Luther-Experte: Geschichte des Individualismus begann in Worms

"Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Amen" auf Luthersocke

©Anika Kempf/evangelisch.de

Martin Luthers angeblicher Widerruf vor 500 Jahren in Worms endete eigentlich mit dem schlichten Ausspruch: "Gott helfe mir. Amen." Den anderen Spruch hat sich wohl die Sockenindustrie ausgedacht.

Luther-Experte: Geschichte des Individualismus begann in Worms
Das Auftreten Martin Luthers vor 500 Jahren auf dem Reichstag zu Worms ist nach Worten des Historikers Klaus-Rüdiger Mai die "Geburtstagstunde des europäischen Individualismus, unserer modernen Gesellschaft". Im Verhör vor Kaiser Karl V., Fürsten, Reichständen und Geistlichen hatte Luther am 17. und 18. April 1521 zum Widerruf seiner Schriften gezwungen werden sollen, sich aber geweigert, dies zu tun.
15.04.2021
epd
Renate Kortheuer-Schüring

"Luther besteht auf seinem Gewissen", sagte der Buchautor und Luther-Kenner dem Evangelischen Pressedienst (epd). Klaus-Rüdiger Mai fügte hinzu, der Reformator habe die jedem Einzelnen von Gott gegebene Gewissensfreiheit letztlich höher geschätzt als weltliche und kirchliche Autoritäten.

Sein Gewissen sei "im Wort Gottes gefangen", zitiert der Historiker Luther in Worms. Der Mönch und Wittenberger Theologe entgegnet dies am Ende Kaiser Karl V. Dieser hatte zuvor erklärt, ein einzelner Mönch müsse irren, wenn seine Lehre dem widerspreche, was die gesamte Christenheit seit mehr als 1.000 Jahren für richtig gehalten habe.

Dass Luther damals "erfolgreich" war und nicht wie der tschechische Kirchenreformer Jan Hus (1369-1415) vor ihm auf dem Scheiterhaufen landete, sei darauf zurückzuführen, dass einige Fürsten und Reichstände auf seiner Seite standen, sagte Mai. Luther habe in der deutschen Bevölkerung, die seit langem unter den Missständen in der Kirche gelitten und sich von Rom ausgeplündert gefühlt habe, eine breite Resonanz gefunden. Karl V. wiederum, der Luther in Worms Schutz zugesichert hatte, habe den Reichstag, bei dem Verwaltungsreformen im Vordergrund standen und Luther nur eine Nebenrolle spielte, erfolgreich zu Ende bringen wollen.

Freiheitsbegriff Luthers "einer der modernsten"

Martin Luther, dem es zunächst nur um Glauben, Seelenheil und innere Erneuerung der Kirche gegangen sei, habe schon in der Leipziger Disputation 1519 erkannt, dass Rom nicht theologisch debattieren, sondern die Macht der Päpste aufrecht erhalten wollte. "Er musste erkennen, dass eine Reform nicht möglich, sondern eine Reformation notwendig war", sagt der Historiker. Als er den Reichtag mit den Worten "Ich bin hindurch" verlassen habe, habe sein eigentliches Werk - die Schaffung einer neuen kirchlichen Ordnung - erst angefangen.

Der Freiheitsbegriff Luthers, wie er in Worms greifbar wurde, sei "einer der modernsten", sagte der Autor des Luther-Buchs "Und wenn die Welt voll Teufel wär". Luther gehe davon aus, "dass es eine Instanz gibt, die höher ist als ich, Gott: Vor ihm sind alle Menschen gleich, haben ein Gewissen und können danach frei entscheiden." Der Christenmensch, wie Luther ihn begreife, sei nur Gott "untertan". Niemand dürfe daher Luther zufolge gezwungen werden, eine Meinung zu äußern, zu der er im Herzen nicht stehe.

"Das finde ich aktuell", sagte Mai mit Blick auf gegenwärtige Debatten zur Meinungs- und Redefreiheit und zu Einschränkungen von Grundrechten. Die Obrigkeit habe kein Recht, Freiheitsrechte der Bürger zu beschneiden. "Das hat nichts mit 'Querdenkern' zu tun."

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Info: Klaus-Rüdiger Mai: "Und wenn die Welt voll Teufel wär- Martin Luther in Worms". Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2020. 361 S.