Als "Kirchen-Pionier" im neuen Stadtteil

Portrait von Johannes Michalik

© epd-bild/Daniel Peter

Johannes Michalik will im Schweinfurter Stadtteil "Bellevue" neue Formen und Möglichkeiten für die Kirche ausloten.

Gemeinde im Aufbruch
Als "Kirchen-Pionier" im neuen Stadtteil
Kirche sein ohne Gebäude, ohne feste Struktur, trotzdem mittendrin - das will das Pionier-Projekt im neuen Schweinfurter Stadtteil "Bellevue". Die bayerische Landeskirche fördert die Idee als "MUT-Projekt". "Pionier" Johannes Michalik über die Pläne.

Wenn früher irgendwo neue Stadtteile wuchsen, wurde dort über kurz oder lang auch eine neue Kirche oder ein Gemeindezentrum gebaut. Im fränkischen Schweinfurt entsteht seit einigen Jahren aus der früheren US-Kasernensiedlung Askren Manor am westlichen Siedlungsrand der neue Stadtteil

"Bellevue" - also: "Schöne Aussicht". Doch  einen Kirchenbau soll es zumindest evangelischerseits für die bis zu 3000 Bewohner nicht geben. Präsent sein will die Kirche trotzdem - mit einem "Pionier".

"Ganz genau wissen wir auch noch nicht, was wir machen und wie wir es machen", sagt Johannes Michalik: "Aber wir haben viele Ideen." Seit mehr als zehn Jahren arbeitet Michalik als Gemeinde- und Jugendreferent in der evangelischen Auferstehungskirche im benachbarten Stadtteil Bergl, noch in Vollzeit. Ab September wird der Familienvater auf einer Halbtagsstelle Pionier in "Bellevue". Die Synode, das Kirchenparlament der bayerischen Protestanten, fördert die innovative Idee als "MUT-Projekt".

Die bayerische Landeskirche wird - wegen sinkender Mitgliederzahlen, immer weniger Pfarrern und auch weniger Geld - projektorientierter und ehrenamtlicher werden, hat etwa die Ansbach-Würzburger Regionalbischöfin Gisela Bornowski vor kurzem erläutert. Feste Strukturen und Investitionen in Stein sind da nur hinderlich. Insofern passt das Pionier-Projekt perfekt zu landeskirchlichen Zukunftsideen wie "MUT": Es ist missional, unkonventionell und funktioniert nur im Tandem, zusammen mit anderen.

Konkrete Umsetzung offen

"Unser Hauptziel ist: Wir wollen dem neuen Stadtteil eine Seele geben", sagt Michalik. Momentan sei dort "alles Baustelle hoch drei", es entstehe neuer Wohnraum, sicher seien Bewohner in dem neuen Stadtteil auch auf einer Art Sinnsuche. "Wir wollen eine neue Form von Kirche zeigen", erläutert der künftige "Bellevue"-Pionier: "Wir sind für vieles offen, aber schon mit klarem kirchlichen Profil." Kirche soll im öffentlichen Raum stattfinden, auf dem Spielplatz, dem Sportplatz, in der Stadtteilbücherei.

Klingt toll, aber irgendwie auch ein bisschen nach Hochglanz-Werbeprospekt. Wie das alles konkret aussehen soll? "Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt", sagt Michalik, der von der Profession her theologisch-pädagogischer Mitarbeiter der Landeskirche ist. Das können Aktivitäten auf Social Media sein, oder ganz klassisch: Einladungsaktionen per Postbrief, Hausbesuche, ein Sofa, das an verschiedenen Orten in "Bellevue" aufgestellt werden soll oder die Beteiligung der Kirche am geplanten Stadtteilfest.

Zwei Jahre Ausprobieren

Das Pilotprojekt hat drei Phasen: In der Erkundungsphase von September 2022 bis Ende 2023 will Michalik mit ehrenamtlichen Mitstreitern "ausprobieren, was geht", sich "Ideen aus anderen Städten holen" und die Menschen fragen, was sie von Kirche erwarten und sich wünschen". Der zweite Schritt bis Ende 2024 wird die "Aufbauphase", in der Gelungenes verstetigt werden soll. Phase drei ist dann die "Weiterführung" nach dem Ende der Finanzierung als "MUT-Projekt" nach dem Dezember 2024.

Zusammengefasst wird das Schweinfurter Pionier-Projekt also ein großes Ausprobieren. Viel "Trial-and-Error", für das man eine gewaltige Portion Frustrationstoleranz benötigt. Das weiß auch Michalik: "Wichtig ist auch: Ich muss andere für dieses Projekt gewinnen, die mit aufspringen - alleine geht das nicht." Er folge dem Motto eines ehemaligen Dozenten: "Wenn nicht mindestens 50 Prozent von dem, was man macht, schiefgeht, dann macht man was falsch, weil man zu wenig riskiert und wagt."

Das heißt aber auch: Man braucht eine Exit-Strategie, um Nicht-Funktionierendes auch schnell wieder ad acta zu legen. "Das gilt auch für Dinge, die zum Beispiel ein paar Jahre gut geklappt und sich dann totgelaufen haben - wir können es uns als Kirche nicht mehr leisten, krampfhaft an einem bestimmten Format festzuhalten", erläutert Michalik, der einst am Johanneum Wuppertal studiert hat und damit zur Berufsgruppe der Absolventen biblisch-theologischer Ausbildungsstätten (ABTAs) gehört.

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