen - an Menschen mit wenig Geld. Das waren zunächst vor allem Kleidung, Haushaltswaren und Möbel. 

Der Markt sei seit 2010 "massiv" gewachsen, sagt Ralf Hoburger, Professor für Sozialwirtschaft und Sozialmanagement in Hannover. Träger seien meist Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege. Die Wurzeln der Sozialkaufhäuser liegen vor allem in den Arbeitsloseninitiativen der späten 70er Jahre. Bis heute geht es in den Projekten oft darum, Beschäftigung für Menschen zu schaffen, die erwerbslos sind und auf dem Arbeitsmarkt schlechte Chancen haben.

Aber auch die diakonische sogenannte "Brocken-Sammlung" von Bethel, mit der nach Ende des Zweiten Weltkriegs Hilfssammlungen organisiert wurden, und die Stadtmissionen mit ihrem sozialen Engagement gegen Armut und Obdachlosigkeit sind Traditionslinien. Mittlerweile will eine steigende Zahl von Sozialkaufhäusern mit einer wachsenden Angebotspalette vielfältige Käuferschichten ansprechen, denen Umweltaspekte wie die Wiederverwendung von Gütern wichtig sind.