Vom beliebten Touristen zum potentiellen Virusträger

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Touristen am Punkt von St. Lawrence auf der Insel Madeira. Mittlerweile sind Touristen auf der Urlaubsinsel eine Gefahrenquelle und nicht mehr willkommen.
Vom beliebten Touristen zum potentiellen Virusträger
Die Blumeninsel Madeira ist im Corona-Alarmzustand
Was als Urlaub auf der Lieblingsinsel ganz entspannt begann, entwickelte sich für Volker Keller und seine Familie in Zeiten der täglich an Dynamik zulegenden Coronavirus-Krise zu einer ganz neuen Erfahrung als nunmehr ungebetener Tourist aus Deutschland. Der Pfarrer aus Bremen berichtet.
25.03.2020
evangelisch.de
Volker Keller

„Hör‘ auf zu husten!“, ranzt mich Ehefrau Elke an. Sie hat Recht: Auf keinen Fall will ich die Madeirenser provozieren. Wie fast jedes Jahr machen wir gerade Urlaub auf unserer Lieblingsinsel im Atlantik. Eigentlich reisen wir am Ende ungern ab und möchten länger bleiben, in diesem Jahr ist es höchste Zeit – bloß weg, bevor die Situation weiter eskaliert. Der Virus ist ausgebrochen  -  nicht durch uns, aber  trotzdem fühlen wir uns schuldig.

In der ersten Woche wohnten wir mit unserem Sohn Simon in einer Hütte in den Bergen und machten täglich unsere Wanderungen durch die üppig-grüne Natur entlang der Levadas, der kleinen Bewässerungskanäle. Der Virus hielt sich fern in Festlandeuropa, Madeira galt als virusfrei. Abends kehrten wir in Santa Cruz in unser Stammlokal ein. Wirt Antonios gab sich vergnügt, auch in der Nebensaison läuft sein Lokal, er bot an, mir am Montagabend den Sender einzustellen, auf dem Werder Bremen gegen Bayer Leverkusen gezeigt würde. Alles war wie immer, alles war gut, doch eine Nebenbemerkung irritierte: „Wir haben bisher Glück, aber wer weiß, wie lange noch?“  Antonios meinte den Virus und er meinte die Touristen auf der Insel – potentielle Virusträger, Gefährder des ruhigen und sicheren Lebens der Einheimischen.

Auch ohne Cornoa-Pandemie geht es ruhig zu in Santa Cruz.

Am Montagabend fanden wir uns bei ihm ein und berichtetem ihm von der Absage der Fußball-Bundesliga. Auch die portugiesische Liga spielte nicht mehr, auch dort bestimmte Convid-19 mittlerweile das öffentliche Leben. Am nächsten Tag breitete sich die Nachricht wie ein Feuer im trockenen Wald auf der Insel aus: Ein Mensch erkrankt!  Eine Holländerin. Ihr Hotel wurde sofort abgesperrt, kein Tourist und kein Mitarbeiter durfte es verlassen. Wir zogen am nächsten Tag in den kleinen Ort Machico um, dort  steigen wir immer im selben Hotel ab. Dieses Mal empfing man uns reserviert. Ich sprach das Thema an und der Rezeptionist fragte mich: „Warum kommt ihr hierher? Bei euch ist der Virus – wir wollen ihn nicht.“ Deutlich zu hören war: Wir wollen euch Touristen jetzt nicht hier haben.

Er wolle nicht krank werden und seine Familie anstecken, fuhr er fort, und jedes Wort traf mich wie ein Pfeil. Meine Entgegnung „als wir losreisten, war das Problem noch nicht so groß“ kam bei ihm nicht an. Ich gestand mir ein, dass ich nicht darüber nachgedacht hatte, für andere ein Risiko zu sein.

Wir gingen auf den Balkon unseres Apartments und bestaunten die Weite des Meeres, gleich rief vom Nachbarbalkon unser Zimmernachbar herüber: „Ich habe den Virus“. Bevor ich mich noch erschrecken konnte, lachte er: „Kleiner Scherz! Wir sind gesund, aber trotzdem sperren sie uns für 14 Tage ein.“ An jenem Tag trat um null Uhr eine Anordnung der Regierung Madeiras in Kraft: Alle Touristen, die einträfen, kämen in vorsorgliche Quarantäne. Der Pole und seine Freundin erklärten uns, dass ihre Billigfluglinie die Information erst im Flugzeug gegeben habe - auf Englisch und Portugiesisch, sie hätten nichts verstanden und wussten nicht, was   ihnen drohte, sonst wären sie natürlich ausgestiegen. Seine Freundin weinte, er bat  uns, Whiskey zu besorgen – gegen den Stress.

