TV-Tipp: "37 Grad: Wo ist meine Familie?" (ZDF)

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TV-Tipp: "37 Grad: Wo ist meine Familie?" (ZDF)
23.7., ZDF, 22.15 Uhr
Das Thema Adoption ist ein Dauerbrenner bei "37 Grad": Alle Jahre wieder begleiten Autorinnen und Autoren Männer und Frauen bei der Suche nach deren Wurzeln. Die Schicksale ähneln sich naturgemäß, Abweichungen gibt es nur im Detail.

Die einen wussten schon früh, dass sie als Kind adoptiert worden sind, andere wie die 34jährige Jennifer aus dem Film "Wo ist meine Familie?" haben das erst als Erwachsene erfahren. Wie so oft in solchen Fällen hatten die Adoptiveltern den richtigen Moment verpasst; als Jennifer heiraten wollte und dafür ihre Geburtsurkunde brauchte, stellte sie verblüfft fest, dass ihre eigentlichen Eltern ganz andere sind. Bei vielen Adoptivkindern ist die abweichende Hautfarbe ein unübersehbares Indiz. Auch Jennifer hat eine dunkle Haut, aber ihre Adoptiveltern sind eine weiße Frau und ein Afroamerikaner.

Titel früherer Reportagen wie "Die Reise meines Lebens" oder "Ein Leben lang vermisst" verdeutlichen die tiefe Sehnsucht jener Adoptivkinder, die stets eine große Leerstelle in ihrem Dasein fühlten. Bei Jennifer ist das anders, sie hatte eine glückliche Kindheit und ist ihren Adoptiveltern auch nicht böse, dass sie ihr nie die Wahrheit über ihre Herkunft gesagt haben. Die Frau vom Suchdienst, die ihre Tätigkeit als "Herkunftsberatung" bezeichnet, erzählt, was eine erfolgreiche Suche bei vielen anderen ihrer Kunden auslöse: Sie fühlten sich "im eigenen Leben wieder zuhause."

Die zweite Ebene gilt einem Mann in den Fünfzigern, auch er macht einen psychisch stabilen Eindruck. Zu seinem Vater hatte er vorübergehend Kontakt; nach der Geburt seiner eigenen Tochter vor neun Jahren wollte er auch die Mutter kennenlernen. Dieser Handlungsstrang entpuppt sich als Geschichte mit Zügen eines Agententhrillers: Michaels Vater war DDR-Spion in Paris, ist Mitte der Sechziger enttarnt worden und musste ins Gefängnis. Von seiner Ehefrau, Michaels Mutter, hatte er sich scheiden lassen, aber der Suchdienst, den der Mann beauftragt hat, findet die Spur der zweiten Frau; womöglich handelt es sich ja doch um die Mutter, die bloß eine neue Tarnidentität angenommen hat.

Angela Giese und Florian Hartung hätten diesen Teil des Films auch als Krimi erzählen können, aber so funktioniert "37 Grad" natürlich nicht; es geht um Empathie und Mitgefühl, um Mitleiden und Mitfreuen. Die beiden Ebenen ergänzen sich in dieser Hinsicht vortrefflich: Jennifer findet ihre Wurzeln tatsächlich, Michaels Suche geht weiter. Aber auch die Geschichte der jungen Mutter hat zunächst gewisse Unwägbarkeiten, denn oft wollen die leiblichen Eltern ihre Kinder aus unterschiedlichsten Gründen gar nicht kennenlernen. Für Jennifer jedoch ist die Begegnung mit dem Vater ein Happy End in jeder Hinsicht: Er lebt in Texas, war einst als Soldat in Deutschland stationiert, wusste überhaupt nichts von seiner Tochter und spricht vom glücklichsten Tag seines Lebens. Schon am Flughafen wird sie von der ganzen Familie begrüßt.

Im Unterschied zu vielen vergleichbaren Reportagen wahrt die Kamera taktvolle Distanz und verzichtet auf Tränen in Nahaufnahme; die Herzlichkeit der Begegnung überträgt sich auch so. Angesichts dieser Emotionen ist es im Grunde überflüssig, dass Giese und Hartung auch noch Jennifers Brustkrebs zur Sprache bringen, zumal sie die Krankheit überwunden hat. Viel wichtiger ist eine andere Information: Ihre leibliche Mutter will keinen Kontakt. Erneut sorgt die Herkunftsdetektivin für die richtige Einordnung: In solchen Fällen hilft sie den Suchenden, sich bewusst zu machen, dass dies keine Ablehnung ihrer Person sei, schließlich kennen die Elternteile sie ja gar nicht. 

Michaels Fall ist weniger emotional, zumal der Mann bei aller Auskunftsfreude sein Herz nicht auf der Zunge trägt; außerdem sind die Hintergründe deutlich komplizierter. Entsprechend groß ist der Erklärungsbedarf, was den Film etwas textlastig wirken lässt; der angenehme Sprechstil von Suzanne Vogdt gleich das wieder aus. Dieser Teil des Films würdigt nicht zuletzt die Arbeit des entsprechenden Suchdienstes. Die Tätigkeit dieser Firmen umfasst viel Archivarbeit, aber Michaels Gespräche mit der Ermittlerin in Paris deuten an, wie umfangreich die Recherchen werden können. Ein Subthema kann das Autorenduo nur andeuten, weil es Stoff für eine eigene Dokumentation wäre, wie Giese in einem Statement zu ihrem Film erzählt: In der DDR sind tausende Kinder ohne Einverständnis ihrer Eltern zur Adoption freigegeben worden, Namen und Geburtsdaten wurden verändert; die Eltern waren oft Kritiker des Regimes. Bei Michael lagen die Dinge jedoch anders, er ist bei Großmutter und Tante aufgewachsen; trotzdem kann es gut sein, dass seine Mutter ihn aufgrund einer politischen Zwangsmaßnahme weggeben musste.

Dank der beiden komplexen Ebenen und des vielen Materials können Giese und Hartung weitgehend auf Inszenierungen verzichten. Meist tut es dem Fluss einer Reportage nicht gut, wenn die Protagonisten angehalten werden, Dinge nur für die Kamera zu tun. Wenn Michael mit seiner Tochter Frisbee spielt, passt das gut in den Rahmen des Films. Gestellt wirkt allein ein Moment, als sich Jennifer zu wohltemperierten Klavierklängen ans Ufer setzt und so tun soll, als würde sie nachdenken, aber dank der beiden starken Geschichten stört die Szene auch nicht weiter.

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