TV-Tipp: "Laim und die Tote im Teppich"

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TV-Tipp: "Laim und die Tote im Teppich"
Montag, 19. April, ZDF, 20.15 Uhr
Ein Mann bricht eine Wohnungstür auf, stellt eine Bronzefigur auf einen Sims, blickt kurz in die Kamera, rollt einen Perserteppich zusammen, lädt ihn in sein Auto und fährt davon: Das ist ein ebenso ungewöhnlicher wie rätselhafter Auftakt für einen Krimi, und im Grunde darf eigentlich kaum mehr verraten werden, weil jede weitere Information eine Überraschung weniger ist.

"Laim und die Tote im Teppich" ist der vierte Fall für Lukas Laim (Max Simonischek). Während die ersten beiden Filme ("Die Tote ohne Alibi", 2012; "Laim und die Zeichen des Todes", 2017) durch ihre Hochglanzverpackung imponierten, ansonsten aber allzu kühl wirkten, haben Regisseur Michael Schneider und Kameramann Andreas Zickgraf mit "Laim und der letzte Schuldige" (2020) die perfekte Mischung gefunden.

Die Drehbücher von Christoph Darnstädt, Autor der ersten "Tatort"-Episoden mit Til Schweiger und Schöpfer der "Kroatien-Krimis", erzählten ohnehin stets besondere Geschichten, aber mit der jüngsten Herausforderung für den Münchener Hauptkommissar und Geldadelsspross hat er sich selbst übertroffen: "Laim und die Tote im Teppich" ist ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem einflussreiche Männer die Fäden ziehen.

Schneider und Zickgraf pflegen auch diesmal wieder diesen ganz speziellen Look, der die Bilder sehr hochwertig wirken lässt und das passende optische Umfeld für Laim bildet. Als Darsteller war von Anfang an kein anderer als Max Simonischek vorstellbar. Mittlerweile hat er die Figur derart perfektioniert, dass sie der düsteren Aura des snobistischen Existenzialisten zum Trotz sympathisch ist. Polizisten, die allein ihrem moralischen Kompass folgen und sich auch durch Suspendierungen nicht von ihrer Mission abbringen lassen, haben im deutschen TV-Krimi ohnehin spätestens seit dem Krimirebellen Schimanski eine gewisse Tradition. Beim vermögenden Laim kommt hinzu, dass er das alles sowieso nicht nötig hat.

Zu diesem Zeitpunkt ist Laim längst klar, mit wem er es zu tun hat. Der Einbrecher ist Hinni Feuer (Shenja Lacher), der dem Kommissar sogar den Mord gesteht, wenn auch nur unter vier Augen: Sein Auto und der Teppich sind am Tag nach dem Einbruch zwischen allerlei Müll zu Füßen der Bavaria entdeckt worden; in dem Perser fand sich eine erschlagene Syrerin.

Zumindest im kriminalistischen Sinn ist die Bezeichnung Einbruch im Übrigen nicht ganz korrekt, denn es handelte sich um Feuers eigene Wohnung. Die abgestellte Statuette, sinnigerweise ein bayerischer Löwe, ist die Tatwaffe. Das Opfer, Lela Harani (Shadi Hedayati), ist angeblich samt Kindern vor dem Krieg geflohen, aber dann stellt sich raus, dass die Frau gar kein Arabisch konnte; die Mutter der immerhin tatsächlich vor dem Krieg geretteten Kinder war sie auch nicht. Allerdings war sie gemeinsam mit einem Journalisten (Daniel Christensen) einer sensationellen Story auf der Spur. Dieser Reporter befindet sich wiederum in der Gewalt von Feuer; und jetzt entwickelt sich die Handlung in eine schockierende Richtung.

Schon die Geschichte ist außergewöhnlich, aber die Krönung ist ihre Umsetzung, weil sich Schneider und Zickgraf Dinge trauen, die man in einer TV-Produktion nur selten sieht. Spektakulärer Höhepunkt ist eine Verfolgungsjagd, als Laim eine Frau (Tinka Fürst) durch den U-Bahnhof Münchner Freiheit bis auf den Bahnsteig und durch diverse Waggons hetzt. Der Aufwand an Komparsen für diese Kinobilder ist enorm, doch großes Fernsehen werden sie erst durch das perfekte Zusammenspiel von Kamera, Schnitt (Jörg Kroschel) und der Musik von Dirk Leupolz.

Der Polizist und die Frau, die sich Antifa-Aktivistin entpuppt, waren zuvor in der Wohnung des Journalisten aufeinandergetroffen, wo sie im Rahmen einer heftigen körperlichen Auseinandersetzung die halbe Einrichtung demoliert haben. Aber nicht nur die Action-Szenen sind herausragendes Handwerk. Kontrapunkt ist ein mit Bedacht inszenierter Nebenstrang, in dem Feuer den Journalisten foltert, um eine Information zu erpressen. Zur Untermalung wählt er perfiderweise den James-Last-Klassiker "Biscaya". Später, als Laim das Versteck entdeckt, integriert Leupolz die melancholische Akkordeonmelodie in seine Filmmusik. Diese Liebe zum akustischen Detail gibt es auch in der Auftaktszene, als ein Schlagzeug den Trommeltakt von Feuers Fingern aufnimmt.

Ins vorzügliche Gesamtbild passt zudem die Zusammensetzung des Ensembles, zumal Schneider einige Rollen etwa mit Helmfried von Lüttichau und Thomas Limpinsel bewusst gegen die Erwartungen besetzt hat. Shenja Lacher ist ohnehin eine ausgezeichnete Wahl für den Part des Widersachers. Allerdings profitiert er auch von einer tollen Rolle: Hinni Feuer, Fechtlehrer einer schlagenden Verbindung, fühlt sich unantastbar. Dafür gibt es ein treffliches Bild, als Schneider den Blick der Figur aus der Auftaktszene aufgreift und Feuer in eine Überwachungskamera schaut; eine einfache, aber effektvolle Methode, um den Ermittlern, die sich diese Aufnahme einige Tage später ansehen, ihre Ohnmacht vor Augen zu führen. Dass er diese Unverschämtheit im blutigen, aber perfekt choreografierten Finale auf dem Fechtboden büßen muss, versteht sich von selbst.

Einziger Wermutstropfen des Films: Abgesehen von den wenigen Szenen mit Tinka Fürst sind die handelnden Personen ausnahmslos männlich. Gerhard Wittmann ist zwar als Laims bedingungslos loyaler Partner nicht minder sehenswert als der Hauptdarsteller, aber es hat den letzten beiden Filmen nicht geschadet, dass Darnstädt seinem Helden jeweils eine Kollegin (Lavinia Wilson, Sophie von Kessel) zur Seite gestellt hat.

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