Der Unbequeme

Jugendpfarrer Lothar König aus Jena

© epd-bild/Matthias Rietschel

Der Jugendpfarrer Lothar König ist vor dem Amtsgericht Dresden wegen Landfriedensbruchs angeklagt. Der 59-Jährige hatte im Februar 2011 in Dresden an einer Demonstration gegen den Aufmarsch von Rechtsextremisten teilgenommen. Dabei soll der Jugendpfarrer zu Gewalt gegen Polizisten aufgerufen haben.

Der Unbequeme
Am Sonntag wird Jenas bundesweit bekannter Stadtjugendpfarrer Lothar König in den Ruhestand verabschiedet
Wenn es um Neonazis geht, kennt Lothar König keine Kompromisse. Nach einer Demo in Dresden 2011 wird der Pfarrer angeklagt. Der Vorwurf: Aufruf zur Gewalt, schwerer Landfriedensbruch. Der Prozess macht ihn bekannt. Jetzt geht er in Rente.
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Seit März ist Lothar König 65. Mit einem Gottesdienst in Jenas zentraler Kirche St. Michael wird er am Sonntag vom Dienst entpflichtet. Nicht wenige Menschen in der Politik, bei der Polizei und auch in der Amtskirche sehnen diesen Ruhestand herbei. Mit seinen kompromisslosen Auftreten für seine Junge Gemeinde, mit seinem Kleinbus, der fast auf jeder Demo gegen alte und neue Nazis auftaucht, seine ganze Art bis hin zur unvermeidlichen Fluppe - Lothar König nervt. Seit mehr als drei Jahrzehnten gilt für ihn: irgendwas ist immer.

"Diplomatisch ausgedrückt: er ist unbequem", sagt Christhard Wagner und lächelt. Früher war er Landesjugendpfarrer und lange Jahre Königs Vorgesetzter. Wenn einer für Menschen da ist, die Sorgen machen, weil sie Sorgen haben, geht das nicht anders, meint Wagner. Wenn einer mit den unangepassten Leuten geht, die in der normierten Gesellschaft nicht zurechtkommen, "der geht auch manchmal zu weit". Das gelte heute wie vor 40, 50 Jahren, als sich die Offene Arbeit als Angebot der Kirchen etablierte.

Musik, Gespräch und Aktion

Lothar König, Jahrgang 1954, wächst in einem Dorf im Südharz auf. Der Ärger mit der Obrigkeit beginnt in der Schule. Er setzt sich 1968 für Dubceks Prager Frühling ein und lernt Volkspolizei und Stasi kennen. Er wird erst Zerspanungsfacharbeiter und 1977 Diakon. Später studiert er Theologie in Erfurt und Jena und stößt schnell zur Jungen Gemeinde Jena "Stadtmitte". In der Offenen Arbeit lernt er neue Formen der kirchlichen Jugendarbeit kennen: Lesekreise, Rockmusik und freie Gespräche, aber auch Aktionen gegen das repressive System.

Seit 1986 lebt er als Pfarrer in Merseburg. Im Schatten der Schornsteine der Chemiewerke von Buna und Leuna baut er eine Junge Gemeinde auf. Seine Stasiakte wird immer dicker. Dann kommt der Herbst 1989. Der Pfarrer organisiert die Montagsdemos in der Stadt mit. 1990 zieht König nach Jena. Dort wird die Junge Gemeinde mehr und mehr zum Ziel einer erstarkenden Neonazi-Szene, die schließlich der rechten Terrorgruppe NSU den Boden bereitet. Aus den Auseinandersetzungen trägt der Pfarrer eine Narbe über dem rechten Auge davon - von einem Schlagring. Seine Warnungen vor den Rechtsextremen finden wenig Gehör.

Stoisch gegen die Mächtigen

Der Pfarrer kümmert sich um die linken und die christlichen, vor allem um die suchenden Jugendlichen. Mehr und mehr gerät er mit seinen Schützlingen in den Blick von Polizei. Es gibt Drogenrazzien und andere Schikanen, Gelder werden gestrichen. Vielen in der Stadt, die wirtschaftlicher Leuchtturm im Osten sein will, stinkt der bunte Haufen. Das alles steht der stämmige Mann mit dem Rauschebart anscheinend stoisch durch; die nackten Füße in den ewigen Sandalen fest auf dem Boden - und fester noch im Glauben.

Den braucht er auch. 2011 protestiert er mit seiner Jungen Gemeinde zusammen mit Tausenden gegen Neonazis in Dresden. In Sachsens Landeshauptstadt kracht es. Danach will die Justiz dem Gottesmann den Prozess machen. Er soll von seinem Kleinbus, dem "Lauti", zu Gewalt aufgerufen haben. Der Vorwurf: schwerer Landfriedensbruch. Sächsische Polizisten durchsuchen sein Haus - ohne sich in Thüringen anzumelden. Zeugenaussagen stellen sich als falsch heraus, von der Anklage präsentierte Tonbandmitschriften entpuppen sich als wahrheitsfern.

Irgendwas ist immer

Der Prozess macht Lothar König populär. Seine Kirche steht hinter ihm. Eine breite Öffentlichkeit solidarisiert sich mit ihm, die Zeitungsseiten sind voll mit seiner Geschichte. Der erste Prozess platzt, ein zweiter endet 2013 mit der Einstellung des Verfahrens. Allerdings muss König 3.000 Euro zahlen. Es ist sein Beitrag zum Rechtsfrieden, begründet er den Vergleich. Er verspricht, ich bleibe Aufrührer mit Sinn und Verstand gegen Unrecht in diesem Land.

Nun sind es nicht nur die Nazis, gegen die er aktiv vorgeht. Auch die AfD bekämpft er seit ihrem Erstarken. Die Auseinandersetzungen bleiben nicht folgenlos. Mal beschlagnahmen Polizisten bei ihm Datenträger, mal nehmen sie ihm den Führerschein weg, weil er einen Beamten angefahren haben soll. Es bleibt dabei: irgendetwas ist immer. Der "andere" Lothar König kommt Anfang Juli wieder zum Vorschein. Mit seiner letzten Werkstatt der Offenen Arbeit. Es steht ein Umbruch bevor. Auch für Lothar König, den Ruheständler.