"Pfarrer brauchen Zeit für ihre Gemeinde"

Inge Schneider, Synodalpräsidentin der Württembergischen Landeskirche, geht in Rente.

© Getty Images/EyeEm/Ivan Kuzmin

Wer Kirche leiten will, müsse sich an mindestens einen Tag im Monat zurückziehen und auf Gott hören. Diesen Rat, den Inge Schneider, Synodalpräsidentin der Württembergischen Landeskirche, einst erhalten hatte, empfiehlt sie heute auch Pfarrer*innen.

"Pfarrer brauchen Zeit für ihre Gemeinde"
Inge Schneider, Synodalpräsidentin der Württembergischen Landeskirche, erzählt im Interview von den Herausforderungen und Wundern ihres Lebens und künftigen Baustellen ihrer Kirche. Im Streit um die Segnung gleichgeschlechtlich Liebender hatte sie einen Weg ebnen können. Nun endet ihre Arbeit.

Frau Schneider, Sie geben Ihr Amt als Präsidentin der Synode der Landeskirche Württemberg am 15. Februar 2020 ab. Zuvor waren Sie viele Jahre Vorsitzende des Finanzausschusses. Was lernt man, wenn man 24 Jahre Mitglied einer Synode ist?

Inge Schneider: Ich habe gelernt, dass manches langsam geht, dass man beharrlich sein muss, wenn man etwas erreichen will, aber dass man doch etwas bewegen kann. Und zwar viel mehr, als man immer denkt, wenn es gelingt, die Menschen mitzunehmen und die verschiedenen Gruppen der Synode als Bereicherung zu sehen. Man erfährt aber auch, dass jeder Mensch verschiedene Begabungen hat. Zur Kunst der Leitung gehört es auch, Menschen an die Stelle zu setzen, an der sie ihre Begabung einbringen können.

Und welche Eigenschaften machen Sie stark?

Schneider: Ich musste von Jugend auf dafür kämpfen, dass ich das machen konnte, was mir wichtig war und das hat mich stark gemacht. Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen. Als erste in der Familie ging ich auf eine weiterführende Schule. Ich wollte unbedingt Lehrerin werden und hab es dann auch erreicht. Meine Begabung für Mathematik hat mir dabei geholfen.

Aber ich hatte auch das Glück, das mir alles, was ich gemacht habe großer Freudebereitet hat. Egal ob Schulunterricht, Missionsarbeit, Finanzausschuss oder auch Präsidentin, ich war immer mit ganzem Herzen und voller Freude dabei. Ich denke, dass das auch ein Geschenk Gottes ist! Im Rückblick kann ich sagen: Präsidentin ist das schönste Amt in der Kirche.

Sie haben einmal mit den Worten "Arbeiten unter Kreuz und Bibel" umschrieben, was für Sie Synode ausmacht. Welche Rolle spielt Frömmigkeit in Ihrem Leben?

Schneider: Eine große Rolle. Wir waren in den 1980er Jahren vier Jahre in der Mission in Tansania, wo wir aufgrund von Nahrungsmittelengpässen und mangelnder medizinischer Versorgung viel offensichtlicher wie hier auf Gott angewiesen waren. Die Erlebnisse und Gebetserhörungen dort haben meine gesamte Familie stark geprägt. Die eigene Beziehung zu Gott ist mir ganz wichtig. Theophil Schubert, der ehemalige Kirchenpräsident von Basel hat mir vor Jahren den guten Rat gegeben: "Wenn Du Kirche leiten willst, dann musst Du Dich an mindestens einen Tag im Monat zurückziehen und auf Gott hören". Ganz geschafft habe ich das nicht, aber stille werden, die Probleme vor Gott ablegen, innerlich zur Ruhe kommen und auf Gott hören und die Erfahrung, dass Gott redet , gehört zu meinem Leben unbedingt dazu.

Ich wünsche mir, dass mehr Menschen solche Erfahrungen machen können. Professor Hartmut Rosa sagte beim 150-jährigen Jubiläum der Landessynode in Stuttgart: "Menschen brauchen heute Resonanzräume, wo sie still werden und sich mit Gott in Verbindung setzen können. Öffnet eure Kirchen, bietet Räume der Ruhe an." Ich setze mich daher dafür ein, dass mehr Kirchen tagsüber geöffnet sind.

Was macht Sie glücklich, erreicht zu haben?

