Evangelisch.de: "Mit Gefühl! Sieben Wochen ohne Härte". Was verbindest du mit diesem Motto?
Frank Muchlinsky: Eine gewisse Flexibilität, denn je härter man ist, desto unflexibler. Statiker:innen wissen ja, je höher man baut, desto flexibler muss das Material sein. Ein Hochhaus muss schwanken können, damit es nicht umfällt. Wenn du dich hart machst, dann machst du dich auch starr, kannst nicht reagieren. Oder Autos, die sind zwar hart, haben aber auch eine Knautschzone. Sie haben damit etwas, das weich werden kann für den Notfall.
Natürlich brauchen wir auch klare Ansagen, wir haben Grenzen, die wir nicht überschreiten wollen, gewisse Richtlinien, aber wenn wir uns zu hart machen, dann werden wir keine Kompromisse finden können. Wir werden verunfallen.
Ich finde das ist ein schönes Motto: "Ohne Härte." Und dann ist da ja auch noch das Gefühl. Es heißt "mit Gefühl", aber natürlich auch "Mitgefühl". Das Mitgefühl ist wichtig. Ich guck über mich hinweg, ich guck andere an, ich lass es an mich ran, wenn es anderen schlecht geht. Eine Sache kann und darf mich berühren, ich darf ein Gefühl haben für die Nöte anderer Leute.
In diesen sieben Wochen kannst du mal gucken: Wo zeigst du Härte, wo es nicht angemessen ist? Wo schaltest du Gefühle aus, weil du sagst, es sei zu viel? Das kann ich verstehen, denn die Weltlage ist aktuell schwierig. Man darf sich nicht alles zu sehr zu Herzen nehmen, sonst kippt man um. Wenn ich auf die Situation im Iran gucke, kann ich mir nicht mal ansatzweise vorstellen, was die Menschen durchmachen müssen. Wenn ich mir das brutale Vorgehen der ICE-Beamten und die zwei Todesopfer in den USA anschaue... Oder wenn wir auf die Ukraine blicken, da blenden wir doch schon lange aus, was da los ist, wie es den Menschen da geht. Weil wir denken, dass wir gar nicht so viel Gefühl haben können an der Stelle für all den Schmerz. Aber genau das mal bewusst wahrnehmen und sich fragen: Kann ich es nicht vielleicht doch zulassen, das Mitgefühl?
Kann ich es nicht vielleicht doch zulassen, das Mitgefühl?
Was macht die Fastenaktion "7 Wochen Ohne" – für dich so besonders?
Muchlinsky: Wir weisen darauf hin, dass es sich lohnt, auf Sachen zu verzichten, auf Sachen, die einem nicht guttun. Es geht dabei nicht darum, etwas zu verbieten oder um eine Selbstoptimierung. Nein, aber es gibt Dinge, die dich beschweren und auch anderen in deinem Umfeld das Leben schwer machen.
Außerdem darf ich die Fasten-E-Mails schreiben. Ich trage etwas bei, gebe meine Texte in eine Community, die sich rund ums Fasten bildet. Und das sind viele, Zehntausende machen mit. Den Newsletter bekommen fast 30.000 Personen. Und er wird in Andachten vorgelesen, in Fasten-Gruppen besprochen, die sich bilden oder in Hauskreisen. Es wird viel mitgemacht.
Anne Chebu ist freie Journalistin und Moderatorin und hat über zehn Jahre für unterschiedliche öffentlich-rechtliche Fernsehredaktionen gearbeitet. Ihre Schwerpunkte sind Vielfalt und Nachhaltigkeit. Die gebürtige Nürnbergerin wohnt - nach Stationen in Hamburg und London - inzwischen in Frankfurt am Main.
Gemeinschaft in der Ferne
Braucht es Gemeinschaft zum Fasten oder geht das auch ganz alleine?
Muchlinsky: Ich würde sagen: Ich bin ein Teil von vielen. Wenn man den 7-Wochen-Ohne-Kalender nutzt, den es auch als App gibt, bekommt man täglich einen kleinen Impuls. Dann ist man schon nicht mehr ganz alleine. Aber in der Gemeinschaft kommt ein anderer Rhythmus rein. Fasten ist eine individuelle Sache, aber jede Person hat ihren eigenen Umgang damit. Das macht die Gespräche auch so spannend. Wenn man sein Gegenüber fragt: "Denkst du, dass du zu hart bist? Wann wird für dich Klarheit zu Härte?" Das wird jeder anders beantworten.
