Corona bremst Rettungsschiff "Sea-Watch 4"

Sea-Watch 4

© epd-bild/Frank Molter

Das Flüchtlingsrettungsschiff "Sea-Watch 4" liegt zurzeit in der Werft in Burriana in Spanien.

Corona bremst Rettungsschiff "Sea-Watch 4"
Die Corona-Krise hat auch Auswirkungen auf den Start der "Sea-Watch 4". Eigentlich sollte das von der Evangelischen Kirche mit finanzierte Rettungsschiff nach Ostern zu seiner ersten Mission auslaufen. Oliver Kulikowski von der Organisation Sea-Watch, die das Schiff betreibt, berichtet vom Stand der Vorbereitung an Bord, von der aktuellen Situation auf dem Mittelmeer und in den griechischen Flüchtlingslagern.

Herr Kulikowski, wo liegt die "Sea-Watch 4" zurzeit?

Oliver Kulikowski: Die "Sea-Watch 4" liegt zurzeit in der Werft in Burriana, Spanien.

Wie ist der Stand der Umbauarbeiten?

Kulikowski: Wir sind schon sehr weit gekommen. Erst einmal wurden jede Menge Kabel, Installationen und Material entfernt, um Platz für unseren Einsatz zu schaffen. Das Hospital ist bereit, die Guest Area, in der die Geretteten unterkommen, ist ebenso fertiggestellt wie ein geschützter Raum für Frauen und Kinder. Auch die Küche, in der wir für die Geretteten kochen ist fertig, mehrere Hundert Rettungswesten sind bereits an Bord. Aber das ist tatsächlich nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was unsere Werftcrew in kürzester Zeit umgesetzt hat. Was jetzt im Wesentlichen noch fehlt, sind einige technische Aufbauten an Deck und der Anstrich des Schiffes.

Wie werden Umbau und Betrieb des Schiffes finanziert?

Kulikowski: Teile des Umbaus der "Sea-Watch 4" sowie die Überfahrt in die Werft wurden vom Bündnis "United4Rescue" finanziert, den Rest der Umbaukosten trägt Sea-Watch, ebenso die Kosten der Einsätze und des laufenden Betriebs.

"Es zeigt, wieviel gesellschaftliche Unzufriedenheit es mit der Migrationspolitik der EU gibt"

Wann soll das Schiff zu seinem ersten Einsatz auslaufen? Liegen Sie im Zeitplan, wo gibt es Schwierigkeiten?

Kulikowski: Geplant war der erste Einsatz für Anfang April. Wir lagen auch sehr gut im Zeitplan, aber die Corona-Pandemie geht natürlich auch an uns nicht spurlos vorbei. Es ist zurzeit schwierig bis unmöglich, an bestimmte Ersatzteile und andere Dinge, die für den Umbau benötigt werden, zu kommen. Wegen der Reisebeschränkungen ist es für Werfthelfer darüber hinaus gerade schwierig, überhaupt das Schiff zu erreichen. Trotzdem arbeiten wir so gut es geht weiter daran, das Schiff schnellstmöglich in den Einsatz zu schicken.

Was bedeutet die Unterstützung des Bündnisses United4Rescue für Sea Watch?

Kulikowski: Wir sind immer noch beeindruckt, in welch kurzer Zeit es nicht nur gelungen ist, ein so breites Bündnis auf die Beine zu stellen, sondern auch das Motto "Wir schicken ein Schiff" mit dem Kauf der "Poseidon" umgesetzt wurde. Und es zeigt natürlich einmal mehr, wieviel gesellschaftliche Unzufriedenheit es mit der Migrationspolitik der EU gibt, aber auch wie groß die Unterstützung für die Arbeit ziviler Seenotretter ist.

Wie ist die Situation auf dem Mittelmeer zurzeit? Wie verliefen die letzten Einsätze von Sea-Watch?

