Worauf Menschen im Altenheim nach der Impfung hoffen

Corona-Impfung im Seniorenheim

© epd-bild/Klaus Honigschnabel

Eine Heimbewohnerin im Evangelischen Pflegezentrum Eichenau wird gegen das Coronavirus geimpft.

Worauf Menschen im Altenheim nach der Impfung hoffen
Etwa die Hälfte der Altenheim-Bewohner in Deutschland hat den ersten Pieks hinter sich. Zu ihnen gehört auch Christine Hochreuter. Die 83-Jährige hat Hoffnung auf Lockerungen, aber auch auch Ängste.

Christine Hochreuter hat sich in der Corona-Krise ihren Humor bewahrt - und ihre pragmatische Sicht auf die Dinge. Die 83-Jährige lebt seit einem dreiviertel Jahr im Diakonie-Wohnstift, einem Alten- und Pflegeheim in Osnabrück. Quarantäne, Besuchsverbote, ausgefallene Freizeitprogramme - hat sie alles erlebt. Auch derzeit ist das Café im Haus mal wieder verwaist, die Kuchentheke leergefegt. Dennoch findet sie die Einschränkungen richtig. Dass es mit der Ausbreitung des Virus "so nicht weitergehen kann, ist doch klar wie Kloßbrühe", sagt Hochreuter, die sich in ihrer Heimatstadt Goslar lange in der Politik engagiert hat. Am 4. Januar bekam sie ihre erste Corona-Impfung.

Die alte Dame ist eine von bundesweit bislang rund 450.000 geimpften Altenheim-Bewohner:innen. Damit bekam während der ersten drei Wochen seit dem Start der Impfkampagne etwa die Hälfte der in Heimen lebenden Seniorinnen und Senioren die Erstimpfung. Knapp 31.000 Heimbewohner sind schon ein zweites Mal geimpft.

Umzug mitten im Lockdown

Für Hochreuter ist das ein Hoffnungsschimmer - auch wenn sie ahnt, dass echte Normalität in das Haus mit den 192 Wohnungen so bald nicht einkehren wird. Ihr wäre es völlig "wurscht, wenn jetzt die Bürgersteige um 20 Uhr hochgeklappt werden. In Goslar werden die sowieso immer um 20 Uhr hochgeklappt."

Aber wenn ein wenig gelockert würde, würde sie das schon glücklich machen: "Damit ich mal wieder mit meiner Tochter essen gehen kann und meine Physiotherapeutin wieder kommt." Die helfe ihr, beweglich zu bleiben. "Ohne sie sitze ich mehr, werde schneller müde, und der Sessel wird mein bester Kumpel. Das will ich nicht." Mehr Besucher könne sie ohnehin nicht empfangen, sagt die ehemalige Verwaltungsangestellte, die mitten im ersten Lockdown in das Osnabrücker Heim gezogen ist. "Ich habe hier in Osnabrück ja nur meine Tochter."

Impfbereitschaft steigt

Die alten Menschen hätten kaum überzeugt werden müssen, sich impfen zu lassen, sagt Sabine Weber, Vorsitzende der Evangelischen Altenhilfe in Niedersachsen. Die Impfquote liege in den allermeisten Einrichtungen deutlich über 90 Prozent.

Bei den Beschäftigten sei die Impfbereitschaft zuletzt deutlich gestiegen - von zunächst knapp 60 auf zum Teil 90 Prozent. Es zeige sich, dass viele ihre Bedenken nach persönlichen Aufklärungsgesprächen zurückgestellt hätten, sagt Weber. Dennoch bleibe es das gute Recht eines jeden Mitarbeiters und Bewohners, sich nicht impfen zu lassen.

Die Gesellschaft müsse insgesamt klären, wie sie mit Menschen umgehen wolle, die sich nicht impfen lassen wollten, fordert Weber, die die Altenhilfe in der Osnabrücker Diakonie mit insgesamt 11 Heimen verantwortet. Vorher könne es in den Einrichtungen keine umfassenden Lockerungen geben: "Was passiert denn dann mit den Heimen, in denen keine hohen Impfquoten erreicht werden?"

Ein wenig mehr Gemeinschaft

Weber hofft dennoch, dass wenigstens hausinterne Freizeitprogramme wieder aufgenommen werden, sobald die Geimpften nach dem zweiten Pieks den maximalen Infektionsschutz erlangt haben. Ein wenig mehr Gemeinschaft, das wäre für die Bewohner eine wesentliche Verbesserung. Die Entscheidungen darüber träfen aber das Land und die Kommunen.

Auch Christine Hochreuter möchte gerne bald wieder zum Singen und Bingo-Spiel gehen. "Das tut mir richtig gut. Da lernt man mal ein paar Leute kennen." Die ersten Kontakte, die sie im Sommer in der neuen Umgebung geknüpft hatte, sind schon wieder eingeschlafen. Auf ihrer Station gehört sie zu den wenigen, die noch geistig fit sind. Mit Seniorinnen und Senioren aus dem betreuten Wohnen darf sie sich derzeit nicht treffen. "Alle geben sich große Mühe. Aber die Einsamkeit bleibt trotzdem", sagt die ehemalige Lokalpolitikerin. Noch schlimmer waren die Quarantäne-Zeiten nach dem Einzug und nach jedem ihrer drei Krankenhaus-Aufenthalte. "Wenn man 14 Tage auf 40 Quadratmetern verbringen muss, da kommst du dir vor wie ein Kanarienvogel."

Auch bei den übrigen Bewohnern spürt Hochreuter die Auswirkungen der Kontaktbeschränkungen. Sie ließen sich gehen. "Einige haben unheimlich abgebaut. Und das Pflegepersonal ist überfordert." Auf die Maskenverweigerer, Coronaleugner und Impfgegner ist die Seniorin deshalb ganz schön wütend: "Für uns ist das eine Gemeinheit." Am meisten Sorge bereitet ihr jedoch, "dass ich nicht weiß, ob wir das in den Griff kriegen oder ob die Situation heute für den Rest meines Lebens so bleibt".

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