Schneider: Ende der 1990er Jahre habe ich die liturgische Kommission davon überzeugen können, dass wir eine Arbeitshilfe zum Thema "Segnen" brauchen. Das Segnen war damals noch sehr umstritten. Heute ist auch eine Einzelsegnung was ganz Normales. Überall werden Kinder bei der Einschulung oder Erwachsene bei der Tauferinnerung gesegnet und der Glaube wird dadurch erfahrbar. Das freut mich sehr.

Aber wir haben noch andere Schätze, die gehoben werden könnten: Schuld und Vergebung sind Themen, die viele Menschen bewegen. Manche Menschen gehen dann in Talkshows und reden öffentlich über ihre Tat, ohne dass ihnen damit geholfen wäre. Es ist wichtig, dass es Orte gibt, an denen Menschen zu sich selbst und ihrer Schuld stehen und innerlich heil werden können. Es freut mich daher sehr, dass die Synode beschlossen hat, das Thema Beichte wiederzubeleben. In einem ersten Schritt wollen wir künftig in großen Kirchen anonyme Seelsorge und Beichtgelegenheiten anzubieten.

"Wir dürfen nicht auf Kosten der nächsten Generation leben"

Von Haus aus bin ich Lehrerin für Mathematik und Religion. Von daher haben mich Fragen der Finanzverwaltung auch immer besonders interessiert. Um die Jahrtausendwende habe ich die Biberacher Tabelle entwickelt, ein System, mit dem in Württemberg die Gelder von der Landeskirche bedarfsgerecht an die Kirchenbezirke verteilt werden. Außerdem habe ich auch am Pfarrplan mitgearbeitet, einem System, das Pfarrstellen und Pfarrstellenkürzungen möglichst gerecht im Land verteilt. Als Vorsitzende des Finanzausschusses war mir außerdem sehr wichtig, dass wir die Pensionen absichern. Allerdings erschwert die aktuelle Zinspolitik mit ihren Minus-Zinsen die finanzielle Vorsorge. Wir dürfen heute nicht Gelder verbrauchen und auf Kosten der nächsten Generationen leben. Es war mir wichtig unsere Finanzplanung für die Synodalen transparent zu machen. Die einzelnen Ausschüsse haben Budgethoheit für ihren Bereich erhalten. Wir haben Finanzmittel für die Flüchtlingsarbeit bereitgestellt, wobei wir darauf Wert legen, dass stets gleich viele Gelder bei uns und in den Herkunftsländern eingesetzt werden wollen

Wie kann es der Kirche gelingen, Gottes Kraft für junge Menschen erfahrbar zu machen?

Schneider: Bei der Kirchenwahl 2019 wurden in der württembergischen Landeskirche viele junge Menschen gewählt, so dass wir jetzt einen großen Anteil von unter 40-Jährigen in der Synode haben. Das wird die Kirche verändern, da die jungen Synodalen stärker die Sicht der Jugend in die Kirche einbringen können, wenn wir den Mut haben ihnen den notwendigen Freiraum zu geben.

Welche Chancen sehen Sie in der Digitalisierung?

Schneider: Die positive Seite der Digitalisierung ist für mich die höhere Transparenz. Als erste Landessynode arbeiten wir seit sechs Jahren papierlos. Über sein Synodalgerät kann jeder Synodale auf alle Ausschussprotokolle und Unterlagen zugreifen und ist somit stets informiert, was in den verschiedenen Ausschüssen verhandelt wird. Wir streamen unsere Synodentagungen live im Internet, damit jeder im Land verfolgen kann, was wir diskutieren.

 

Allerdings sehe ich auch Gefahren zum Beispiel durch den Arbeitsplatzabbau und die mögliche Überwachung. Man denke nur die Zustände in China. Eine Alexa kommt mir nicht ins Haus.In der Digitalisierung liegen auch Möglichkeiten für neue Formen der Verkündigung. Wir lassen derzeit mit bayerischer und badischer Unterstützung ein Abenteuerspiel für Jugendliche entwickeln: "One of 500". Es bietet die Möglichkeit, interaktiv in die Welt der Evangelien einzutauchen und so spielerisch die Bibel kennenzulernen. Das ist eine Chance um ganz andere Milieus wie seither zu erreichen.

Ich bin evangelisch, weil…

Schneider: …ich gerne in der Bibel lese und weil das zum Evangelisch sein gehört. Weil ich die Freiheit liebe! Weil es mir wichtig ist, dass wir alle - auch die Frauen, auch die Laien  - zum priesterlichen Dienst berufen sind und einen unmittelbaren Zugang zu Gott haben.