"Wir kamen uns wie Aussätzige vor"

Nach unserer Wanderung bis ins leergefegte Monte (wo sonst die berühmten Korbschlitten im Minutentakt abfahren) wollten meine Frau und ich ein Taxi nehmen. Der Taxifahrer stellte sich erst dumm, er kenne den von uns genannten Ort nicht, dann fiel ihm ein, dass er ja auf zwei Fahrgäste wartete. Wir wichen auf einen öffentlichen Bus aus, um zu unserem Auto zurück zu fahren. Auf der Suche nach einem Sitzplatz blickte ich in das böse, fratzenhaft verzerrte Gesicht einer Einheimischen, die offenbar den Tod auf sich zukommen sah. Hinter ihr war die Sitzreihe zwar frei, aber ich gab Elke ein Zeichen, dass wir ganz nach hinten durchgingen, wo niemand sich aufhielt. Die Frau beobachtete uns voller Misstrauen und zog sich demonstrativ  ihre Jacke vor Nase und Mund. Wir kamen uns wie Aussätzige vor. Wir entspannten uns etwas, weil die anderen  Fahrgäste neutral reagierten.

Im Hotel angekommen las ich meine Mails. Ein Kollege aus früheren Zeiten, nun Pastor im Ruhestand, hatte auch mich bedacht: Den Virus gebe es nicht, die Toten seien normales Sterbegeschehen, das Ganze ein Medien-Fake zur Unterdrückung der Menschheit. Früher kämpfte er im Talar gegen die Atomkraft in Brokdorf, sein Bild ging um die Welt, heute macht er sich zum Kauz. Während ich seine Mail las, rief Madeiras Regierung einen 14-tägigen Notstand aus und forderte die Touristen zur sofortigen Ausreise auf, der Flughafen würde geschlossen, hieß es. Wir mussten auf unseren Rückflug noch einige Tage warten.

Leere Check-in Schalter am Cristiano Ronaldo Flughafen bei Santa Cruz im Februar 2020.

Die „Blumeninsel“ erschien mir immer als ein Überbleibsel vom Paradies – überall blühen rote Bougainevilles und gelbe Strelitzien, die Blumenpracht erzeugt das Bild einer kleinen Welt, die in Ordnung ist. Über Nacht tauchen auf einmal bislang unsichtbare Polizisten auf und drücken etwas anderes aus – der Frieden ist bedroht. Keiner kann sich herausreden, er wisse von nichts: Der Schriftzug „Bleibt zu Hause“ ist allgegenwärtig. Nur, wer zur Arbeit, zum Arzt, zur Apotheke oder Einkaufen will, darf sein Haus verlassen.

Ein traditionelles strohgedecktes Bauernhäuschen im Ort Machico.

In Machico stehen Taxifahrer ohne Erwartung herum, vor Märkten bilden sich Schlangen, Menschen mit Tüten huschen durch die Straßen und Männer finden sich vor ihren Bars ein und begreifen die verschlossenen Türen nicht. Noch nie waren sie dicht. Die Bar ist für den madeirensischen Mann Mittelpunkt seines Lebens, ohne strollt er wie ein herrenloses Hündchen ziellos durch die Gegend. Wir bemerken, dass wir den Einheimischen auffallen, ich kann ihre Gedanken lesen: Was machen die noch hier?  Eine Streife hält neben einem älteren Mann, ein Polizist fragt im scharfen Ton, warum er herumstehe und gibt ihm die klare Anweisung: Geh schleunigst nach Hause! Dann fallen wir dem Polizisten auf, er mustert uns, sieht meinen Einkaufsbeutel und dreht die Scheibe wieder hoch.

Wir wollen einen Kaffee trinken und betreten eine Bäckerei, die Bedienung faucht: Draußen warten! Wir bekommen genaue Instruktionen: Ihr zurufen, was wir haben wollen, warten, nach Aufforderung in den Laden gehen, die Kaffees holen, draußen ja nicht hinsetzen, im Stehen trinken. Ich sage „Okay!“ und unterwerfe mich der kompromisslosen neuen Ordnung. Eine andere Verkäuferin  erzählte mir später, dass es eine Strafandrohung bis zu einem Jahr Gefängnis gebe bei Missachtung der Vorschriften.

Ein frisch eröffnetes Hotel - ohne Gäste

Auf Madeira gibt es nur ein Krankenhaus, es musste schnell und hart gehandelt werden – und es wurde schnell und hart gehandelt.  Vielleicht zögert Deutschland zu lange mit einer Ausgangssperre und hielt zu lange an seinem Bekenntnis zu offenen Grenzen fest, schloss sie zu spät. Ich ahne, diese Katastrophe wird die globalisierte Welt verändern: Die europäischen Länder werden sich  zunehmend vor dem Ausland schützen. Der globale Handel erzeugt zwar Wohlstand, aber die offene Welt wird zur apokalyptischen Bedrohung.

Wir treffen noch einmal Antonios. Er ist so still, dass wir ihn nicht wieder erkennen. Sein gerade eröffnetes Hotel hat keine Gäste mehr, wie soll er den hohen Kredit abzahlen? Sein Erspartes hat er investiert, hält die Seuche lange an, wird er alles verlieren.  „Kommt bald  wieder“, fleht er beim Abschied.