"Weihnachten ist mehr als Feiern"

Die westfälische Präses Annette Kurschus

© epd-bild/Meike Boeschemeyer

EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus spricht im Interview über Weihnachten in der Corona-Pandemie und ihre persönlichen Rituale zu den Festtagen.

Interview mit Annette Kurschus
"Weihnachten ist mehr als Feiern"
Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Annette Kurschus, wünscht sich in der Corona-Pandemie eine Besinnung auf die Weihnachtsbotschaft.

Die Verletzlichkeit, die die Menschen zurzeit erleben, werde nicht das Letzte sein. "Ich hoffe, in ihr steckt eine verwandelnde Kraft, die zum Leben hilft", sagte die westfälische Präses dem Evangelischen Pressedienst (epd).

epd: Frau Präses Kurschus, in wenigen Tagen ist Weihnachten, das Hoffnungsfest der Christen. Was kann uns nach fast zwei Jahren Corona-Pandemie noch Hoffnung geben?

Annette Kurschus: Die Weihnachtsbotschaft selbst gibt uns Hoffnung! Ursprünglich kommt sie eher leise, gebrochen und verletzlich daher. Es geht um Menschen, die nach einer Unterkunft suchen, nur einen Stall finden, das Ganze auf einem dunklen Feld. Erst ganz allmählich brechen sich Licht und Freude Bahn.

Weihnachten ist ursprünglich nicht das romantische, glitzernde Lichterfest, als das wir es heute feiern. Die Freude der Weihnachtsbotschaft zaubert die Not nicht weg, sondern hält ihr stand. Gerade darin liegt ihre besondere Kraft. Ein Fest, das alles Schäbige übertünchen und ein Mäntelchen über alles Hässliche breiten wollte, könnte uns nicht viel geben.

Worauf hoffen Sie ganz persönlich?

Kurschus: Ich hoffe, dass wir in der gegenwärtigen Verunsicherung durch die Pandemie besonders intensiv mit dem Kern der Weihnachtsbotschaft in Berührung kommen. Gott kommt in die Welt als verletzliches Kind. Das Kind wurde erwachsen und hielt die Verletzlichkeit aus bis zum Tod am Kreuz. Daraus wurde neues Leben - für uns alle. Auch die Verletzlichkeit, die wir zurzeit erleben, wird nicht das Letzte sein. Ich hoffe, in ihr steckt eine verwandelnde Kraft, die zum Leben hilft.

Die Zahl der Kirchenmitglieder in Deutschland sinkt. Weihnachten bleibt das Familienfest schlechthin, vermehrt scheinen aber Konsum und gutes Essen dabei wichtiger zu sein als die christliche Botschaft. Stört Sie das?

Kurschus: Ich sehe darin naheliegende, teilweise rührende menschliche Versuche, das weihnachtliche Geheimnis zu feiern. Und ich beteilige mich selbst ja auch daran. Erschreckt hat mich im vergangenen Jahr aber schon, als Menschen fragten, ob Weihnachten wegen der Pandemie "ausfällt". Wenn wir die Art, wie wir feiern, mit dem verwechseln, was wir feiern, dann wird es gefährlich.

Was ist Ihr liebstes Ritual an Weihnachten?

Kurschus: Ich liebe es, zu Beginn der Adventszeit das Haus zu schmücken. Über viele Jahre habe ich ein ganzes Orchester samt Chor aus diesen kleinen Erzgebirgsengeln gesammelt. Manche finden die furchtbar kitschig, ich freue mich daran. Und ich hänge viele Sterne auf. Licht ist mir in dieser Zeit besonders wichtig.

"Licht ist mir in dieser Zeit besonders wichtig."

Was verbinden Sie aus Kindheitstagen mit Weihnachten?

Kurschus: Das Schmücken gehörte schon immer dazu, und vor allem die Musik. Wir hatten zu Weihnachten aber auch regelmäßig hitzige Diskussionen zu Hause. Ich bin in einem Pfarrhaus groß geworden, und mein Vater hat sehr gern auch an den Feiertagen Obdachlose und Bettler zu uns eingeladen. Einem hatte er an Heiligabend unsere Badewanne zur Verfügung gestellt. Meine Mutter fand das begreiflicherweise gar nicht lustig. Als wir Kinder älter wurden, gab es oft intensive Gespräche darüber, welche konkreten Folgen unser Glaube hat. Wie genau zeigt sich zum Beispiel, dass wir besonders für die Armen und Schwachen da sind?