Sie selbst waren ursprünglich gegen die Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren. Nach intensivem Ringen beschloss die 15. Landessynode unter Ihrer Leitung, einem Viertel der württembergischen Kirchengemeinden auf Antrag zu ermöglichen, Segnungsgottesdienste für gleichgeschlechtliche Paare zu beschließen. Den einen ging der Beschluss zu weit, den anderen hingegen nicht weit genug. Wie denken Sie heute darüber?

Schneider: Das war die schlimmste Zeit in meinem Amt. Die Angriffe kamen von beiden Seiten - manche waren schon fast bösartig. Ich finde, wir haben für Württemberg einen guten Kompromiss gefunden. Gemeinden können sich für einen Segnungsgottesdienst entscheiden, aber keine muss sich damit befassen. Wir versuchen, das Gewissen eines jeden zu achten und nehmen darauf Rücksicht, dass wir die Bibel verschieden auslegen. Wir werden uns da in Württemberg vermutlich nie auf eine Linie einigen können. Mir ist aber wichtig, dass wir uns deshalb nicht gegenseitig den Glauben absprechen. Es kann nicht sein, dass jeder für sich beansprucht nur seine Lesart der Bibel sei die einzig richtige. Die einen bestehen darauf, dass Homosexualität Sünde sei und die anderen behaupten, dass eine Segnung die Erfüllung des Liebesgebotes Jesu sei. Wir verstehen die Bibel verschieden und wir lassen das so stehen. In unserer Gesellschaft nehmen gerade Radikalität und die Intoleranz gegenüber Überzeugungen, die nicht der eigenen Filterblase entsprechen, zu. Wir müssen wieder lernen, miteinander zu reden und es aushalten, verschiedener Meinung zu sein!

Nun müssen wir Erfahrungen mit unserem Gesetz sammeln. Auch ich war ja ursprünglich dagegen, habe dann aber gesehen, dass es für den Frieden in der Kirche einfach notwendig ist, verschiedene Ansichten anzuerkennen. Wie ich schon sagte, ist Segnen für mich was sehr Wichtiges. Es ist eine Grundaufgabe von uns, Segen auf Menschen zu legen und in der Bibel steht nirgends, welche Voraussetzungen diese Menschen mitbringen müssen.

Inwiefern ist Ihnen Seelsorge ein wichtiges Anliegen?

Schneider: In jedem Leben gibt es schwierige Zeiten. Dann fragt man: Mein Gott, warum lässt Du das zu? Unser Sohn Daniel wurde mit dem Down-Syndrom und einem damals nicht operablen Herzfehler geboren. Er ist durch einen OP-Zwischenfall geistig schwer behindert, war sauerstoffpflichtig und Tag und Nacht auf Pflege angewiesen. Nach seiner Geburt sagten sie uns, dass er wohl nicht älter als ein oder zwei Jahre werden würde. Die Situation war für die ganze Familie sehr belastend und ich habe im Umfeld gesehen, wie viele Ehen an solchen Belastungen zerbrechen.

"Ich glaube, dass wir damals ein Wunder erlebt haben"

Unsere Ehe hätte das sicherlich auch nicht ausgehalten, wenn uns nicht ein sehr guter Seelsorger begleitet hätte. Solch eine seelsorgerliche Begleitung möchte ich Menschen in der Landeskirche Württemberg auch ermöglichen. Wenn ich sie nicht gehabt hätte, wäre ich irgendwann an der Situation verzweifelt, hätte den Glauben aufgegeben. Mein Seelsorger hat mir beigebracht, Fragen, die sich dann stellen, nicht in sich zu verschließen, sondern zuzulassen. Man muss sie vor Gott aussprechen und zwar so lange, bis man auch eine Antwort hat, mit der man leben kann.

Ich glaube, dass wir damals ein Wunder erlebt haben. Eines Tages war ich an den Grenzen der Belastbarkeit angekommen. Die Tag- und Nachtpflege ging über meine Kräfte. Ich habe zu Gott geschrien: "Es ist aus! Ich kann nicht mehr! Ich bin am Ende!". Da passierte es: Eine Heilpädagogin, die ich nicht kannte, rief mich an und sagte, sie hätte von Gott den Auftrag, unserer Familie zu helfen und so lange zu bleiben, wie sie gebraucht würde. Sie gab die Hausleitung, die sie damals hatte, ab und blieb ein Jahr bei uns, zu dem Preis, den wir bezahlen konnten. Man kann es kaum glauben! Das hat mich darin bestärkt, dass Gott uns hört. Wir dürfen ehrlich sein und weder uns noch ihm etwas vormachen. Deshalb ist mir Seelsorge so wichtig

Wofür sollten Pfarrer mehr Zeit bei der Ausübung ihres Berufes erhalten?

