Das Osterfest naht, und mit ihm ein großes Jubiläum: Tod und Auferstehung Jesu jähren sich in den nächsten Jahren zum 2.000. Mal. Papst Leo XIV. hat deshalb bereits ein Heiliges Jahr für 2033 angekündigt. Dabei wurde Jesus von Nazareth wahrscheinlich schon im Jahr 30 hingerichtet. Wie Historiker den Todeszeitpunkt rekonstruieren, wie die evangelische Kirche das Jubiläum begehen sollte und warum Ostern am Sonntag beginnt, erläutert der Göttinger Professor für Neues Testament, Florian Wilk, im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst
epd: Kann man über den Zeitpunkt und die Umstände von Jesu Tod überhaupt Sicheres sagen?
Florian Wilk: Nicht nur in der Bibel, auch beim römischen Geschichtsschreiber Tacitus und dem jüdischen Historiker Josephus lesen wir, dass Jesus unter Pontius Pilatus hingerichtet wurde, dem damaligen Präfekten der römischen Provinz Judäa. Pilatus regierte dort von 26 bis 36 n. Chr. Jesus muss also in dieser Zeit gekreuzigt worden sein.
Eine weitere Fixgröße ist, dass Jesus nach den Evangelien im Umfeld des jüdischen Passahfests in Jerusalem hingerichtet wurde. Historisch-kritisch gesehen gibt es keinen Grund, daran zu zweifeln. Im Gegenteil: Jesus wollte seine Botschaft an das ganze Volk richten. Das Passahfest bot dafür die beste Gelegenheit, weil dabei jedes Jahr viele Menschen nach Jerusalem pilgerten. Die Evangelien erzählen außerdem übereinstimmend, dass Jesus "am Tag vor dem Sabbat" getötet wurde, also an einem Freitag.
Wo entstehen die Schwierigkeiten?
Wilk: In den Evangelien nach Matthäus, Markus und Lukas finden wir die Angabe, dass Jesus am ersten Festtag des Passah gekreuzigt wurde, also am 15. Tag des jüdischen Monats Nisan. Der Evangelist Johannes datiert den Tod dagegen auf den sogenannten Rüsttag des Passah, also den 14. Nisan.
"Eine Hinrichtung am Festtag selbst hätte leicht zu einem Aufruhr führen können, wäre also nicht im Interesse der Römer gewesen."
Wie die meisten, die zum Neuen Testament forschen, halte ich die johanneische Chronologie für die wahrscheinlichere. Eine Hinrichtung am Festtag selbst hätte leicht zu einem Aufruhr führen können, wäre also nicht im Interesse der Römer gewesen. Zudem, so berichten die Evangelien, hat Pilatus der Volksmenge unmittelbar vor der Kreuzigung angeboten, einen Verurteilten freizulassen. Dahinter dürfte der Brauch einer Passah-Amnestie stehen. Der ergab aus jüdischer Sicht aber nur Sinn, wenn der Freigelassene am Passahmahl teilnehmen konnte. Und dieses Festmahl findet stets an dem Abend statt, der das Passahfest einleitet. Im jüdischen Kalender beginnt ein Tag ja mit dem Sonnenuntergang. Viel spricht also dafür, dass Jesus an einem Freitag, den 14. Nisan, gekreuzigt wurde.
Bleibt die Frage, wann zwischen den Jahren 26 und 36 der 14. Nisan auf einen Freitag fiel.
Wilk: Kalendarisch-astronomische Rückberechnungen ergeben hier keine letzte Sicherheit. In Frage kommen nach heutigem Forschungsstand die Jahre 27, 30 und 33. Um hier zu entscheiden, müssen wir weitere Hinweise zum Verlauf des Lebens Jesu berücksichtigen.
