"Wir planen besser als der Staat"

Pfarrer und Vikar betreten Kirche

© epd-bild/Rainer Oettel

Einzug der Konfirmanden in die Dorfkirche Lohmen. Pfarrer und der Vikar bilden den Abschluss.

"Wir planen besser als der Staat"
Kirchlicher Personalchef zieht nach zehn Jahren im Amt Bilanz
Nach zehn Jahren als Personalchef der württembergischen Landeskirche geht Oberkirchenrat Wolfgang Traub in den Ruhestand. Im Interview erläutert er, warum Pfarrpläne die Zukunft der Kirche besser machen und warum man Nachwuchstheologen auch Optionen außerhalb des Pfarrdienstes eröffnen sollte.

Sie mussten die Landeskirche mit Pfarrplänen darauf vorbereiten, dass es künftig weniger Pfarrstellen gibt. Eine undankbare Aufgabe?

Wolfgang Traub: Nein, eine notwendige Aufgabe. Es ist klar, dass wir als Landeskirche kleiner werden. Das ist die Realität, der wir uns stellen müssen, ohne gleich von einem Niedergang zu sprechen. Ohne Pfarrpläne wären mittelfristig bestimmte Regionen in der Landeskirche unterversorgt, und das wollen wir verhindern. Der Pfarrplan wurde leider häufig unter der Überschrift "Stellenstreichungen" gesehen, und es wurde nicht verstanden, dass es eigentlich um die Zukunftsfähigkeit der Kirche und der Versorgung ihrer Mitglieder geht.

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Wolfgang Traub

Wolfgang Traub, Jahrgang 1956, ist seit 2010 Leiter des Dezernats 3 "Ausbildung und Pfarrdienst" im Oberkirchenrat der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Zuvor war er Gemeindepfarrer und Dekan, Geschäftsführer beim Gesamtverband für Kindergottesdienst in der EKD und stellvertretender Präsident der württembergischen Landessynode. Am 28. November 2019 geht er in Ruhestand.

Die Zahl der Personen im Pfarrdienst wird von derzeit knapp 2000 innerhalb von 30 Jahren auf dann 1200 sinken. Warum machen Sie jungen Leuten dennoch Mut zum Theologiestudium?

Traub: Weil weiterhin viele Stellen zur Verfügung stehen werden, für die wir geeignete Kandidatinnen und Kandidaten suchen. Derzeit nehmen wir jährlich 46 Personen in den Pfarrdienst  auf. Das wird erst nach 2030 sinken. In aller Bescheidenheit darf ich sagen: Wir planen hier besser als der Staat, wenn ich mir die ständig wechselnde Einschätzung des Lehrerbedarfs in Baden-Württemberg ansehe.

"Es kann nicht sein, dass jede kleine Gemeinde ihren eigenen Kirchengemeinderat hat"

Bekommen wir in Württemberg auf dem Land bald ostdeutsche Verhältnisse, wo sich ein Pfarrer um zehn oder noch mehr kleine Ortsgemeinden kümmern muss?

Traub: Zuerst will ich sagen, dass unsere Maßnahmen in den vergangenen zehn Jahren gut gegriffen haben. Die Höchstzahl der Kirchenmitglieder, für die ein Pfarrer zuständig ist, wird 2030 um 140 niedriger liegen als zu Beginn meiner Amtszeit angenommen. Ja, die Flächen werden größer, die von einer Pfarrerin oder einem Pfarrer versorgt werden müssen, aber von ostdeutschen Verhältnissen sind wir doch sehr weit entfernt.

Dennoch wird in immer weniger Pfarrhäusern Licht brennen, weil der Stelleninhaber nicht mehr vor Ort wohnt?

Traub: Dahinter steckt zum einen die Frage nach den kirchlichen Immobilien. Wir werden in Zukunft gar nicht mehr alle brauchen. Auch kann es nicht sein, dass jede kleine Kirchengemeinde ihren eigenen Kirchengemeinderat hat, weil sonst die Pfarrerinnen und Pfarrer zu viel Arbeitszeit in Sitzungen verbringen. Das würde gerade die kleinen Gemeinden auf dem Land für Bewerber unattraktiver machen. Deshalb haben wir neue Modelle gesucht, etwa die Verbundgemeinden, in der mehrere Kirchengemeinden zusammenarbeiten und trotzdem Eigenständigkeit bewahren.