Seit Corona sind viele Fasten-Gruppen digital, also liegt die Gemeinschaft für einige in der Ferne. Aber auch wenn man alleine fastet, ist man eben auch Teil einer Bewegung.
Ist "7 Wochen Ohne" denn "richtiges" Fasten? Oder geht man dadurch nicht vielleicht einen zu einfachen Weg?
Muchlinsky: Es gibt Leute, die sich gerne im Verzicht trainieren möchten: keine Schokolade, Alkohol oder Zigaretten. Da merkt man es halt schnell und eindeutig: Du nimmst die Zigarette nicht in die Hand. Somit kannst du es dir direkt beweisen, es fühlt sich richtiger an. Aber einfacher ist es nicht, auf Härte zu verzichten. Es sind ja auch angewöhnte Verhaltensmuster, wie das Rauchen. Wenn ich im Straßenverkehr auf die Hupe drücke aus Ärger, ...
…oder im Umgang mit Kindern ...
Muchlinsky: Da wird es ja noch schwerer. Wenn wir bestrafen, nur des Bestrafens wegen. Jemandem weh tun, weil er einem weh getan hat.
In der Partnerschaft auch: "Das kriegst du zurück, das merk ich mir."
Muchlinsky: Es ist eine natürliche Reaktion, aber wir können schauen, ob wir das anders hinbekommen können. Also "7 Wochen Ohne" ist nicht einfacher, es ist nur anders.
"7 Wochen Ohne" ist nicht einfacher, es ist nur anders.
Und das eine muss das andere ja auch gar nicht ausschließen. Man kann aufs Rauchen verzichten und zusätzlich bei "7 Wochen Ohne" mitmachen. Es ist ja auch gut, wenn man mal den Körper reinigen kann. Das eine kann auch das andere unterstützen. Das ist doch gut und passt auch wieder zum Thema Härte. Wenn du dann doch ein Stück Schoko gegessen hast, dann nimm's dir nicht übel, sei nicht zu hart zu dir.
"Wir müssen es uns zumuten, miteinander zu reden."
Welche Bedeutung hat das Motto "Mit Gefühl. Ohne Härte" für den Glauben?
Muchlinsky: In der Umgebung von Jesus gab es viele, die miteinander kein Wort geredet haben. Nur Jesus hat es sich angetan und mit allen zusammengesessen. Er trat in Kommunikation mit den Menschen, mit denen man nicht reden mochte. Es geht aber nicht ohne. Gerade in Glaubensfragen ist die Kommunikation in Zeiten von Social Media teilweise sehr hart. Einige hängen dogmatisch an ihrer Sichtweise, nur ihre Art zu glauben und den Glauben zu leben sei die richtige.
Die Argumente werden härter, am Ende gibt es gar keine Argumente mehr, man will den anderen einfach nur noch überzeugen, es so zu machen, wie man selbst denkt, dass es der einzig richtige Weg sei. Und hier, auch wenn es schwerfällt, können wir miteinander sprechen. Erzähl mir von deinem Blick auf Jesus, auf deine Weise zu glauben. Ich muss es nicht genauso machen, aber wir kommen ins Gespräch. Wir müssen es uns zumuten, miteinander zu reden.
Denkst du, Fasten verändert einen auch langfristig?
Muchlinsky: Man möchte natürlich keinen Jo-Jo-Effekt: Nach sieben Wochen zusammenreißen, dann wieder richtig hart werden. Das will man nicht.
Aber sich mal sieben Wochen die Zeit nehmen, auf sich selbst zu gucken, wo man nicht zufrieden ist, wo es nicht läuft, ich glaube, das kann einen langfristig verändern.
Mehr als beim Verzicht auf Schokolade.
Muchlinsky: Ja, da freut man sich darauf, wenn man endlich wieder Schokolade essen darf und isst dann vielleicht umso mehr. Und hier bei der Fastenaktion "7 Wochen Ohne" freut man sich wahrscheinlich nicht, es wieder anders zu machen.
Was sind die größten Herausforderungen beim Fasten?
