Als Pfarrer und Komparse auf dem Traumschiff

Filmset am Pier, im Hintergrund das Traumschiff-Schiff

©Dirk Bartling/ZDF

Filmset am Pier, im Hintergrund das Traumschiff-Schiff

Als Pfarrer und Komparse auf dem Traumschiff
Volker Keller, Pastor der Bremischen Evangelischen Kirche, war einige Wochen als Bordpfarrer auf MS Amadea, dem Traumschiff des ZDF. Was er dabei erlebt hat, erzählt er hier.
Deutschland spricht 2019

Am Abend vor meinem Abflug nach Miami läuft die Serie "Das Traumschiff" im Fernsehen. Gespannt sitze ich vor dem Fernseher, als die Titelmelodie von James Last erklingt und ein blütenweißes Schiff elegant übers Meer gleitet. Vorfreude auf meinen neuen Arbeitsplatz stellt sich ein: Als Bordpfarrer auf der MS Amadea, dem Traumschiff des ZDF - eine traumhafte Aussicht. 

Die MS Amadea hat in Miami/Florida festgemacht, um am nächsten Tag zu ihrer letzten Etappe auf der fünfmonatigen Weltreise auszulaufen. Ich checke gemeinsam mit Schauspieler Harald Schmidt ein. Sein Eintreffen, an Bord würde er den Kreuzfahrtdirektor Oskar Schifferle mimen, findet ganz ohne großen Bahnhof statt: Niemand steht zum Empfang bereit, unbemerkt geht er die Gangway hoch, wir grüßen uns kurz. Was für ein frecher Kerl er als Moderator der Late-Night-Show war.

Autor*in
Volker Keller
Volker Keller

Volker Keller ist Pastor der evangelischen Kirchengemeinde Vegesack in Bremen. Für einige Wochen im Jahr ist er als Bordseelsorger unterwegs.

"MS Amadea verlässt Miami und nimmt Fahrt auf nach Cape Canaveral", tönt es über Lautsprecher. Passagiere und Schauspieler sind auf den Freidecks erschienen, um das Ablegen mitzuerleben. Die Filmmusik vom Traumschiff flutet alle Decks - und los geht's.

Die Passagiere dieser Reise genießen das Privileg, mitzuerleben, wie der Film entsteht und sie können mitmachen. Ich will das auch und stehe als Komparse bereit. Meine Aufgabe: Abends auf dem Freideck an einem festlich gedeckten Tisch zum Dinner Platz zu nehmen und zu essen, das heißt: so zu tun, als ob ich äße. Hinter mir spielt die Musik: Claudia Rieschel, Irene Krugler und Tayfun Bademsoy sitzen dort, es geht um Problembewältigung, so viel bekomme ich mit. Mich umdrehen und gucken, was da los ist, darf ich nicht, allenfalls in der Drehpause kann ich beobachten, was die Maskenbildnerin mit den Schauspielern macht. Der Seewind verweht immer wieder die langen Haare der Frauen, Haarspray kommt zum Einsatz. Und wieder heißt es: "Dreh! Und Action!" Zwei Stunden lang immer wieder "Dreh!" und alles wieder von vorne, nur etwas anders, solange bis der Regisseur endlich zufrieden ist. Auf dem Deck über uns verfolgen viele Passagiere, was die Filmleute und wir Komparsen so treiben. Jedenfalls bringen die Schauspieler mehr Geduld auf als wir. Der eine oder andere von uns murrt irgendwann: "Wie lange dauert das denn noch?"

In einer Pause stehe ich neben Harald Schmidt und komme mit ihm ins Gespräch. Seinen Tag am Strand fand er gelungen, besonders die Kontakte zu Amerikanern. Ihr "easy going", das Leben leicht zu nehmen, beeindruckte ihn. "Frag' einen US-Amerikaner: 'How are you?' Und er wird gute Laune verbreiten: 'Oh, great, what a wonderful day'". Und fragte man einen Deutschen: "Oh, oh, seit Neuestem habe ich Probleme mit der Verdauung und mein Arzt kann mir nicht helfen, aber meinem Nachbarn geht's noch schlechter."

Der Dreh geht weiter: Harald Schmidt alias Kreuzfahrtdirektor Oskar Schifferle geht von Tisch zu Tisch, wechselt einige Worte mit den Dinnergästen. Es geht nicht um den Ton, sondern um Bilder - so erklärt sich folgender spontaner Dialog an unserem Tisch. Schifferle fragt mich: "Leihen Sie mir 100 Euro?" Ich: "Wofür brauchen sie die?" Schifferle: "Für meine Kinder?" Ich: "Wahrscheinlich haben sie in jedem Hafen eins. Sie Armer, sie brauchen Seelsorge." Schifferle: "Nein, ich brauche ihr Geld." Easy going an Bord. Bei seinem nächsten Rundgang befragt er uns nach unserer Verdauung. So habe ich ihn immer wieder erlebt: Schlagfertig und den Schalk im Nacken.

Das Schiff wandelt sich während der Drehtage zum Set. Das Filmteam rückt mit 30 Personen an, die Ausrüstung bringt es auf 10 Tonnen, allein die Hauptkamera hat einen Wert von 100.000 Euro. Auf dem Schiff herrscht Raumnot. Normalerweise halte ich im Kino Vorträge zu Lebensfragen - nicht auf dieser Reise: Es dient als Requisitenkammer und ist bis unter die Decke vollgestopft mit falschen Blumen, falschen Torten, Hüten und was weiß ich noch allem.