Was ist aus diesen Gesprächen bei Ihnen hängen geblieben?

Kurschus: Das ernsthafte Nachdenken darüber, wie ich als vergleichsweise wohlsituierter, abgesicherter Mensch die Botschaft vom "Frieden auf Erden" konsequent lebe. Gott kommt als Erstes zu denen, die nicht einmal das Nötigste zum Leben haben. Ich frage mich immer wieder: Sehe ich diese Menschen? Habe ich ihre Situation ausreichend im Blick? Wie passt das, was ich tue und lasse, zu dem, was ich sage und predige?

Gottesdienste zu Weihnachten werden je nach Region in Deutschland unter sehr unterschiedlichen Corona-Auflagen gefeiert. Meist liegt es in der Entscheidung der Gemeinden, ob sie über die Hygienekonzepte hinaus den Zugang an 3G- oder 2G-Regeln knüpfen. Was empfehlen Sie?

Kurschus: Die Empfehlungen werden von den Landeskirchen ausgesprochen. Sogar innerhalb der Landeskirchen ist die Infektionslage regional unterschiedlich. Wo man in geschlossenen Räumen relativ dicht zusammensitzt, ist es geboten, den Gottesdienst ausschließlich mit Geimpften und Genesenen zu feiern, wobei Kinder grundsätzlich als immunisiert gelten. In großen Kirchenräumen lässt sich auch eine 3G-Regelung verantworten. Darüber hinaus gibt es an vielen Orten Open-Air-Gottesdienste und natürlich auch die Möglichkeit, digital Gottesdienst zu feiern. Maßstab ist bei allem, dass wir den Menschen, die unsere Gottesdienste besuchen, die größtmögliche Sicherheit bieten. Es ist unsere Verantwortung, auf die Schwächsten zu achten.

"Es ist unsere Verantwortung, auf die Schwächsten zu achten."

Sie haben sich wenige Tage nach Ihrer Wahl zur Ratsvorsitzenden im November öffentlich für eine Impfpflicht ausgesprochen. Wie viele Hassmails haben Sie seitdem bekommen?

Kurschus: Ich habe sie nicht gezählt, aber es waren viele. Mich beschäftigt dabei besonders, wie hoch emotionalisiert die Stimmungslage bei uns ist.

Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Kurschus: Lange Zeit habe ich mich bemüht, viel Verständnis aufzubringen für diejenigen, die sich aus unterschiedlichsten Gründen nicht gegen Corona impfen lassen wollen. Nachdem sich allerdings die Infektionslage derart rasant zuspitzt und medizinisch erwiesen ist, dass von der Impfung keine erkennbaren gesundheitlichen Schäden ausgehen, hat sich meine Einstellung verändert. Eine Eindämmung des Infektionsgeschehens ist letztlich nur über das Impfen möglich, das bedeutet: Ob ich mich impfen lasse oder nicht, ist keine private Entscheidung, die in meine eigene Beliebigkeit gestellt ist. Hier geht es nicht zuerst um meine eigenen Interessen, es geht darum, durch mein Verhalten das Leben anderer Menschen zu schützen.

"Ob ich mich impfen lasse oder nicht, ist keine private Entscheidung."

Sind unter den Absendern der Mails auch Kirchenmitglieder?

Kurschus: Ja, natürlich. Mir schreiben auch Gemeindeglieder, die ich gut kenne, und äußern ihr Unverständnis. Manche werfen mir vor, Ungeimpfte abzuwerten und auszugrenzen. Aber das sind nicht die Hassmails, hier wird vielmehr leidenschaftlich argumentiert. Hassmails dagegen sind unverschämt und verächtlich, teilweise richtig böse und gemein, die kommen von anderen. Oft anonym.

Antworten Sie den Mailschreibern?

Kurschus: Auf wenige, die mich persönlich ansprechen und ihren Namen nennen, schon. Meine Ansicht muss ja niemand teilen, aber mir liegt daran, dass man sie wenigstens nachvollziehen kann.

