Der geheimnisvolle Sarkophag

Seit über fünf Jahren sind in der Mainzer Johanniskirche die Archäologen am Werk.

© epd-bild / Kristina Schäfer

Archäologische Ausgrabungen in der Johanniskirche in Mainz, Blick in den abgesperrten Ausgrabungsbereich. Die Mainzer Johanniskirche ist eine der ältesten Kirchen Deutschlands

Der geheimnisvolle Sarkophag
Archäologen haben in der Mainzer Johanniskirche schon so manche Sensation zutage gefördert. In der kommenden Woche wird ein 1000 Jahre altes mutmaßliches Bischofsgrab geöffnet.

Spätestens um halb neun am 4. Juni soll ein Spezialkran die schwere Steinplatte anheben, die seit einem Jahrtausend den Sarkophag einer mutmaßlich sehr wichtigen Persönlichkeit verschließt. Was dann passiert, weiß derzeit noch niemand. Denn über den Inhalt des Grabes im Mittelschiff der Mainzer Johanniskirche gibt es bislang nur Mutmaßungen. In jedem Fall dürfte die lange Geschichte archäologischer Sensationen im "alten Mainzer Dom" um ein Kapitel länger werden. "Wann hat man schon einmal die Gelegenheit, bei einer Sarkophag-Öffnung dabei zu sein?", schwärmt der evangelische Dekan Andreas Klodt. "Das hat natürlich was vom Tal der Könige."

Seit 2013 ist die Johanniskirche eine einzige riesige Bau- und Grabungsstelle - und wurde zu einer Art Eldorado für die beteiligten Archäologen. Sie stellten verblüfft fest, dass Teile der Kirchenmauern sich bis ins 5. oder 6. Jahrhundert zurückdatieren lassen, was St. Johannis zu einer der ältesten Kirchen Deutschlands macht. Anders als früher angenommen ist außerdem allen Kriegen, Stadtbränden und Bombenschäden aus dem Zweiten Weltkrieg zum Trotz ein Großteil der Bausubstanz aus der Zeit vor dem Jahr 1000 bis heute erhalten geblieben.

Von der Öffnung des rund 1000 Jahre alten Sarkophags erhoffen sich Historiker entscheidende Erkenntnisse über die Geschichte der Stadt.

Grab wird gleich wieder verschlossen

Im Jahr 2017 waren die Archäologen um den Schweizer Forschungsleiter Guido Faccani dann an einer zentralen Stelle im Mittelschiff auf die Ecke eines Sarkophags gestoßen, in dem sie eine bedeutende Persönlichkeit vermuten. Die Hypothese der Wissenschaftler lautet, dass in dem steinernen Grab der 1021 verstorbene Mainzer Erzbischof Erkanbald liegen könnte. Wenn sich die Vermutung bestätigen lässt, wäre dies der allerletzte Beweis dafür, dass St. Johannis mit dem Vorgängerbau des weltberühmten Mainzer Doms identisch ist und zu Zeiten legendärer Kirchenoberer des ersten Jahrtausends wie Bonifatius und Willigis Mainzer Bischofskirche war.

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Bereits jetzt steht für Faccani fest, dass der Sarkophag vor rund 1000 Jahren verschlossen und seither nie mehr geöffnet wurde. Daher hoffen die Forscher, dass sich im luftdicht abgeschlossenen Inneren beispielsweise Gewänder erhalten haben könnten. Auch Grabbeigaben wie ein Bischofsring könnten sich dort befinden. Um für alle Fälle vorbereitet zu sein, wird ein größeres internationales Expertenteam nach Mainz kommen - darunter auch Textilfachleute und Anthropologen. Ihnen bleibt nicht viel Zeit, um das Geheimnis des Grabes zu klären: Der Sarkophag soll noch am selben Tag wieder geschlossen werden, eine Entnahme von Funden ist ausdrücklich nicht gewünscht. "Es geht darum, die Person zu identifizieren, nicht darum, ihn zu vermessen", begründet Faccani sein Vorgehen. "Wenn dort Erkanbald liegt, ist unsere Arbeit getan."

Dass das Grab komplett leer ist, können die Archäologen zwar nicht ausschließen, sie halten es aber für extrem unwahrscheinlich. Zu aufwendig sei der Sarkophag gestaltet, sagt Faccani. Eine Voruntersuchung mit Röntgenapparaten wäre grundsätzlich möglich gewesen, und Einrichtungen wie das Bundeskriminalamt verfügten über die nötige Spezialtechnik, erklärt der Forschungsleiter. Röntgenbilder hätten aber die Identität des mutmaßlich dort bestatteten Menschen nicht klären können, und sie wären extrem aufwendig und auch nur um den Preis "größerer Zerstörungen" an der Grabungsstätte möglich gewesen.

Die Mainzer Johanniskirche sei ein Ort, an dem man herausfinden könne, "wo wir als Gesellschaft herkommen", sagt Dekan Klodt. Die Forschungen in der Kirche könnten auch Hinweise darauf geben, wie sich das römische Provinzzentrum Mainz nach dem Zerfall des Weltreichs weiterentwickelte. Aber auch, wenn sich die These vom Bischofsgrab nicht bestätigt, bleibe St. Johannis für die Mainzer Protestanten der "Alte Dom". "Dass die These plausibel ist, liegt auf der Hand", sagt Dekan Klodt, "und es ist durch historische Dokumente belegt."

Für die Öffentlichkeit ist die Grabungsstelle  am Samstag, 8. Juni, von 11 bis 15.30 Uhr zugänglich. Grabungsleiter Guido Faccani und Stadtkirchenpfarrer Gregor Ziorkewicz stehen dann für Erläuterungen bereit