Schneider: Sie sollten mehr Zeit zum Gebet haben. Wenn man nicht selbst mit Gott ins Gespräch kommt, kann man anderen nichts erzählen. Pfarrer sollen Zeit für die eigene Stille haben, Zeit für die gute Vorbereitung der Predigt und für ihre Gemeinde. Einer meiner Söhne, die beide Pfarrer sind, erzählte mir, dass er, wenn jemand im Sterben liegt, jeden Tag fünf oder zehn Minuten bei der Familie vorbeischaut. Auch wenn das nicht viel Zeit ist, wissen die Gemeindemitglieder, dass er da ist, wenn sie ihn brauchen.

Welche Ereignisse waren die Höhepunkte Ihrer Präsidentschaft?

Schneider: Bestimmt waren dies die Feierlichkeiten zum 150. Jubiläum der Landessynode in Württemberg und natürlich zum 500. Reformationsjubiläum auf dem Schlossplatz in Stuttgart. Besonders waren natürlich auch der Deutsche Evangelische Kirchentag 2015 in Stuttgart oder die Reise nach Namibia zur Reformationsfeier des Lutherischen Weltbundes.

Was sind aus ihrer Sicht die großen künftigen Baustellen der württembergischen Landeskirche?

Schneider: Da gibt es erst einmal eine ganz reale Baustelle: Das Dienstgebäude des Oberkirchenrats im Stuttgarter Osten wird abgerissen und neu aufgebaut. Zudem wollen wir die Verwaltung der Pfarrämter vereinfachen. Dann stelle ich mir die Frage, wie wir junge Pfarrerinnen und Pfarrer mit in unsere Entscheidungen einbeziehen können. Wie können wir junge Pfarrerinnen und Pfarrer motivieren, in den Gemeindepfarrdienst mit seinen Belastungen und Einschränkungen des Privatlebens zu gehen und welche Entlastungen brauchen sie dafür? Wie kann angesichts von Pfarrstellenkürzungen auf dem Land das gemeindliche Leben aufrechterhalten werden?

"Pfarrer müssen genügend Zeit für Seelsorge haben"

Ich bin wieder zunehmend optimistisch in Bezug auf die Kirche. Ein Gottesdienst, der sprachlich und theologisch gut und ein Erlebnis im besten Sinne ist - so ein Gottesdienst hilft mir im Leben, bietet mir etwas und wird auch von den Menschen besucht. Kasualgottesdienste sind gute Gelegenheiten um Menschen zu erreichen. Wenn sie merken, dass ihnen ein Gottesdienst Lebenshilfe gibt, dann kommen sie auch wieder und können eine Beziehung zu Gott aufbauen. Pfarrer müssen daher genügend Zeit für die Verkündigung und für Seelsorge haben.

Oft denken wir nur über Projekte nach, die wir zusätzlich beginnen wollen. Künftig wird die große Kunst sein, auch mal Arbeitsbereiche zu lassen. Das tut natürlich weh, denn jede kirchliche Arbeit  hat ihren eigen Wert, aber wir werden um Schwerpunktsetzungen nicht herumkommen. Mir wäre es wichtig, dass wieder erfahrbar wird, dass Kirche ein Ort der Hoffnung ist. Wir dürfen gewiss sein, dass unser Leben und die Zukunft in Gottes Hand liegen und wir das Reich Gottes nicht selbst schaffen müssen.

Welchen Rat haben Sie für Ihre Nachfolge?

Schneider: Sie soll sich Zeit nehmen für persönliche Stille und für das Gebet, das Reden mit Gott. Sie soll nicht parteiisch sein. Es ist schwierig, wahrzunehmen, dass andere ihren Glauben vielleicht auch ganz anders leben. Da nicht Partei zu ergreifen ist wichtig. Aber vor allem möchte ich vermitteln: Meine Arbeit hat mir Spaß gemacht. Ich kann wirklich dankbar auf mein Leben zurückblicken.