Wie der Dom zum Volksfest wurde

Der Hamburger Dom.

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Einst hatte die Hansestadt wirklich einen Dom in ihrem Zentrum, wo heute ein Volksfest statfindet: Der Hamburger Dom.

Wie der Dom zum Volksfest wurde
Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der Hamburger Dom in der Innenstadt abgerissen
Vor gut 200 Jahren haben die Hamburger ihren gotischen Dom im Stadtzentrum abgerissen. Was von ihm noch geblieben ist: der Klang seiner Glocke - und eines der größten Volksfeste im Norden.
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Wenn Hamburger heute "auf den Dom" gehen, denken sie an Achterbahn, Zuckerwatte und Kinderkarussell - der "Hamburger Dom" ist ein beliebtes Volksfest. Doch einst hatte die Hansestadt wirklich einen Dom in ihrem Zentrum. Vor gut 200 Jahren haben die Hamburger den gotischen Prachtbau abgerissen. Dass das Volksfest heute seinen Namen trägt, ist kein Zufall.

Und das kam so: Der fünfschiffige Dom, dessen Ursprünge bis ins 9. Jahrhundert zurückgehen, stand zwischen der heutigen Hauptkirche St. Petri (Mönckebergstraße) und dem Verlagsgebäude der "Zeit" (Speersort). Er zählte zu den größten mittelalterlichen Kirchbauten in Norddeutschland. Der "Domplatz" ist heute ein freier Platz. Rund 40 Sitzbänke markieren den ehemaligen Standort der Säulen.

Verfall des Doms

Wenige Jahre nach Luthers Thesenanschlag 1517 verbreitete sich auch in Hamburg evangelisches Gedankengut, 1529 wurde die Kirchenordnung des norddeutschen Reformators Johannes Bugenhagen angenommen. Einige Domherren verließen daraufhin Hamburg, andere wurden evangelisch. Mit dem Dom ging es bergab. Er hatte keine eigene Kirchengemeinde mehr. Das Gebäude verfiel, die wertvolle Bibliothek wurde verkauft und Gottesdienste immer seltener.

Händler und Handwerker konnten zu jener Zeit Stellplätze am und im Dom anmieten. Und hier liegen nun die Wurzeln des Volksfestes: Im Dom herrschte in seinen letzten Jahren offensichtlich lebhaftes Treiben. Zahllose Kerzen erhellten den "engen, sonst verödeten Kreuzgang", heißt es in einem Bericht von 1802. Dazu kämen "das Gestoße, Getobe und Geschrei der Zuckerbäckerknechte und anderer sich priviligiert (rpt.: priviligiert) dünkender Lärmer". Es sei aber "überaus traurig anzusehen, wie sich das alte, ehrwürdige Gebäude der Domkirche seiner endlichen Auflösung mit schnellen Schritten nähert".

Abriss macht Verkäufer, Gaukler und Handwerker heimatlos

1803 wurde der Dom verstaatlicht und fiel an die Stadt. 1804 wurde hier der letzte Gottesdienst gefeiert, ein Jahr später der Dom abgebrochen. Steine und Grabplatten wurden zu Baumaterial. Zuvor mussten noch rund 25.000 Leichen in der Kirche exhumiert und auf dem Michaelis-Friedhof am Dammtor wieder bestattet werden.

Postkarte mit "Gruss vom Hamburger Dom" mit Flohzirkus, Karrussel und Hippodrom.

Mit dem Abriss wurden die Verkäufer, Handwerker und Gaukler heimatlos. Nach einigen Zwischenstationen siedelten sie sich 1893 auf dem Heiligengeistfeld vor den Toren der Stadt im heutigen St. Pauli an - wo noch heute dreimal im Jahr der "Hamburger Dom" gefeiert wird.

Aber auch der Glockenklang des Doms ist erhalten geblieben: Die viertgrößte Glocke wurde seinerzeit für 2.690 Mark Courant von der Gemeinde Altengamme im Osten Hamburgs gekauft, mit den Spenden von drei begüterten Gemeindemitgliedern. Bis heute ruft "Celsa" in den Vierlanden zum Gottesdienst in eine der schönsten Kirchen der Hansestadt.

Die drei großen Glocken des Doms gingen an die benachbarten Kirchen, wo sie bei Bränden zerstört wurden. Der Weg der beiden kleinsten Glocken ist unbekannt. Knapp 100 Jahre lang läutete "Celsa" in Altengamme, dann zersprang sie in der Karwoche 1904. Der 40 Zentimeter lange Riss wurde genietet, 1988 wurde sie dann noch einmal geschweißt.

Die evangelische Kirche St. Nicolai zu Altengamme in Hamburg-Altengamme.

Der einstige Riss habe den Glockenklang nicht beeinträchtigt, sagt Altengammes Pastor Martin Waltsgott. "Sie klingt wunderschön." Allerdings läute sie nur zehn Minuten lang, damit sie nicht zu sehr belastet werde.

Mittlerweile hat Hamburg mit der 1893 erbauten St. Marienkirche im Stadtteil St. Georg wieder eine "Domkirche": Als am 7. Januar 1995 das katholische Erzbistum gegründet wurde, stieg sie zum "Mariendom" auf. Die evangelische Kirche hat keinen Dom. Die Predigtstätte von Bischöfin Kirsten Fehrs aber ist mindestens ebenso bekannt wie der "Hamburger Dom" - es ist das Hamburger Wahrzeichen "Michel".

Joist Grolle: Ein Stachel im Gedächtnis der Stadt: Der Abriß des Hamburger Doms. In: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte, Jg. 84 (1998)