10 Schritte zwischen Altar und Theke

Kirchliche Feierabendbar mit Liegestühlen vor dem Fachwerkhaus
Philipp Raekow
Historische Begegnungsstätte wiederbelebt: Die kleine Gemeinde im Odenwald lädt nach dem Gottesdienst ins eigene Wirtshaus ein.
Angebot der Gemeinde
10 Schritte zwischen Altar und Theke
Der goldene Bär an der Eingangstür schaut einen direkt an. Er strebt dem Haus entgegen, als käme er gerade nach Hause. Mit dem Kauf eines historischen Gasthofs geht eine Gemeinde im Odenwald einen ganz neuen Weg.

Dass Gemeinden sich in Gebäuden versammeln, die in der Mitte des 16. Jahrhunderts gebaut sind, ist nichts Neues. Alte Gebäude kennt man in der Kirche. Aber das hier ist besonders: Das Gasthaus zum Bären im Erbacher Städtel wurde 1550 erbaut und ist damit älter als die Evangelische Stadtkirche gegenüber. Von deren Eingangstür sind es zehn Schritte bis zu seiner Schwelle.

Zehn Schritte zwischen zwei Orten, die das Dorf seit Jahrhunderten zusammenhalten. Die Kirche: Ort des Geistlichen, der Predigt, des Gebets. Das Wirtshaus: Ort des Weltlichen, der Nachrichten, der Geschäfte, des Gesprächs. Beide sind Kommunikationsorte – Orte, wo Menschen zusammenkommen, erzählen, zuhören, das Leben verhandeln. In ihrem Gegenüber und ihrer Nichtvereinbarkeit gehören sie doch irgendwie zusammen: Nach dem Gottesdienst der Gang ins Wirtshaus. Was in der Kirche beginnt, wird am Tisch weitergesprochen – oder bewusst ignoriert.

In Erbach sind diese beiden Orte enger zueinander gerückt. Seit letztem Sommer sind sie beide Teil der Evangelischen Kirchengemeinde. Sie hat das historische Gasthaus "Zum Bären" gekauft.

Kaufen, wo andere verkaufen

In einer Zeit, in der viele Kirchengemeinden Gebäude abgeben und Strukturen verschlanken, ist das eine bewusste Entscheidung. Das zu große, multifunktionale evangelische Gemeindehaus wird verkauft, der kleine, gemütliche Bär gekauft. Küche, Theke, Zapfanlage. Das bleibt. Genau so.
Das Gasthaus zum Bären ist der Kirchengemeinde schon länger vertraut.

Seit 2010 hatte sie das Haus bereits gepachtet und belebt: Kirchenkaffee nach dem Gottesdienst, Gruppen und Kreise, die Arbeitsloseninitiative Kompass. Freitagsabends stand die Tür einfach offen – das Angebot hieß buchstäblich so: Einfach mal so. 2023 lief der Pachtvertrag aus. Eine Weile lang blieb die Tür zu. Jetzt geht sie wieder auf – und diesmal dauerhaft.

Bärenwoche

Vom 4. bis 8. Mai hat der Bär seine Wiedereröffnung gefeiert. Jeden Abend ein anderes Angebot, immer etwas zu essen und zu trinken – mit Zutaten von lokalen Händlern aus dem Odenwald. Was diese Woche ausgemacht hat, war weniger das Programm als das, was wirklich passierte: Menschen, die sich setzen. Die bleiben. Die reden. Die etwas erzählen. Die Leute haben Lust auf dieses alte Haus, freuen sich und sind ausgelassen.

Pfarrer Philipp Raekow macht auch hinter dem Tresen eine gute Figur.

An einem Tisch sitzen der pensionierte Pfarrer und die Dame vom Friseursalon nebenan – ein Konfirmand fragt was sie trinken möchten. Einige kamen rein, weil sie das Kreuz im Fenster irritiert hatte. Kirchengemeinde – in einer Gaststätte? Andere blieben draußen stehen und fragten nach, was das hier ist.

Am Tresen erzählt nicht einer – sondern viele. Und der Pfarrer hört zu.
Das ist neu. Oder vielleicht uralt.

Ein Ort, der noch wird

Was der Bär werden soll, ist klar: Ein Treffpunkt für alle. Für Konzerte, Lesungen, Themenabende. Für Menschen, die einfach reinkommen, weil die Tür offen ist. Tischgemeinschaft als gelebte Einladung – wer kommt, ist willkommen, mit allem, was ihn bewegt.

Eine große Renovierung steht noch bevor: barrierefreie Zugänge, Räume, die wirklich für alle nutzbar sind. Die Bärenwoche hat gezeigt, dass das Engagement dafür vorhanden ist. Viele wollen mitmachen.

Mein Kollege Pfarrer Bert Rothermel hat es so gesagt: "Kirche geht weiter, geht andere Wege." Ich habe das in anderen Ländern, in anderen Kontexten erlebt – dass Kirche dort lebendig ist, wo sie sich einlässt auf die Orte, wo das Leben stattfindet.

Zehn Schritte von der Stadtkirche Erbach entfernt ist es nun das Gasthaus zum Bären. Kein Gegenüber mehr. Ein Miteinander.