TV-Tipp: "Marie Brand und das Spiel mit dem Glück"

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7. Juni, ZDF, 21.45 Uhr
TV-Tipp: "Marie Brand und das Spiel mit dem Glück"
Es ist eine Gratwanderung, wenn Krimis eine Botschaft haben: weil es oft nur dürftig gelingt, diese spannend zu verpacken. Wenn dann eine der Figuren auch noch ein entsprechendes Plädoyer hält, wirken solche Filme wie eine Info-Broschüre.

Bei einem schlechteren Drehbuch hätte diese Gefahr auch der "Marie Brand"-Jubiläumsepisode gedroht, denn über der Handlung schwebt eine Warnung: Glücksspiel kann süchtig machen! "Sarah Kohr"-Autor Timo Berndt, der zudem fast alle Drehbücher für die ZDF-Reihe "Die Toten vom Bodensee" geschrieben hat, ist allerdings erfahren und versiert genug, um einen allzu aufdringlichen Belehrungseffekt zu vermeiden. Der 25. Film der Reihe mit Mariele Millowitsch und Hinnerk Schönemann (eine Wiederholung aus dem Jahr 2019) führt zwar anhand zweier Betroffener recht drastisch vor Augen, welche Folgen Spielsucht haben kann, aber Berndt erzählt in erster Linie eine Krimigeschichte: Im Hinterhof einer seiner vielen Glücksspielfilialen wird der Kölner Automatenmogul Calser tot in seinem Auto entdeckt. Flugs findet sich die übliche Handvoll Verdächtiger: Ein ehemaliger Kompagnon (Michael Schenk), der den bei älteren Fußballfreunden wohlbekannten Namen Lothar Emmerich trägt und noch eine alte Rechnung mit dem Opfer offen hat, ist kürzlich aus dem Gefängnis entlassen worden; ein Ehepaar steht wegen der Spielsucht des Mannes (Peter Schneider) vor der Pleite und ist mit einer Klage gegen Calser gescheitert; und die Leiterin (Marie Leuenberger) just jener Filiale, vor deren Hintertür ihr Chef ermordet worden ist, hütet gleich zwei dunkle Geheimnisse, was sie schließlich ebenfalls das Leben kostet. 

Viel interessanter als die Motive dieser Menschen ist jedoch das Drumherum. Wer sich in der Welt des Automatenglücksspiels nicht so gut auskennt, kann eine Menge lernen, zum Beispiel über zwielichtige Gestalten, die dank fragwürdiger Methoden tatsächlich ihren Lebensunterhalt auf diese Weise bestreiten; allerdings nicht, weil sie die Automaten fleißig mit Euros füttern, sondern indem sie warten, bis so ein Gerät bereit zum "Melken" ist. Wie faszinierend diese Welt auch jenseits des Suchtaspekts ist, hat der erfolgreiche Fernsehfilmregisseur Manfred Stelzer 1979 in seinem Regiedebüt "Monarch" erzählt, dem dokumentarischen Porträt eines Berufsspielers, der sich auf einen ganz bestimmten Automatentypen spezialisiert hatte. Weil in dem "Marie Brand"-Krimi ausgerechnet der Sohn des Mordopfers als Therapeut für Betroffene arbeitet, seit sich seine spielsüchtige Freundin das Leben genommen hat, erfährt das Ermittlerduo außerdem eine Menge darüber, wie raffiniert und trotzdem simpel die Regeln sind, nach denen das Geschäft funktioniert. Und vor allem: warum die Hoffnungen der Spieler so trügerisch sind. Auch auf dieser Ebene hat Berndt die Informationen geschickt in die Handlung integriert; niemand hält ein Kurzreferat, die Fakten fließen eher beiläufig in die Handlung ein.  

Für Kurzweil sorgt eine weitere Ebene, auf der es ebenfalls um Geld geht: Simmel hätte gern mehr Gehalt, aber um in eine höhere Besoldungsgruppe zu kommen, müsste er sich versetzen lassen. Weil Abteilungsleiter Engler (Thomas Heinze) sein erfolgreiches Team nicht sprengen will, gibt es nur eine Möglichkeit: Er macht Simmel zum Chef. Das wiederum passt seiner Partnerin nicht, was sie den Kollegen fortan bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf subtile Weise spüren lässt. Weil in der Konstellation völlig außer Frage steht, wer mit seinen kleinen grauen Zellen arbeitet und wer eher auf sein Bauchgefühl vertraut, ist Simmel, der nun sämtliche Entscheidungen treffen soll, alsbald überfordert. 

Millowitsch und Schönemann, nach gut zehn Jahren perfekt aufeinander eingespielt, aber trotzdem immer noch für Überraschungen gut, verkörpern diesen Zwist wie immer mit beiläufiger Heiterkeit, weshalb die vordergründigen Gags, wenn Simmel beispielsweise über Fremdwörter stolpert, prompt plump und überflüssig wirken; da sind seine Verballhornungen von Redensarten ("Mit Pauken und Konfetti") deutlich lustiger. Sehr schön sind auch die kleinen Drehbuchideen am Rande, wenn Simmel dem Kind im Manne frönen und seinen Spieltrieb beispielsweise mit Walkie-Talkies für Kinder ausleben darf. Brand bekommt dafür mehr als einmal Gelegenheit zu beweisen, dass auch Intelligenz sexy sein kann, selbst wenn ihre Ausführungen über Stochastik naturgemäß weniger witzig sind als Schönemanns Comedy-Einlagen. Und weil auch Thomas Heinze zwar wenige, aber dafür sehr prägnante Auftritte hat, ist "Marie Brand und das Spiel mit dem Glück" eine rundum gelungene Jubiläumsfolge. 

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