Valeriia Sydorova war erst 16 Jahre alt, als russische Besatzer sie im Oktober 2022 in ihrer ukrainischen Heimatstadt Nowa Kachowka nahe Cherson in einen von vielen Bussen setzten. Gemeinsam mit Hunderten weiteren Kindern wurde sie auf die Krim gebracht. "Uns wurde gesagt, wir würden zwei Wochen weg sein. Ein Ausflug", sagt die heute 19-Jährige. Es war der Anfang einer Verschleppungsgeschichte, in der sie Gewalt, Indoktrinierung und Unterdrückung erlebte und aus der sie erst nach fast einem Jahr im August 2023 zurückkehrte.
"Heute bin ich die Stimme der ukrainischen Kinder", sagt die junge Frau, die von der niedersächsischen Landtagspräsidentin Hanna Naber (SPD) eingeladen wurde, in Hannover zu sprechen. In ruhigem Tonfall berichtet sie im Landtagsfoyer. Mehrfach stockt sie, betont, wie traumatisierend das Erlebte gewesen sei und erzählt dann dennoch weiter. Sie habe es sich zur Aufgabe gemacht, von dem, was ihr widerfahren ist, zu berichten - und so Tausenden eine Stimme zu geben, die noch nicht zurückgekehrt sind. Der Saal ist an diesem Abend sanft in den Farben der ukrainischen Flagge ausgeleuchtet.
Schon die Monate vor der Verschleppung seien im russisch besetzten Nowa Kachowka anstrengend und teils qualvoll gewesen, sagt Sydorova. Die Russen und mit ihnen auch viele Kollaborateure hätten rasch ein System aus Unterdrückung und Russifizierung installiert und dabei die Bevölkerung in ständiger Angst gelassen. Weitestgehend hilflos habe sie sich in dieses System fügen müssen. "Wir waren mittendrin. Ich hatte keinen Plan. Ich hatte nur Hoffnung."
Als sie schließlich auf die Krim gebracht wurde, habe sie schnell das wahre Ausmaß des "Ausflugs" begriffen. "Wir mussten täglich die russische Hymne singen, wir durften nur Russisch sprechen und der sogenannte Schulunterricht bestand aus verdrehten Fakten." Das Lager sei für die dort untergebrachten Kinder und Jugendlichen mehr und mehr zu einem Gefängnis geworden. "Es wurde wöchentlich strenger, es kamen Wachen, es kamen Videokameras, wir durften das Gelände nicht verlassen und unsere Handys hatten keine Verbindung."
Flucht mithilfe einer Bekannten und einer Legende
Die Flucht sei ihr schließlich mithilfe einer Bekannten gelungen. "Wir durften telefonieren und sie sagte mir, sie komme auf die Krim. Schon am nächsten Tag war sie da und wir mussten schnell handeln." Als Legende habe sich Sydorova zurechtgelegt, dass sie für ihr Medizinstudium persönlich in der Ukraine erscheinen müsse, um ihren Studienplatz zu behalten. Dies habe sie durch die "Checkpoints" gebracht, an denen sie mehrfach kontrolliert und verhört worden sei.
Bei Belgorod habe sie schließlich die Grenze zur Ukraine wieder überschreiten können. "Der Übergang war eine Straße von vielleicht zwei oder drei Kilometern Länge. Alles war komplett zerbombt. Als ich die ukrainische Flagge gesehen habe, habe ich angefangen zu weinen. Mehr konnte ich nicht tun." Tatsächlich ist Sydorova eine der letzten Jugendlichen, die auf diesem Weg ausreisen konnten, wie sie später erfährt.
Die ukrainische Kinderrechtsaktivistin Olha Yerokhina ergänzt die Geschichte von Sydorova. Inzwischen sei ein regelrechtes System der Kindesentführung entstanden, sagt sie. Rund 20.000 Fälle seien dokumentiert. Familien in den besetzten Gebieten lebten in der ständigen Angst, dass ihnen ihre Kinder weggenommen werden. Das gehe so weit, dass den Kindern dann nach der Trennung neue Namen und neue Geburtsdaten auf russischen Papieren ausgestellt werden. "Jugendliche werden in Militärcamps ausgebildet, um später gegen ihr eigenes Heimatland zu kämpfen."
Landtagspräsidentin Naber sagt, über diese Dimension der Gewalt in der Ukraine herrsche allzu oft Stillschweigen. "Das staatlich organisierte Programm aus Entführung, Indoktrinierung und Militarisierung ist ein besonders boshaftes Kapitel der russischen Kriegsführung." Umso wichtiger sei es, dass Menschen wie Valeriia Sydorova ihre Geschichte erzählen. Die schließt ihre Schilderungen mit einem stummen Blick ins Leere. Dann fasst sie sich und sagt mit fester Stimme unter aufbrausendem Applaus: "Russland hat versucht, uns die Freiheit zu nehmen. Und ich bin frei. Und ich bin hier."


