TV-Tipp: "Der Bozen-Krimi: Blutrache"

Altmodischer Fernseher vor einer Wand

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

TV-Tipp: "Der Bozen-Krimi: Blutrache"
2.4., ARD, 20.15 Uhr
Die "Bozen-Krimis" waren bislang eine Art Wundertüte. Die Geschichten über die deutsche Kommissarin Sonja Schwarz (Chiara Schoras), die ihren einheimischen Mann erst für einen Mörder halten muss und ihn dann verliert, während sie sich gleichzeitig mit der Mafia anlegt, wirkten mitunter unausgegoren, weil die Kombination von Krimihandlung und familiärer Ebene mit Weingut, Schwiegermutter und Stieftochter oft nicht funktionierte.

Auch die Umsetzung war nur selten wirklich packend. Das ist in der zehnten Episode anders: Nachdem Sonjas Vorgesetzter, Matteo Zanchetti (Tobias Oertel), nur knapp einen Bombenanschlag überlebt hat, will er endlich mit seinem alten Widersacher abrechnen. Er hatte sich einst in Bari als verdeckter Ermittler das Vertrauen von Enzo Saffione erschlichen und sich in dessen Tochter verliebt. Die Frau ist ebenso gestorben wie ihr Bruder, der Mafia-Boss gibt Zanchetti in beiden Fällen die Schuld und hat ihm Vendetta geschworen: Blutrache bis ins Grab. Der Commissario weiß: "Es wird nie aufhören, wenn ich es nicht beende."

"Blutrache" fällt schon allein wegen des Schauplatzwechsels aus dem Rahmen: Der "Bozen-Krimi" wird vorübergehend zum "Bari-Krimi", denn die Handlung spielt größtenteils in Apulien. Offenbar haben Sender und Produktionsfirma Thorsten Näter (Buch und Regie) eine klare Botschaft mitgegeben: Wenn du schon in Bari drehst, dann zeig' das ruhig auch. Also stapft Zanchetti auf der Suche nach Saffione viele Einstellungen lang finster entschlossen durch die malerischen Gassen. Weil aber Kollegin Schwarz die eigentliche Heldin der Reihe ist, muss sie natürlich ebenfalls nach Bari kommen: Stieftochter Laura (Charleen Deetz) hat mit ihrem Freund eine Reise durch Italien gemacht und ist nach einem Streit allein in Apulien zurückgeblieben. Die junge Frau ist zwar mittlerweile zwanzig, aber Sonja macht sich Sorgen, weil sie sie nicht erreichen kann, also klappert sie die Hotels ab, was der ziemlich attraktive Taxifahrer Riccardo (Stefano Bernardin) für eine kleine Stadtrundfahrt nutzt. Am Ende landet sie in seinem Bett und ist ein bisschen verliebt, aber die Erfahrung der Reihe lehrt: je größer die Nähe, desto größer der Verrat.

Näter ist ein alter Hase. Er hat seinen ersten "Tatort" 1996 gedreht; seither folgten Dutzende Krimis für alle möglichen Reihen sowie diverse Einzelfilme, darunter einige richtig gute Thriller. Dass "Blutrache" auch in den weniger spannenden Passagen sehens- und vor allem hörenswert ist, liegt an der ausgezeichneten Musik von Axel Donner, der die Stadtansichten mit einem schönen Trompetenjazz unterlegt hat, sowie an der Bildgestaltung von Näters Stammkameramann Achim Hasse (die beiden haben in den letzten Jahren an die fünfzig Filme zusammen gedreht): Das flirrende Licht der Bari-Bilder erinnert an Damiano Damianis sizilianische Mafia-Klassiker aus den Siebzigerjahren; die Aufnahmen in Südtirol sind dagegen betont kühl gehalten. Während Zanchetti gleich mehrfach verschleppt wird und Sonjas Bekanntschaft genauso oft immer wieder neue Identitäten offenbart, erwacht die in der letzten Episode schwer verletzte Gegenspielerin Giulia Santoro (Susanna Simon) aus dem Koma und verhilft dem Film zu einer weiteren überraschenden Wende.

Näter hat mit Ausnahme des Auftakts ("Wer ohne Spuren geht", 2015) alle Episoden der Reihe inszeniert, anfangs noch nach Vorlagen von Jürgen Werner. Seine besten Filme sind allerdings meist nach eigenen Drehbüchern entstanden, zuletzt "Jenseits der Angst" (2019) mit Anja Kling als Modeschöpferin, die scheinbar den Verstand verliert. Von der Qualität gerade dieses Thrillers ist der zehnte "Bozen-Krimi" zwar noch ein gutes Stück entfernt, aber innerhalb der Reihe ragt der Film durchaus heraus, zumal der Regisseur gegen Ende für einige Knüller sorgt; die Besetzung des Mafia-Bosses mit Christian Redl ist ebenfalls ein kleiner Coup. Demgegenüber stehen ungelenke Dialoge, mit denen die Figuren der Erinnerung des Publikums auf die Sprünge helfen müssen ("Ich weiß, du bist nicht meine richtige Mutter", sagt Laura zu Sonja). Näter entschädigt mit einigen sehr solide inszenierten und dank agiler Kamera-Arbeit und flottem Schnitt auch recht rasanten Action-Einlagen. Die finale Konfrontation mit Zaffione ist in einer Weinkellerei gedreht worden, aber ungleich reizvoller sind die Karnevalsszenen: Sonja und Zanchetti stürzen sich mitten ins Getümmel, was Näter nutzt, um die Tonspur um allerlei aktuellen Italo-Pop zu ergänzen. Entscheidender für die Qualität des Films aber ist natürlich die durchgehende Spannung.

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