Und bei Hassmails erstatten Sie Anzeige?

Kurschus: Einige Mails habe ich tatsächlich in unsere Rechtsabteilung gegeben. Dort, wo wüste Diffamierungen oder Drohungen ausgesprochen werden, prüfen wir, ob wir Anzeige erstatten.

Ist Deutschland gepalten?

Kurschus: Die Spaltung unserer Gesellschaft ist derzeit in aller Munde. Ich bin da vorsichtig. Man kann ein solches Phänomen auch durch ständiges Beschwören herbeireden. Viele Menschen sind derzeit erschöpft, gereizt und dünnhäutig, das geht mir selbst auch so. In einer emotional aufgeladenen Atmosphäre ist Zündstoff, in den sogenannten sozialen Netzwerken wird die gereizte Stimmung immer weiter getragen und verstärkt. Kaum jemand gebietet dieser Spirale Einhalt. Wir müssen aufpassen, dass die Rede von der Spaltung auf diese Weise nicht zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung wird.

"Viele Menschen sind derzeit erschöpft, gereizt und dünnhäutig, das geht mir selbst auch so."

Wie erklären Sie sich die Stimmung?

Kurschus: Zweifellos gibt es in unserer Gesellschaft Ungleichheiten: Da ist die wachsende Schere etwa zwischen Arm und Reich, zwischen den Generationen, zwischen verschiedenen Milieus - um nur einige Beispiele zu nennen. Die Pandemie hat solche bestehenden Ungleichheiten wie unter einem Brennglas überdeutlich zutage treten lassen und noch einmal verschärft. Wer vorher arm war, ist jetzt noch ärmer. Wer vorher einsam war, ist jetzt noch einsamer. Dafür brauchen wir einen wachen Blick, gerade als Kirche.

Kann Kirche etwas gegen die aufgeheizte Stimmung tun?

Kurschus: Wir schaffen Räume und Gelegenheiten zu Austausch und Begegnung. Das ist eine große Stärke von Kirche. Sie hat sich in großartiger Weise bewährt, als 2015/2016 so viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen und Kirchengemeinden sich bundesweit engagiert und die Menschen bei sich untergebracht haben. Das hat Einstellungen und Vorurteile spürbar verändert. Sobald Menschen einander real begegnen, wird Erstaunliches möglich.

"Sobald Menschen einander real begegnen, wird Erstaunliches möglich."

Für jeden von uns hat die Corona-Pandemie Einschränkungen zur Folge. Was vermissen Sie am meisten?

Kurschus: Ich vermisse vor allem die unbefangene Begegnung mit Menschen. Gern sitze ich in großer Runde mit Freunden bei mir zu Hause zusammen zum gemeinsamen Essen und Trinken. Ich liebe es, Menschen einzuladen. Das fehlt mir sehr. Das weihnachtliche Feiern wird auch dieses Jahr bei mir wieder kleiner ausfallen.

Lassen Sie uns abschließend noch einen Blick in die Zukunft richten: Was haben Sie sich für 2022 vorgenommen?

Kurschus: Ich möchte die Erfahrungen der beiden vergangenen Jahre nicht einfach abstreifen und hinter mir lassen. Ich hoffe vielmehr, gerade aus den irritierenden und verstörenden Erfahrungen zu lernen, so dass ich zuversichtlich und gestärkt nach vorn gehen kann. Wie nie zuvor ist uns bewusst geworden, wie wenig wir unser Leben selbst in der Hand haben. Theoretisch haben wir das immer gewusst, jetzt erleben wir es hautnah, und zwar alle - nicht nur einige besonders gefährdete Menschen. Nichts läuft zurzeit so, wie wir es von langer Hand geplant haben. Diese Erfahrung hat etwas verändert. Das muss nicht unbedingt nur negativ sein, im Gegenteil: Es liegt auch eine neu gewonnene Freiheit darin. Wir sind nicht Knechte und Mägde unserer eigenen Pläne und Termine. Es geht immer auch ganz anders. Das haben wir gemerkt - und darin liegt etwas Hoffnungsvolles.

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