Kirche und Diakonie entsenden Hochwasser-Teams

 Traumapädagogin im Gespräch

©Frank Schultze/Diakonie Katastrophenhilfe

Elke Feuer-Kohler ist Traumapädagogin beim Mobilen Fluthilfeteam der Diakonie Katastrophenhilfe und besucht ihre Schützline regelmäßig. "Die Verarbeitung dieser Flutereignisse wird für viele Menschen noch Jahre dauern“, sagt der Leiter der Hochwasserseelsorge an der Ahr, Bernd Bazin.

Nach der Flut
Kirche und Diakonie entsenden Hochwasser-Teams
Die Diakonie Katastrophenhilfe, die Diakonie RWL und die rheinische Kirche entsenden neun mobile Teams zur Unterstützung von Hochwasser-Betroffenen. Dazu gab es zwei Entsendungsfeiern in Bad Neuenahr-Ahrweiler und in Euskirchen.

Viele Menschen in den Hochwassergebieten haben nach den Worten der Swisttaler pfarrerin Claudia Müller-Bück große Sorge vor den bevorstehenden kalten Monaten. "Viele merken, dass ihre Häuser und Wohnungen nicht rechtzeitig vor dem Winter fertigwerden", sagte sie dem Evangelischen Pressedienst. Bis vor ein paar Wochen seien viele Hochwassergeschädigte noch optimistisch gewesen, an Weihnachten wieder zuhause im Warmen sitzen zu können. Doch für viele habe sich diese Hoffnung nun zerschlagen.

"Ich merke, dass bei vielen langsam die Kraft nachlässt", erläuterte Müller-Bück, die dem Fluthilfe-Team des Diakonischen Werks Bonn und Region angehört, das in den Hochwassergebieten der Voreifel unterwegs ist. Nachdem die gröbsten Aufräumarbeiten bei den meisten abgeschlossen seien, stehe nun das Warten auf Hilfsgelder und Handwerker im Vordergrund. "Jetzt kommen viele zum Nachdenken und es wird ihnen bewusst, welche Auswirkungen die Ereignisse auf ihr Leben haben", beobachtet die Seelsorgerin. "Da ist eine ganz große Ermüdung und auch ein bisschen Depression."

Vor allem viele ältere Menschen täten sich schwer mit der Situation, weil ihnen oft die Kraft zum Wiederaufbau fehle, sagte Müller-Bück. Immer wieder erfahre das Fluthilfe-Team von Seniorinnen oder Senioren, deren Lebenssituation prekär sei, weil sie sich keine Unterstützung geholt und keinerlei Hilfsgelder beantragt hätten.

Folgen noch für Jahre prägend

Das Fluthilfe-Team arbeitet nach Angaben des Diakonischen Werks Bonn und Region in den kommenden zwei Jahren mit vier Vollzeitstellen in Swisttal, Rheinbach und Meckenheim. Zum Team gehören Fachkräfte für die psychosoziale Betreuung sowie eine Verwaltungskraft, die bei Hilfsgelder-Anträgen unterstützt. Zudem soll das Team noch durch eine Bausachverständigen-Stelle ergänzt werden. Finanziert wird dies aus Spendengeldern. Eine fünfte Stelle für Seelsorge und psychologische Betreuung werde zusätzlich von der Evangelischen Kirche im Rheinland bereitgestellt.

Pfarrer Bernd Bazin setzt sich besonders für seelsorgerische Hilfsangebote für die Angehörigen der Feuerwehr und Ersthelfer im Einsatz ein.

Die psychischen Folgen der Hochwasserkatastrophe werden das Leben an der Ahr nach Ansicht des evangelischen Pfarrers und Seelsorgers Bernd Bazin noch auf Jahre prägen. "Je nachdem, was sie erlebt haben, werden die Ereignisse für viele Betroffene sogar zum Lebensthema werden", sagte der Leiter der Hochwasserseelsorge der Diakonie Katastrophenhilfe an der Ahr dem Evangelischen Pressedienst. Im Extremfall sei sogar damit zu rechnen, dass Traumata an nachfolgende Generationen weitergegeben würden.

Leichtigkeit komplett zerstört

Zugleich sei niemand diesem Trauma ausgeliefert, betonte Bazin, der früher auch als Militärseelsorger tätig war. "Es ist möglich, dass man diese Erlebnisse in die eigene Lebensgeschichte integriert und daraus mit Widerstandsfähigkeit und Lebensfreude hervorgeht."

Dazu wolle das siebenköpfige Fluthilfe-Team der Diakonie Katastrophenhilfe beitragen, das seelsorgerische und psychologische Unterstützung anbietet. "Wir wollen mit den Menschen zusammen wieder eine gute Zukunft erarbeiten. Nicht nur für den einzelnen, sondern auch für dieses 'Lebensgefühl Ahr'", unterstrich Bazin. Denn die Leichtigkeit und Gemütlichkeit, die das Tal vor der Flut geprägt habe, sei komplett zerstört worden.

Rund vier Monate nach der Katastrophe seien viele Betroffene ihre Opferrolle leid, erläuterte der Seelsorger. Im Zuge der Unterstützungsgebote sei es wichtig, die Selbstbestimmtheit der Menschen zu respektieren und keine Hilfe aufzudrängen. Deshalb verstehe sich sein Team auch als "Think Tank", der die Bedürfnisse erfasse und dazu passende Angebote mache.

So werde derzeit etwa ein Unterstützungsangebot für Menschen entwickelt, die zum Beispiel als Angehörige der Feuerwehr oder als Ersthelfer im Einsatz waren. "Diese Menschen waren teilweise bis vor kurzem noch im Aktionsmodus, kommen jetzt erst zum Nachdenken und brechen nun zunehmend zusammen." Auch Paare und Familien bräuchten zunehmend Unterstützung, sagte Bazin. Das Funktionieren in der Katastrophe habe in manchen Fällen Probleme zunächst überdeckt. "Und jetzt treten die Konflikte in den Ehen oder innerhalb der Familie zutage." Hier verstärkt Beratung anzubieten, werde für sein Team eine Aufgabe der Zukunft sein.

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