Muchlinsky: Es gibt ständig Herausforderungen: Erstens überhaupt anzufangen. Die zweite: dran zu bleiben. Drittens: nach der Fastenzeit überlegen, ob man weitermacht. Aber die größte Herausforderung ist wohl, sich selbst anzugucken, sich gegenüber ehrlich zu sein. Zu sehen, ja, auch ich bin hart. Ich knipse Gefühle aus, weil ich nicht mehr kann oder nicht mehr will, wo ist der Unterschied? Wo ist es Selbstschutz auch mal auf Durchzug zu stellen und wo bin ich einfach nur bequem? Fasten ist fast wie Therapie.
Es gibt auch Begleitmaterial zu der Fastenaktion.
Muchlinsky: Ja, man kann sich mit dem Kalender prima einschwingen, da hat man dann das Visuelle dabei. Da sind interessante Fotos drin, die nicht ganz eingängig sind. Es geht dabei nicht nur um schön, sondern die Fotos wollen was, die wollen angeguckt werden und man soll darüber nachdenken. Und im Kalender kann man sich auch die Wochenmottos schon mal anschauen und sich darauf vorbereiten.
Es gibt es auch die Begleitlektüre. Damit kann man sich verschiedene Geschichten, Gedichte, Gebete, Gedanken in die Fastenzeit holen, das dient einfach noch einmal der Inspiration. Und ich habe auch ein Buch geschrieben. "Den Horizont weiten" heißt es. Dafür habe ich mir die besten Fasten-Mails noch einmal angeschaut und diese sowie weitere Texte fürs Buch aufgearbeitet und im Rhythmus des Vaterunsers, auf 52 Wochen, aufgeteilt. Also für ein ganzes Jahr Inspiration, oder man liest alles auf einmal, das geht auch.
Die Fastenmail finde ich hilfreich, weil sie einen in einen Rhythmus bringt. Man kann einfacher am Ball bleiben und bekommt immer wieder neue Impulse. Ich bekomme auch immer wieder Zuschriften, die Leser:innen fühlen sich begleitet dadurch. Da sind wir wieder bei der Frage: allein oder gemeinsam fasten? Man muss es alleine machen, aber ist nicht einsam.
Fasten als Selbstermächtigung
Schon seit 1983 lädt die evangelische Kirche zur Fastenaktion "7 Wochen Ohne" ein. Wenn du auf die letzten Jahre blickst, welches Thema hat dich besonders berührt?
Muchlinsky: Das war tatsächlich schon in den Anfängen. Den Newsletter gab es damals als echten Brief, den man per Post bekommen hat. Und es ging auch noch um das klassische Verzichten auf Alkohol, Fleisch, usw. Ich war Jugendlicher und habe in einem Fastenbrief gelesen: "Wie schön es ist, wie ein Philosoph vor schönen Dingen zu stehen und zu sagen, was gibt es für schöne Dinge, die ich alle nicht nötig habe". Das hat mich als 15- oder 16-Jähriger total fasziniert. Das war selbstermächtigend! Ich sehe die Dinge, die nicht böse sind, die sind schön, aber ich sage: "Ich brauch das nicht."
Irgendwann gab es dann diese Wandlung der Fastenaktion, weg vom klassischen Verzicht. Der damalige chrismon-Chefredakteur Arnd Brummer, der später geschäftsführender Herausgeber wurde, hat diesen Twist reingebracht. Er hatte eher die Idee "wir schenken uns was und 'das kannst du dir schenken'". Arnd Brummer war vom katholischen zum evangelischem Glauben konvertiert und er wollte wohl nicht mehr länger das "du darfst dies nicht, jenes nicht". Im Kopf hab ich da auch die Geschichte des Wurstessens der Reformatoren: In der Fastenzeit zu sagen wir sind frei in unseren Entscheidungen.
Ich finde "7 Wochen Ohne" hat etwas positiv Aufforderndes. Eines meiner Lieblingsmottos war "ohne Lügen". Hart oder? Lügen ist super bequem. Es geht um die Lügen, die das alles etwas smoother machen.
Und dann war da 2020: "Zuversicht. Ohne Pessimismus". Das war genau das, was wir alle in der Corona-Zeit gebraucht haben. Das hat einfach gutgetan. Und in dem Jahr ging dann sogar der Fasten-Newsletter als Zuversichtsbrief weiter. Daher habe ich auch dieses Gefühl einer Fasten-Gemeinschaft, denn während Corona habe ich so nette Zuschriften bekommen. Ja, es gibt sie, die Gemeinschaft in der Ferne.
"7 Wochen Ohne" hat etwas positiv Aufforderndes.


