Gott wohnt in den Kirchen

Kirchenbänke in buntes Licht gehüllt

© Stanislava Karagyozova/istockphoto

Wohnt Gott wirklich in den Kirchen?

Gott wohnt in den Kirchen
Das Bedürfnis der Menschen, Gott irgendwo verorten zu können, scheint groß zu sein. Aber wohnt Gott wirklich in den Kirchen? Lässt er sich in Kathedralen, Schränkchen und Bücher einsperren?
Deutschland spricht 2019

Die Frage, "Was sind Sakralbauten?", beantwortet der Katechismus der Katholischen Kirche so: "Sie sind Stätten des Gebets, in denen die Kirche vor allem die Eucharistie feiert und Christus anbetet, der im Tabernakel wirklich gegenwärtig ist." Gott im Tabernakel, dem Aufbewahrungsschränkchen für die in der Messe zu Christi Leib gewandelten Hostien?

Das ist anders als in evangelischen Kirchen. Da liegt auf dem Altar meist eine aufgeschlagene Bibel - als Zeichen dafür, dass Gott in seinem Wort anwesend ist.

Das Bedürfnis der Menschen, Gott irgendwo verorten zu können, scheint groß zu sein. Aber wohnt Gott wirklich in den Kirchen? Lässt er sich von in Kathedralen, in Schränkchen und Bücher einsperren? Nein, sagt schon die Apostelgeschichte, indem sie den Propheten Jesaja zitiert: "Der Allerhöchste wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind, wie der Prophet spricht: 'Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße; was wollt ihr mir denn für ein Haus bauen', spricht der Herr, 'oder was ist die Stätte meiner Ruhe? Hat nicht meine Hand das alles gemacht?'" (Apostelgeschichte 7,48ff)

Aber wo kann man Gott dann finden, wenn er an keinem bestimmten Ort wohnt? Paulus erklärt es den Korinthern in seinem ersten Brief so: "Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?"(1 Korinther 6,19) Gottes Geist, seine Lebenskraft, finden wir also bei uns selbst. Um Gott zu begegnen, brauchen wir keine großartigen Kathedralen. Es kann reichen, ihn bei sich selbst zu suchen. Deshalb konnte Jesus auch sagen: "Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten." (Matthäus 6,6) Aber auch das ist noch nicht alles.

Jesus, der so gerne mit anderen Menschen gemeinsam gegessen hat, wollte wohl nicht, dass man nun plötzlich auf die Idee kommt, man könne Gott nur in der Einsamkeit finden. Deswegen konnte er genauso sagen: "Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen." (Matthäus 18,20) Vor allem als Räume für diese Gemeinschaft bauen Christen Kirchen; schließlich bezeichnete das Wort Kirche - griechisch: ekklesia - ursprünglich auch kein Gebäude, sondern die Gemeinschaft der Christen.

Kirchen geben Raum für dieses Zusammensein, einen Raum, der anders ist als die Räume, in denen wir alltäglich ein und ausgehen. In einigen Kirchen erzählen Bilder und bunte Fenster Geschichten von Gott, in anderen lässt gerade die reduzierte Kargheit wahrnehmen, wie wenig wir wissen können über Gott. In Kirchen kann man zu sich finden und zur Gemeinschaft mit anderen in einem Raum, der den Blick vom Alltäglichen weg auf das ganz andere lenken will. Wer schon einmal aus dem Einkaufsrummel mitten in einer Großstadt heraus in eine Kirche hineingetreten ist, hat das sicher schon gespürt. Auf einmal scheint man in eine andere Welt einzutreten, die Tür schließt sich hinter einem, der Alltagslärm bleibt draußen. Man kann zu sich finden und zu Gott. Dann ist er vermutlich da.

Infos zur Serie
Mit ironischem Augenzwinkern räumt der Theologe Uwe Birnstein mit Vorurteilen auf, die es über das Christentum gibt. Dabei seziert er Irrtümer, die es über die Bibel, Kirchengeschichte, Konfession und dem christlichen Leben gibt.

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