Da sind erstens die Angaben bei Matthäus und Lukas zur Geburt: Jesus wurde demnach wahrscheinlich noch zu Lebzeiten von König Herodes dem Großen geboren, also vor dem Frühjahr des Jahres 4 v. Chr. Zu diesem Zeitpunkt starb Herodes.
Zweitens findet sich im Lukasevangelium die Angabe, dass Jesus ungefähr dreißig Jahre alt war, als er erstmals öffentlich auftrat. Zuvor war schon Johannes der Täufer in Erscheinung getreten. Wiederum nach Lukas fand das im 15. Regierungsjahr des Kaisers Tiberius statt, das vermutlich in die Jahre 26 bis 27 n. Chr. fiel. Dazu passt die Notiz im Johannesevangelium, dass zu Beginn des Wirkens Jesu bereits 46 Jahre lang am Jerusalemer Tempel gebaut worden war. Denn Josephus zufolge leitete Herodes der Große diese Baumaßnahme im Zeitraum 20 bis 19 v. Chr. ein.
Und wie lang hat Jesus öffentlich gewirkt?
Wilk: Ob Jesus nur wenige Monate oder mehrere Jahre wirkte, ist in der Forschung umstritten. Für mich spricht viel dafür, dass sein öffentliches Wirken mehr als zwei Jahre dauerte, wie es das Johannesevangelium darstellt. Dies führt einen dann zum Jahr 30 als dem wahrscheinlichsten Todesjahr Jesu.
Die katholische Kirche hat sich schon lange auf das Jahr 33 festgelegt und bereits 1933 den 1900. "Jahrestag der Erlösung" ausgerufen. Die 2.000-Jahr-Feier ist für 2033 geplant. Wie sollte die evangelische Kirche das Jubiläum begehen?
Wilk: Ein solches grundlegendes Ereignis sollte man unbedingt ökumenisch feiern. Dies ist kein geeigneter Anlass für konfessionelle Profilierungen. Vielleicht könnte man ein gemeinsames Jubiläumsprogramm in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen verankern. Dabei ist aus meiner Sicht allerdings zu klären, was genau wir feiern.
Von offizieller katholischer Seite heißt es, es gehe um den 2.000. Jahrestag des Todes und der Auferstehung Jesu Christi.
Wilk: Anders als die Kreuzigung ist die Auferstehung kein historisches Ereignis in dem Sinne, dass wir es konkret datieren und historisch fixieren können. Das neutestamentliche Zeugnis macht das sehr deutlich: Die Begegnungen mit dem Auferstandenen sind nicht an ein Datum geknüpft. Den Evangelien zufolge gab es sie in Galiläa und in Jerusalem - und nicht nur dort. Paulus berichtet von mehreren solchen Begegnungen, und er erzählt, dass ihm selbst der auferstandene Christus einige Jahre nach der Kreuzigung erschienen ist.
Dennoch feiern wir Ostern entsprechend der biblischen Vorgabe an einem festen Termin: am Sonntag nach dem Karfreitag.
Wilk: Das ist richtig und knüpft an biblische Aussagen an: "Er wurde auferweckt am dritten Tag", heißt es bei Paulus. Gemeint ist tatsächlich der Sonntag, denn gemäß der damals üblichen inklusiven Zeitrechnung wurden der Freitag und der Sonntag voll mitgezählt. Die Erzählungen von ersten Erscheinungen des Auferstandenen und von der Entdeckung eines leeren Grabes greifen diese Zeitangabe auf.
"Er ist wahrhaftig auferstanden!"
Sie ist aber im Kern ein Bekenntnissatz: Gott hat so gehandelt - weil Gott nach biblischer und jüdischer Tradition die Gerechten nie länger als drei Tage in Not lässt. Und dieses Gotteshandeln erweist sich dort als wahr, wo Menschen von Herzen einstimmen können: "Er ist wahrhaftig auferstanden!" So macht das jährliche Osterfest deutlich, dass sich Ostern im Leben der Kirchen und der Gläubigen immer wieder ereignet.