Kulikowski: Die humanitäre Katastrophe im Mittelmeer hält weiter an, auch da sich die Situation in Libyen weiter zuspitzt. Unabhängig von der Situation in Europa versuchen Menschen immer noch, in seeuntauglichen Booten den libyschen Lagern zu entkommen, wo Folter und andere Menschrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind. Seit Wochen war kein Rettungsschiff mehr im zentralen Mittelmeer unterwegs, erst am Dienstag startete die "Alan Kurdi" von Regensburger Hilfsorganisation Sea-Eye wieder zu einem neuen Einsatz. Europa hat das Feld seinen Partnern der sogenannten Libyschen Küstenwache überlassen, die Menschen auf der Flucht völkerrechtswidrig zurück nach Libyen schleppt. Wie dringend Rettungsschiffe immer noch benötigt werden, zeigt auch unsere letzte Mission, wo wir innerhalb weniger Tage 194 Menschen aus drei Booten in Seenot retten konnten.

Wirkt sich die Corona-Pandemie also auch auf die Rettungseinsätze aus?

Kulikowski: Selbstverständlich. Nach der Rettung von 194 Flüchtenden auf unserer letzten Mission wurde die "Sea-Watch 3" nach der Anlandung im sizilianischen Messina erst einmal für 14 Tage in Quarantäne genommen, auch wenn es keine Verdachtsfälle an Bord gab. Die Maßnahmen gegen die Corona-Ausbreitung sind sinnvoll und nötig, aber sie erschweren natürlich die Planung von Rettungseinsätzen - so gelten die Reisebeschränkungen ja für unsere ehrenamtlichen Crewmitglieder so wie für alle anderen. Durch die Pandemie mangelt es zudem an ehrenamtlichem medizinischem Personal, das zurzeit in europäischen Krankenhäusern und Praxen im Einsatz ist. Auch unser Suchflugzeug "Moonbird" ist betroffen, da der Flughafen in Malta derzeit nicht mehr zum Betanken angeflogen werden darf.

Die Situation der Geflüchteten in Griechenland ist aus dem Blick geraten. Sea Watch fordert, die Schutzsuchenden dort zu evakuieren – auf stillgelegte Kreuzfahrtschiffe. Weshalb halten Sie das für nötig und sinnvoll?

Kulikowski: Allein im Camp Moria auf Lesbos, das für maximal 3.000 Menschen ausgelegt ist, leben derzeit über 20.000 Menschen ohne ausreichenden Zugang zu Wasser, Seife und medizinischer Versorgung. Eine Ausbreitung von COVID-19 hätte dort katastrophale Auswirkungen. Um dem rechtzeitig entgegenzutreten, müssen überfüllte Flüchtlingslager sofort evakuiert werden. Die meisten Anbieter von Kreuzfahrten haben aufgrund der Corona-Pandemie ihre Fahrten bereits bis in den April hinein eingestellt. Ihre Schiffe bieten ausreichend Platz für mehrere tausend Menschen und verfügen über vergleichsweise gut ausgestattete Krankenstationen. Sie bieten Raum für Maßnahmen zur Infektionsprävention, zur schnellen Identifikation von Krankheitsfällen sowie zur Isolation und Erstbehandlung von Patienten und allgemeinen Quarantänevorkehrungen. Jetzt ist die EU-Kommision, aber auch insbesondere Deutschland gefragt: Mit laufenden Krediten von über 8 Milliarden Euro ist der deutsche Staat einer der führenden Finanziers der Kreuzfahrtindustrie. Zugleich haben sich über 140 deutsche Städte und Kommunen aufnahmebereit erklärt - 40.000 freie Plätze für Geflüchtete stehen allein in den deutschen Bundesländern zur Verfügung. Wer jetzt nicht handelt, macht sich schuldig, wenn die in den Flüchtlingslagern bereits herrschende humanitäre Katastrophe viele weitere Menschenleben kosten wird.