Drewermann: Wir erwarten von den Ärzten, dass sie Gott ersetzen

Katholischer Theologe Eugen Drewermann

© epd-bild/Friedrich Stark

"Wir können mit der simplen Tatsache, sterblich zu sein, nicht wirklich leben", sagte der katholische Theologe Eugen Drewermann. "Wir bauen an einer Gesellschaft, in der der vollkommene Ausfall einer religiösen Sinnfindung dahin treibt, die Endlichkeit unseres Daseins nicht aushalten zu können."

Drewermann: Wir erwarten von den Ärzten, dass sie Gott ersetzen
Der Kirchenkritiker über Corona und eine App, über Glauben und Sterblichkeit
Der Kirchenkritiker Eugen Drewermann sieht auch im Schwinden religiösen Glaubens eine Ursache für die Ängste in der Corona-Krise. "Wir können mit der simplen Tatsache, sterblich zu sein, nicht wirklich leben", sagte der katholische Theologe in Paderborn dem epd.
10.06.2020
epd-Gespräch: Holger Spierig
epd

Wer nur das Leben ohne eine religiöse Vision kenne, dem bleibe als Hoffnung einzig die Verlängerung des irdischen Lebens um jeden Preis, sagte Drewermann. "Wir bauen an einer Gesellschaft, in der der vollkommene Ausfall einer religiösen Sinnfindung dahin treibt, die Endlichkeit unseres Daseins nicht aushalten zu können", erklärte der Buchautor und Theologe, der am 20. Juni 80 Jahre alt wird.

Die natürliche Tatsache der Sterblichkeit erscheine "als ein Skandal, gegen den wir die vermeintliche Allmacht und das Allwissen der Gesellschaft setzen müssen", sagte Drewermann. "Wir erwarten von den Ärzten, dass sie Gott ersetzen - als wenn sie allmächtig wären." Ein solcher Anspruch überfordere jedoch auch die Ärzte. "Wir sollten also lernen, auf Gott zu vertrauen, in dessen Händen unser Leben liegt, um uns nicht selber mit gottähnlichen Ansprüchen zu überfordern", rät Drewermann.

Der Theologe nannte den Wegfall von Transzendenz einen "Ausfall einer Hoffnung auf Unendlichkeit". Eine Ursache dafür sei ein Teufelskreis rein naturwissenschaftlicher Betrachtung der Wirklichkeit. Die Naturwissenschaft müsse jeden Gedanken ausklammern, der nicht messbar sei. Sie habe jedoch keine Antwort auf das, "was den Menschen ausmacht in seiner Angst, in seiner Verzweiflung, in seiner Sinnsuche". Die Menschen benötigten jedoch eine Perspektive über die Endlichkeit hinaus, betonte Drewermann. "Deshalb brauchen wir Religion."

Kritische Haltung zur geplanten Corona-App

Kritisch bewertet Drewermann Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie wie die geplante Nachverfolgung von Kontakten über eine App. Es gebe bereits eine totale Kontrolle der Handys sowie eine digitale Gesichtserkennung, sagte er. Das Recht auf Privatsphäre werde seit Jahrzehnten schrittweise ausgehöhlt, etwa durch Vorratsdatenspeicherung oder Überwachungskameras. Das alles gründe in einer Angst, "mit der man Macht gewinnt auf Kosten der Freiheit und eine Sicherheit verspricht, die mit einer Fülle von Maßnahmen Entfremdung statt Geborgenheit erzeugt".

Der damalige Paderborner Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt verhängte Anfang der 90er Jahre ein Predigt- und Lehrverbot gegen Drewermann wegen dessen kirchenkritischer Ansichten. Seither ist Drewermann als Buchautor, Vortragsredner und Therapeut tätig. Im Jahr 2005 trat er aus der katholischen Kirche aus.

 

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