TV-Tipp: "Der Kommissar und die Wut"

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TV-Tipp: "Der Kommissar und die Wut"
7. Dezember, ZDF, 20.15 Uhr
Zu den rätselhaften Phänomenen des modernen Lebens gehört unter anderem der Zorn, der viele Menschen erfüllt. Anlässe gibt es genug, aber oft genug sind sie vermutlich gar nicht die Wurzel des Übels, sondern bloß ein Ventil, das der sogenannte Wutbürger braucht, um seinem Furor freien Lauf zu lassen.

Auch Martin Brühl (Roeland Wiesnekker) ist von einer diffusen Erbitterung erfüllt. Der Mann ist Kommissar bei der Berliner Kriminalpolizei. Lebensgefährtin und Kollegin Susanne (Meike Droste) will ihn dazu überreden, vor die Tore der Stadt zu ziehen, um den Moloch hinter sich zu lassen. Brühls Ventil sind Typen, die mit ihren aufgemotzten Angeberautos hochtourig für akustische Umweltverschmutzung sorgen. Nach der Entführung des 19-Jährigen Tim konfrontiert der Fall den Kommissar mit just jenem Mann, der geradezu perfekt seinem Feindbild entspricht: Autohändler Jatzkowski (Benno Fürmann) hat sich aus kleinen Verhältnissen hochgearbeitet und ein Vermögen mit just jenen Luxuskarossen gemacht, die Brühl so hasst. Deshalb empfindet er auch ein gewisses Verständnis für den Entführer, denn Oliver Froeling (Lucas Gregorowicz) hat ebenfalls sein Feindbild gefunden: Die Frau des Weinhändlers ist vor einigen Monaten bei einem illegalen Autorennen über den nächtlichen Kudamm getötet worden; und dafür sollen Tim Jatzkowski und sein Vater nun büßen.

Die schlichteste Rolle in diesem Männerquartett hat Benno Fürmann als neureicher Selfmademan: Tim soll mal das Unternehmen übernehmen, ist aber von ganz anderem Schlag und hat eher das sanfte Naturell seiner Mutter (Ulrike C. Tscharre) geerbt. Das zwiespältige Verhältnis zwischen Vater und Sohn hat zur Folge, dass sich der junge Mann überraschend mit Froeling solidarisiert. Trotzdem ist Wiesnekkers Figur die interessantere. Der Schweizer verkörpert ohnehin gern Charaktere, die aus unterschiedlichsten Gründen mit dem Schicksal oder ihren Mitmenschen hadern. Brühls Misanthropie macht ihn allerdings zu einem ausgezeichneten Polizisten, zumal sich sein Ingrimm grundsätzlich gegen jeden richtet. Dass sich nun ausgerechnet der Entführer, gegen den Brühl allerdings außer seinem Verdacht nichts in der Hand hat, als Bruder im Geiste entpuppt, verleiht dem Krimi einen besonderen Reiz: Für die beiden Männer ist Jatzkowski kein Auto-, sondern eine Waffenhändler. Das Schmerzensgeld, das Froeling vom "King of Cars" fordert, will er als eine Art Kopfgeld einsetzen: eine Million Euro Belohnung für Hinweise auf den Mörder seiner Frau.

Autor Christoph Darnstädt steht ohnehin für herausragende Qualität. Er hat zuletzt mit "Ein paar Worte nach Mitternacht" einen hochkomplexen und faszinierenden "Tatort" aus Berlin geschrieben; außerdem war er der kreative Kopf der meisten "Tatort"-Krimis mit Til Schweiger sowie aller "Kroatien-Krimis". Er hat gemeinsam mit Annette Simon auch den ersten Brühl-Krimi ("Der Kommissar und das Kind", 2019) verfasst. Dort spielte die Persönlichkeit des Polizisten ebenfalls eine wichtige Rolle, weil das Kidnapping eines kleinen Mädchens das Trauma eines ganz ähnlichen, aber ungelösten Falls weckte. Regie führte damals wie heute Andreas Senn, dessen Beiträge zu unterschiedlichsten Krimireihen (allen voran seine "Harter Brocken"-Episode "Der Bankraub") ebenfalls stets sehenswert sind; einer seiner besten Filme war "Kein Entkommen" (2014), ein erschütterndes Drama mit Anja Kling über die Folgen einer sinnlosen Gewalttat.

"Der Kommissar und die Wut" ist zwar kein Thriller, selbst wenn es mehrere entsprechende Szenen gibt; unter anderem hetzt ein finsterer Freund Jatzkowskis seine Schergen auf Froeling. Die Musik von Florian Tessloff sorgt allerdings dafür, dass die Spannung ständig auf konstant hohem Niveau köchelt, zumal der Autohändler die Entführung nicht ernst nimmt und so das Leben seines Sohnes gefährdet. Ein weiterer Reiz resultiert aus dem scheinbaren Widerspruch, dass Brühl zwar auf der richtigen Fährte ist, die Handlung sich aber trotzdem immer wieder in andere als die erwarteten Richtungen entwickelt. Eine gewisse Dynamik entsteht zudem durch geschickte Parallelmontagen: Während ein Geschäftsnachbar dem Kommissar vom Schicksalsschlag des Weinhändlers berichtet, zählt der Witwer dem Entführungsopfer detailliert auf, welche Verletzungen seine Frau davongetragen hat, als ihr Körper mit 120 Stundenkilometern erfasst und zwölf Meter weit durch die Luft geschleudert wurde. Die entsprechende Szene reicht Senn gegen Ende nach. Die Bildgestaltung (Leah Striker) ist ohnehin sehr hochwertig, aber die Aufnahmen vom Rennen durch die nächtliche Berliner Innenstadt sind spektakulär und wecken prompt die Befürchtung, dass sie zur Nachahmung anregen könnten.