Vor ein paar Jahren haben Sie gewarnt, freiwerdende Pfarrstellen könnten nicht mehr alle besetzt werden. In letzter Zeit hieß es dann, die Versorgung mit Nachwuchspfarrern sei nicht gefährdet. Was hat sich geändert?

Traub: Wir hatten vorübergehend eine Vorruhestandsregelung, die von einigen wahrgenommen wurde und wodurch die Zahl der freien Pfarrstellen noch einmal anstieg. Das wurde an den Rändern der Landeskirche zu einem richtigen Problem. Das Instrument des Pfarrplans hat dann aber sehr geholfen, wieder ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Personen im Pfarrdienst und vorhandenen Stellen zu bekommen. Außerdem haben wir die Dienstaufträge flexibler gestaltet. Jetzt können beispielsweise in der Eltern- oder Pflegezeit auch Stellen angenommen werden, die einen geringeren Umfang als 50 Prozent haben. Auch das Ausbildungsvikariat soll künftig in Teilzeit möglich sein.

"Die Jüngeren haben mehr Selbstbewusstsein, bestimmte Dinge zu fordern"

Wäre es nicht höchste Zeit, noch mehr Interessierten den Zugang zum Pfarrberuf zu eröffnen, die nicht den üblichen Weg über die Universität genommen haben?

Traub: Das tun wir bereits. So bilden wir Diakoninnen und Diakone für den Pfarrdienst weiter. Dann haben wir Zugänge über berufsbegleitende Masterstudiengänge. So etwas gibt es etwa in Heidelberg und Marburg, in Tübingen bereiten wir diesen Studiengang derzeit vor. Ich hoffe, dass dieser zum Wintersemester 2020/21 starten kann. Wir wollen aber weiterhin eine Abschlussprüfung bei der Ausbildung, um das Zusammendenken von biblischem Verständnis, systematischer Theologie und ihrer Bedeutung für den pfarramtlichen Dienst nachzuweisen. Auch die Leistungen von Absolventen theologischer Seminare können teilweise anerkannt werden, doch ohne diese Abschlussprüfung ist eine Übernahme in den Pfarrdienst derzeit nicht denkbar. Das ist auch im Blick auf die Möglichkeit, die Stelle zwischen den Landeskirchen zu wechseln, eine wichtige Voraussetzung.

Was hat sich bei den Pfarrern verändert? Geht die jüngere Generation anders an den Beruf heran als die ältere?

Traub: Die jüngere Generation geht mit dem Gefühl in den Beruf: "Wir sind die wenigen, die gebraucht werden." Die früheren Generationen hatte eher das Gefühl: "Wir sind die vielen, von denen es immer genug gab." Die Jüngeren haben also mehr Selbstbewusstsein und auch eher die Bereitschaft, bestimmte Dinge zu fordern. Was junge Leute heute auch stärker suchen, ist die Freiheit, sich vielleicht auch beruflich noch einmal zu verändern. Für diese Frage bräuchten wir in unserem Pfarrdienst jedenfalls eine Lösung. Das ist rechtlich gar nicht so einfach, weil wir zwar Menschen freistellen können, dann aber zu klären ist, wer beispielsweise im Krankheitsfall für die Beihilfe aufkommt. Aber diese Option sollten wir eröffnen, damit nicht das Gefühl bei den jungen Pfarrerinnen und Pfarrern entsteht: "Ich bin in diesem Beruf gefangen."

Bei Ihrem Einführungsgottesdienst vor zehn Jahren haben Sie vor Perfektionismusdenken gewarnt, denn die Bibel rede nicht der Überforderung von kirchlichen Mitarbeitern das Wort. Wie sehen Sie das heute?

Traub: Wir sind da auf einem guten Weg. Wir kommen nur voran, wenn wir eine Kultur der Fehlerfreundlichkeit haben.

aus dem chrismonshop

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