Florian Silbereisen als Traumschiff-Kapitän

Immer wieder trifft man auf das Team bei der Arbeit. Verweilt einen Moment, guckt, was gerade gespielt wird, und geht weiter. Dass die ZDF-Leute da sind, wird ganz normal, wie das Meer ringsherum. Die Schauspieler mischen sich unter die Passagiere, sitzen an den Bars, liegen auf den Sonnendecks, gehen in die nächtlichen Shows. Kein Passagier belästigt sie, keiner drängt sich mit Autogrammwünschen auf, leben und leben lassen eben.

Hollywood entdeckte in den 1980er Jahren die Kreuzfahrt als Chance für romantische Filme. "Love Boat" diente als Vorlage für "Das Traumschiff". Nunmehr läuft die Serie seit fast 40 Jahren und wird damit nur noch vom Tatort übertroffen. "Mir geht die Welt aus", klagte der frühere Produzent Wolfgang Rademann einmal - überall hatte man schon mehrfach auf den Traumschiffen Vistafjord, Astor, Berlin, Deutschland und Amadea gedreht. Seinen Nachfolger lerne ich abends in der Havannabar, der Raucherbar, kennen.

Der neue Filmkapitän Florian Silbereisen verhält sich freundlich, aber zurückhaltend. Auf keinen Fall ist er schwer deprimiert. Auf der Titelseite einer Illustrierten hatte ich gelesen, dass die Trennung von Helene Fischer ihm heftig zusetze. Er ist vergnügt bei der Sache, immer zu einem lockeren Spruch aufgelegt. Ich erzähle ihm während einer Drehpause vom Bordgottesdienst: "Das Schiff  hat gerade enorm geschaukelt, als der Kapitän im Gottesdienst war." Seine Reaktion darauf: "Das ist doch klar, wenn keiner von uns Kapitänen auf der Brücke ist."  Offensichtlich identifiziert er sich schon total mit seiner neuen Rolle. Die Kreuzfahrtgäste wissen nicht so genau, was sie von ihm halten sollen: "Er soll junges Publikum ansprechen", sagen die einen. "Er ist nicht seriös genug für einen ehrwürdigen Kapitän", sagen die anderen. Heide Keller, als Beatrice die Vorgängerin der jetzigen "Hoteldirektorin" Barbara Wussow, hat sich eindeutig festgelegt: Florian sei die falsche Besetzung. Warten wir's mal ab…

Barbara Wussow: "Ich fürchte den Tod nicht"

Wenn die Passagiere sich in den Restaurants zum Abendessen eingefunden haben, breitet sich andernorts Leere und Stille aus. Der neue Produzent, Christian Stocklöv, fasst mir das inhaltliche Konzept kurz zusammen: Die scheinbar unlösbaren zwischenmenschlichen Probleme lösen sich am Ende in Luft auf  - Happy End! Sehr einfach, aber macht gute Laune. Ich stimme ihm zu: Normalerweise schaue ich sonntagsabends den Tatort im Ersten. Am Ende stehen die Kommissare an ihrer Lieblings-Bratwurstbude, futtern, trinken, aber glücklich gucken sie nicht, eher tief enttäuscht über die Menschen und ihre Abgründe, voraussehend: Der nächste Mörder kommt bestimmt. Froh und gut gelaunt war ich nach einem Tatort noch nie - wohl aber nach dem Traumschifffilm vor meiner Abreise. Obwohl die Handlung ziemlich schlicht war, berührte mich, dass die fehlgeschlagenen Liebesversuche zweier junger Leute am Ende doch klappten, und dass der Kapitän eine schöne Rede über das Glück im Leben hielt. Kein nächster Mörder weit und breit.

Barbara Wussow fällt der Kontakt zu den Gästen an Bord ganz leicht, immer wieder ist sie im Gespräch mit ihnen. Sie besucht meinen Gottesdienst und statt über die Predigt unterhalten wir uns über religiöse Dinge. Die "Bord-Kirche" ist voll, als die Schauspielerin erzählt, dass sie eine Klosterschule besuchte und auch heute regelmäßig in die katholische Messe gehe. Auf Reisen hat sie immer ein bestimmtes religiöses Bild dabei - den strahlenden Jesus der polnischen Schwester Faustina: Jesus strahlt aus und gibt Energie. Die hat Barbara Wussow gebraucht, als sie ihre Eltern in den Tod begleitete. Heute kann sie sagen: "Ich fürchte den Tod nicht."

Sie scheint für ein Leben an Bord gut geeignet zu sein. Bei der Atlantiküberquerung von Kanada nach Irland sind wir vier Tage auf dem Meer. Nicht jeder Schauspieler kann das ab: auf engstem Raum ohne Ausweichen, immer umgeben von Kollegen und Passagieren.

Die Fernsehleute kommen gut miteinander aus. Das kann ich beobachten. Produzent Stöcklov erzählt mir, dass er Schauspieler, die sich nicht über längere Zeit in eine Gruppe einfügen könnten, gar nicht mitnähme.

Im Gegensatz zu ihrer Kollegin Nele Kiper kommt Barabara Wussow mit dem Wind gut klar. Vier Tage lang stürmt er, acht bis zehn Windstärken, und schmeißt das Schiff hin und her. Nele Kiper muss sich vom Bordarzt Anti-Brechmittel spritzen lassen. Immer wieder fällt sie während der Dreharbeiten aus dem Bild. Selbst der Filmkuss von Anne (Nele Kiper) und Bastian (Martin Gruber) will auf dem wankenden Schiff erst nach mehreren Versuchen richtig glücken. Ich kann das gut verfolgen, ich bin Statist und nehme im Hintergrund mein Frühstück ein. Wie das im Fernsehen aussehen wird, werde ich zu Neujahr sehen.