Dekane nennen Seenotrettung "einzig menschliche Lösung"

Einsatz des Seenotrettungschiffs "Sea-Watch4"

©epd-bild/Thomas Lohnes

Evangelische Dekan:innen in Nürnberg haben mit einem gemeinsamen Statement auf Kritik an der Seenotrettung aus den eigenen Reihen reagiert. Die EKD hatte den Einsatz des Seenotrettungschiffs "Sea-Watch4" im August 2020 finanziell unterstützt.

Dekane nennen Seenotrettung "einzig menschliche Lösung"
Nürnberger Pfarrer hält Rettungsschiffe für Flüchtlinge für unverantwortlich und provoziert Proteststurm
Die evangelischen Dekaninnen und Dekane in Nürnberg haben am Montagabend mit einem gemeinsamen Statement auf Kritik an der Seenotrettung aus den eigenen Reihen reagiert. "Unter gar keinen Umständen darf man Menschen ertrinken lassen. Aus christlicher Sicht ist diese Forderung bedingungslos", heißt es in der Erklärung.

Natürlich sei ein Schiff wie das von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mitfinanzierte "Sea-Watch 4" keine politische Lösung. "Aber bis eine solche gefunden ist, ist es ein Beitrag zu einer menschlichen Lösung aus einer diakonischen Haltung der Liebe heraus", heißt es in der Stellungnahme auf der Internetseite nuernberg-evangelisch.de.

Der Seelsorger an der Nürnberger Melanchthon-Gemeinde, Matthias Dreher, hatte in der Oktober-Ausgabe des "Korrespondenzblattes" des bayerischen Pfarrer- und Pfarrerinnenvereins einen Beitrag mit den Worten überschrieben "Ein Christ kann ertrinken lassen". Dreher schrieb unter anderem, "nur wer den Bau des Reiches Gottes nicht Gott überlassen kann, sondern es selbst bewerkstelligen muss, wird weiter unverantwortlich mit Rettungsschiffen mehr Migranten aufs Wasser ziehen". Er kritisierte in Richtung des bayerischen Landesbischofs und EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm, "dass akademisch hochgebildete Ethiker auch in der Kirchenleitung" ihre Haltung zur Seenotrettung von Flüchtlingen nicht tief genug begründen.

Dreher sagte auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd): "Der Meinungskorridor verengt sich viel zu sehr." Es werde so getan, "als ob es nur eine ethische christliche Auffassung gibt." Aber auch zur Stammzellenforschung, Klimaschutz oder Atomkraft gebe es schließlich unterschiedliche Meinungen von Christen. Dreher betonte, er sei kein Zyniker, "der schadenfroh an der Reling steht und den Menschen beim Ertrinken zusieht". Aber er halte Hilfe an anderer Stelle, beispielsweise Bildungsangebote für Mädchen und Frauen in den Entwicklungsländern, für unterstützenswerter als Seenotrettung: "Wenn wir ein Schiff schicken, ändern wir keine Strukturen."

Die "Sea-Watch 4" auf ihrem Weg in den Hafen von Palermo.

Das Korrespondenzblatt biete als "altmodischer Chatroom" das Forum für das innerkirchliche Gespräch. Man habe Drehers Leserbrief einem Faktencheck unterzogen und ihm daher einen redaktionellen Anhang gegeben, sagte der derzeitige Redaktionsleiter des Korrespondenzblattes, Ruhestandspfarrer Martin Ost. Er wisse, dass die Mehrheit der Pfarrer Drehers Meinung ablehne, sagte der frühere Markt Einersheimer Dekan Ost.  Aber er habe seit langem "das dumpfe Gefühl", dass es unter den Kollegen welche gebe, die dem bürgerlichen Teil der AfD nahestünden. Ost kritisierte die sehr konservativen Christen, die jegliche politische Äußerungen der Kirche ablehnen. Auf solche, "die uns ständig ins Bein schießen", wird seiner Ansicht nach in der Kirche zu viel Rücksicht genommen. Für einen bayerischen Pfarrer sollte aber klar sein, dass er eine gewisse Verbundenheit mit der Institution Landeskirche zeigt.

Ost begrüßte jedenfalls die "ehrliche Auseinandersetzung", die jetzt auf Drehers Leserbrief folge. Er habe in der November-Ausgabe dafür bereits ein paar Seiten freigehalten. Im Netz gibt es bereits die Reaktionen auf Dreher: Von "menschenverachtender Herzlosigkeit", die auch noch theologisch ummantelt sei, ist dort die Rede. Oder kurz und deutlich: "widerlich und erbärmlich".